Insel Utøya Streit über geplantes Denkmal für Breivik-Opfer

Als Mahnmal für den Massenmord von Utøya will der Künstler Jonas Dahlberg eine Landzunge in zwei Teile zerschneiden. Von der Jury gab es viel Lob für den Entwurf - doch inzwischen sorgt das Projekt in Norwegen für Ärger.

DPA/ Jonas Dahlberg Studio

Oslo - Als Anders Behring Breivik vor knapp drei Jahren ein Blutbad auf der Insel Utøya anrichtete, stand ganz Norwegen unter Schock. Nun soll im Gedenken an das Massaker eine Schneise in eine benachbarte Halbinsel geschlagen werden - symbolisch für die Wunde, die der Attentäter den Opfern, ihren Angehörigen und dem Land zufügte. Doch unter Anwohnern und Hinterbliebenen mehren sich jene Stimmen, die die geplante Gedenkstätte "Memory Wound" kritisch sehen.

Einen dreieinhalb Meter breiten Spalt will der schwedische Landschaftskünstler Jonas Dahlberg in eine kleine Landzunge graben, gegenüber der Insel, auf der Breivik am 22. Juli 2011 69 Menschen erschoss. An einer Seite der symbolischen Wunde sollen die Namen der Opfer eingearbeitet werden, auf der anderen Seite wird eine Besuchergalerie entstehen. Als sich eine Jury aus Künstlern und Architekten Ende Februar für diesen symbolträchtigen Vorschlag entschied, war die Begeisterung zunächst groß: Wie "eine Wunde oder ein Schnitt in der Landschaft" symbolisiere der Entwurf, "dass etwas weggenommen wurde", hieß es zur Begründung.

Doch seither wächst die Kritik. "Ich bin nicht gegen die Gedenkstätte als solche", sagt etwa Vanessa Svebakk, Mutter des mit 14 Jahren jüngsten Opfers. "Doch die Art der Auswahl und der Ort sind ein Problem für mich." Mit anderen Angehörigen fordert sie, das Projekt gründlich zu überarbeiten.

"Obwohl sie tot sind, sind sie noch immer unsere Kinder"

"Von Beginn des Verfahrens Ende 2012 an wurden wir, die am meisten betroffen sind, im Dunkeln gelassen", sagt Svebakk. "Es ist arrogant, die Namen der Kinder zu benutzen, ohne uns zu fragen. Obwohl sie tot sind, sind sie noch immer unsere Kinder." Es komme nicht in Frage, den Namen ihrer Tochter dort anzubringen, ein paar hundert Meter entfernt von der Stelle, wo sie gestorben sei.

Auch bei Nachbarn der geplanten Gedenkstätte regt sich Widerstand. "Es fällt uns ein bisschen schwer zu akzeptieren, dass wir für den Rest unseres Lebens jeden Tag an den 22. Juli erinnert werden", sagte Anwohner Ole Morten Jensen dem öffentlichen Sender NRK. "Ich brauche solche Mahnungen nicht. Ich habe auch so schon genug Erinnerungen."

Gegner des Mahnmals starteten eine Kampagne auf Facebook, die bislang knapp 900 Mitglieder zählt. Manche verurteilen das Projekt als "Vergewaltigung der Natur" und "Touristenattraktion", die zudem zur Pilgerstätte für Breivik-Bewunderer werden könnte. Der Geologe Hans Erik Foss Amundsen warnt zudem, das Felsgestein an der gewählten Stelle sei porös und könne mitsamt den Namen der Opfer ins Meer bröckeln: "Es ist, als grübe man sich durch einen Haufen Kies."

Die Befürworter des Mahnmals, das am 22. Juli 2015 eingeweiht werden soll, zeigen sich trotzdem zuversichtlich. "Öffentliche Kunst ruft immer eine Vielfalt unterschiedlicher Sichtweisen hervor, vor allem bei einem Werk, das an ein Drama wie Utøya erinnert", sagt Svein Björkaas, Direktor der norwegischen Organisation für öffentliche Kunst. "Aber die Erfahrung lehrt, dass die Kritik nach einer gewissen Zeit abnimmt."

Unterdessen wies der Juryvorsitzende Jörn Mortensen die Vorwürfe zurück: "Der Ort der Gedenkstätte war von Anfang an vom Staat vorgegeben. Der Vizevorsitzende der Gruppe der Opferfamilien war Mitglied des Auswahlkomitees." Die Opfer könnten auch anonym bleiben, betonte er. Und für Probleme mit porösem Untergrund gebe es technische Lösungen. "Unsere Aufgabe ist es, einen Ort der Erinnerung zu schaffen, und nicht einen Ort des Vergessens."

rls/AFP



insgesamt 21 Beiträge
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Koda 24.03.2014
1. Sollte man da nicht zuerst einmal die Opfer und deren Familien befragen?
Denn DIE hat es zuerst getroffen, nicht Norwegen als Staat oder Volk. Die natürlich auch, aber erst in zweiter Stelle. Klingt irgendwie nach einem politischen Aktionismus als Feigenblatt für die Politiker und die Künstler als Aushängeschild.
hobbyleser 24.03.2014
2. Die Idee ist trotzdem grandios
Aber die Bedenken sind natürlich nachvollziehbar.
mariameiernrw 24.03.2014
3. Medien halt
Es wirkt so ein bisschen als würden hier Medien etwas pushen. Facebook ist in Norwegen extrem populär und eigentlich jeder benutzt es. 900 Leute, die sich auf Facebook beschweren sind daher eher wohl wenig,
ichbinnurich 24.03.2014
4.
Ich persönlich finde die Idee dieses Denkmals gelungen, aber ich kann auch die Kritik der Angehörigen verstehen. wobei man natürlich auch die Anzahl der Kritisierenden bedenken sollte, wie hier bereits angemerkt wurde. Aber ich finde dies nicht sehr relevant, wenn man bedenkt, dass es nicht so viele Angehörige gibt und denen sollte man ein stärkeres Stimmrecht geben.
Badibu 24.03.2014
5. nicht schön
Ich persönlich finde den Einschnitt in die Landschaft eher verstörend, gut man will die Leere greifbar machen und die Besucher mit der Tat konfrontieren... aber gleich so aggressiv? Die Angehörigen sollten entscheiden, und ich kann mir vorstellen, dass die eher stille Trauer bevorzugen als dieses neue nationale Ausflugsziel mit "Aussichtsplattform", wo dann die Besucher mit dem Finger zeigen können: Und da drüben hat er dann die im Wasser erschossen...
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