Uups! - et orbi Der "Stellvertreter"-Krieg

Die "Congregatio de Causis Sanctorum" ist eine Art TÜV für Selige und solche, die es werden wollen. Die Prüfungskammer ist streng, sehr streng sogar, aber manchmal gibt es hier auch Wunder. Wer zwei Wunder vorweisen kann, darf sich selig schätzen.

Rom - Vergangenen Mittwoch saßen die Eminenzen und Exzellenzen der Kongregation wieder zusammen, im dritten Stock eines diskret postfaschistischen Gebäudes aus sienagelbem Ziegelstein. Das hatte laut Inschrift PIUS XII PONT MAX im Jubeljahr MDCCCCL (1950) am Petersplatz bauen lassen. Und genau um ihn ging es auch bei dem Treffen.

Seit vierzig Jahren läuft das Seligsprechungsverfahren für Pius XII., geb. Eugenio Pacelli. Weshalb solange? Weil Pacelli doppelt Pech gehabt hat in seinem Leben. Er wurde Papst, als auf Erden die Hölle los war, Hitler über den Kontinent herrschte, Stalin wütete, und der Kirchenstaat einem megalomanischen Hitler-Vasallen ausgeliefert war, der sich Duce nennen ließ. Da war es schwer, Papst zu sein.

Dann – zweites Pech – kam 1963 in der Berliner Schaubühne ein Sieben-Stunden-Stück zur Uraufführung. Es hieß "Der Stellvertreter" und war geschrieben von einem Lektor bei Bertelsmann, der gerade eine Million mal die Werke von Wilhelm Busch verkauft hatte: Rolf Hochhuth. Die drei Monate Sonderurlaub für den Bestseller hatte der genutzt, ein Stück über das Schweigen von Pius XII. zum Holocaust zu schreiben. "Der Stellvertreter" wurde nicht nur ein Welterfolg. Er ist bis heute das einzige Theaterstück, das auch im Himmel Wirkung hatte. Sozusagen. Denn das Bild eines kaltherzigen, diplomatisch lavierenden Papstes, dem das Überleben seines Hofstaats wichtiger war als das Leiden der Juden ist seit dem "Stellvertreter" nicht mehr aus den Köpfen herauszubekommen.

Für die einen ist Pacelli "Hitlers Papst" (John Cornwell, Daniel Goldhagen), für die anderen ist er ein Held und "Defensor Civilitatis" (so steht es in Stein gehauen an der Piazza Pio XII., gleich vorm Vatikan). Jedenfalls ist es bislang unmöglich gewesen, die Tore zum Himmel für Pacelli auf- und den üblichen Seligsprechungsprozess abzuschließen.

Seit vierzig Jahren wird durchleuchtet und abgeklopft, bewogen und gezögert, werden Expertenvoten eingezogen und Nachuntersuchungen verlangt. TÜV, wie gesagt. Mittwoch nun gab es den ersten Stempel. Pius XII. sei, so die Congregatio, "venerabile". Das ist der "heroische Tugendgrad", die erste Voraussetzung für eine Seligsprechung, und vielleicht klappt es noch bis zum nächsten Jahr, dem 50. Todestag Pacellis.

Vor kurzem saßen wir, Kollege Matthias Matussek, Rolf Hochhuth und ich, in des Dichters Plattenbau-Wohnung am Brandenburger Tor. Vor dem Fenster erstreckte sich das Stelenfeld, auf den Tellern lagen Erdbeertörtchen, und Hochhuth war genauso zornig wie eh und je. Hätten Sie, Herr Hochhuth, ihr Stück heute anders geschrieben? "Natürlich!", sagte Hochhuth und schaltete in den Modus Lux veritatis. "Natürlich! Hätte ich damals gewusst, was für ein genuin schlechter Mensch Pius war, hätte ich eine solche Unfigur auf die Bühne gestellt, dass das Stück unspielbar gewesen wäre." Der Papst habe noch 1942, im Jahr der Wannsee-Konferenz, vom ,halsstarrigen Volk der Juden und Gottesmörder’ gesprochen, sagte Hochhuth, und den Satz habe er irgendwo im Buch von John Cornwell gelesen.

Ein ungeheuerliches Zitat. Wenn es stimmen würde. Die Passage entstammt der Weihnachts-Allokution von 1942 ("Discorsi e radiomessaggi di S.S. Pio XII”, Bd. 4, Città del Vaticano 1960). Da beklagt Pius XII. die Opfer und Leiden des Krieges. Dann sagt er: "Die dem Apostel würdige Klage, die Klage, über die sich der Diener des Evangeliums nicht zu schämen braucht, erklingt aus jener Trauer, die auf dem Herz des Erlösers lastete und ihn Tränen vergießen ließ beim Anblick Jerusalems, das seiner Einladung und seiner Gnade mit starrer Verblendung und hartnäckiger Verleugnung entgegentrat, die es auf dem Weg der Schuld bis hin zum Gottesmord geführt hat." Kein Wort von Juden. Im Gegenteil, es ist ein Schrei gegen die Gottvergessenheit der Kriegsherren und Völkermörder der Gegenwart. Und genauso wurde die Ansprache damals verstanden.

"Der Stellvertreter” ist immer noch ein packendes Stück Theater, mit Passagen über die Deportation, die einem den Atem abschnüren. Ein großes Drama. Aber kein Geschichtsbuch.

Zum Abschied sagte Hochhuth uns, er arbeite gerade an einem Stück über die Ermordung des Bankiers Alfred Herrhausen. Seine These: Es war gar nicht die RAF. Die Amerikaner hätten dahintergesteckt.


Das Gespräch mit Rolf Hochhuth über Pius XII. und den Holocaust wird demnächst im SPIEGEL veröffentlicht. Zum Thema hat der ehemalige ZDF-Vatikanist Werner Kaltefleiter eine ausführliche Dokumentation ins Netz gestellt: http://blog.kath.de/kaltefleiter 

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