"Uups! - et orbi" Die Ware Papst

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort, aber wieso macht er auf Seite 368 oben einen Druckfehler? Zum 80. Geburtstag beschert SPIEGEL ONLINE Papst und Lesern eine regelmäßige Vatikankolumne. In der ersten Folge geht es ausgerechnet um den Teufel. Den Fehlerteufel.


Rom - Wie nur kam es zu dem Druckfehler? Und wieso steht im achten Kapitel auf Seite 316 auch noch "Kronz" statt "Kranz"? Fragen, auf die auch Benedikt XVI. keine Antwort hatte, als er sein eigenes Buch zum ersten Mal in die Hände bekam: "Jesus von Nazareth". 448 extra für ihn in weißes Leder gebundene Seiten. Und als Extra noch eine Faksimile-Seite des Manuskripts.

Werbeplakat für Papst-Buch: Ein Foto des Autors, davor Exemplare seines Jesus-Bestsellers
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Werbeplakat für Papst-Buch: Ein Foto des Autors, davor Exemplare seines Jesus-Bestsellers

"Oh, das ist ja mein Gekrickele..." Das war die Reaktion angesichts der unschönen, mit Steno- und sonstigen Kürzeln gespickten Fieberkurven, geduckt und winzig. Dennoch war der Papst zufrieden: "Das werde ich heute Nacht noch lesen", hatte er gesagt, und so saßen seine Lektoren und der Verleger Manuel Herder vergangenen Mittwoch nachts auf der Terrasse der "Residenza Paolo VI." und starrten auf zwei hell erleuchtete Fenster gegenüber, jenseits des Petersplatzes. Das Licht wollte nicht ausgehen.

Normalerweise geht der Papst spätestens um 23 Uhr schlafen. Aber jetzt war es schon nach Mitternacht: "Der liest das wirklich", sagte einer der Lektoren, und alle fürchteten sich vor dem Moment, an dem der Papst die vermaledeite Seite 368 aufschlagen würde, wo das Initial zu dicht am nächsten Buchstaben geklebt und irgendein Satanas der Software den Trennstrich in "ge heimnisvolle Figur" weggehext hatte. "Vielleicht sieht er's ja nicht." - "Vielleicht geht er doch vorher schlafen." Aber das Licht im Arbeitszimmer blieb an, noch bis um halb zwei.

Am nächsten Morgen kam vom Privatsekretär Georg "Don Giorgio" Gänswein die Nachricht, der Heilige Vater sei hochzufrieden mit seinem "Jesus", habe Register, Anhang, Typographie und Seitenband durchaus gelobt, wobei er nicht verschweigen wolle, dass dem Pontifex an zwei Stellen im hinteren Teil Druckfehler aufgefallen seien...

In der teutonischen Enklave im Kirchenstaat, dem "Campo Santo" standen dann am Freitagabend alle zusammen, bei Wein und Fingerfood, die Ratzingers "Jesus"-Buch geschaffen hatten. Es fehlte nur der Autor. Der saß gerade mit seinem älteren Bruder zusammen und schaute womöglich lieber fern - jedenfalls würde Georg Ratzinger wenig später von den traditionellen "Kommissar Rex"-Fernsehabenden in den päpstlichen Gemächern berichten.

Im Campo Santo also stand der Wiener Kardinal Schönborn, trank Wasser und predigte sanft gegen den Fundamentalismus seiner atheistischen Gegner, der Götzendiener Darwins. Ein höherer Funktionär des Kapuzinerordens machte den party-pooper und forderte auch für Befreiungstheologen jene Gedankenfreiheit, die "Joseph Ratzinger - Benedikt XVI." auf Seite 22 seines Buches anbot ("Es steht daher jedermann frei, mir zu widersprechen").

Neben ihm, im feinplissierten braunen Rock, wehrte die Ex-Stargambistin und Jetzt-Haushälterin Prof. Ingrid Stampa, von manchem ihrer Nähe zu Ratzinger wegen auch "Die Päpstin" genannt, die üblichen Fragen ab, kokett und in spitzen Fingern ein Espressotässchen balancierend.

Zu diesem Zeitpunkt war Benedikts Buch zwar noch nicht in den Läden, aber angesichts der Vorbestellungen schon auf dem Weg an den Platz 1 der Bestsellerlisten. "Noch nie in der Kirchengeschichte hat ein Papst ein Jesus-Buch geschrieben", erklärte Manuel Herder, der Verleger, während sein Programmleiter Burkhard Menke, der Ratzinger seit Jahren lektoriert, sich mit Prosecco über die Seite 368 oben hinwegzutrösten versuchte: "In der zweiten Auflage wird das behoben."

Am Eingang hatten einige dunkle Herren gestanden, sehr im Abseits, und waren nach dem ersten Toast wieder verschwunden. Das war die "Libreria Editrice Vaticana". Es herrscht nämlich ein heftiger Disput. Es stehen Ratzinger-Verleger gegen Papst-Editoren. Von "Erpressung" ist die Rede, von frommer Gier nach Geld und Macht. Per Dekret hatte die Kurie sich die Urheberrechte an allen Ratzinger-Werken zugesprochen. Das hatte sie bei Karol Wojtyla zwar auch schon so gemacht, aber dessen vorpäpstliche Schriften waren auch nur von irgendwelchen polnischen Untergrundverlagen verbreitert worden. Der Vielschreiber J.R. dagegen ist vermutlich der meistgedruckte Kardinal der Kirchengeschichte.

Kein Wunder, dass sich seine bisherigen Verleger gegen die Expropriation wehren. Sie müssen jetzt um die Lizenzrechte bitten, und wer die alten Rechte nicht freiwillig rausrückt, der bekommt auch keine neuen. Zumal im heute erscheinenden "Jesus von Nazareth" auf Seite 129 wieder eindringlich vor der "Gottheit Mammon" gewarnt wird: Sind uns doch die Gefährdungen des Reichtums aufgegangen, "angesichts des Missbrauchs ökonomischer Macht, angesichts der Grausamkeiten eines Kapitalismus, der den Menschen zur Ware degradiert" - den Menschen, und manchmal auch den Papst.



insgesamt 5 Beiträge
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Hartmut Dresia, 16.04.2007
1. Dank und Anerkennung
Die Kolumne "Uups! - et orbi" hat Niveau und Klasse, sie hat mich sehr erfreut. Die Kolumne bietet Hintergründe, ohne indiskret zu sein, hoffentlich ist das stilbildend. Nachdem Stefan Schmitt in seinem Beitrag vom 12. April 2007 "Papst weist Naturwissenschaft in die Schranken" doch sehr polemisch und auch unfundiert argumentiert hat, bietet Alexander Smoltczyk ein Beispiel für unterhaltenden Journalismus, der dem Leser durch Niveau Respekt zollt. Neben dem heutigen Werk des Papstes "Jesus von Nazareth" sollte auch das Buch Schöpfung und Evolution (http://www.magazin.institut1.de/801_Literatur_aktuell.html) beachtet werden, denn dort bietet JR entgegen der Fehleinschätzung Stefan Schmitts eine fundierte Grundlage für den Diskurs von Naturwissenschaften und Theologie.
DJ Doena 16.04.2007
2. Papst im All.
Opi im Orbit wär mir persönlich ja am liebsten.
Marthe Schwertlein, 17.04.2007
3. Katholische Kirche ist großes Kino und der Papst ist ihr Topstar
Is' doch auch nicht schlimm. Ich finde die Papst-Devotionalien (http://www.benedikt-superstar.de ) nicht peinlicher als Bundesliga-Trikots auf Fan-Schultern, die von passenden Schals umhüllt sind. Die Menschen fühlen sich wohl dabei und das ist doch das wichtigste. Marthe Schwertlein
toskana2 17.04.2007
4. ... ich dachte ...
---Zitat--- "Er hatte schon immer diese Aura eines Kardinals: hochintelligent bei der Abwesenheit jeglicher Erotik." Uta Ranke- Heinemann ---Zitatende--- Nörgeln und Lästern ist en vogue! Und das auf hohem Kopflastigkeitsniveau - der SPIEGEL ist natürlich mit dabei! Was die Erotik angeht: Ich dachte dafür wäre die "Beate Uhse AG" zuständig und nicht ausgerechnet der Papst! So kann sich halt der Mensch irren! PS Augenscheinlich hält sich Uta Ranke-Heinemann für erotisch! Sonst würde sie ja nicht über den Papst lästern!
reflexxion 18.04.2007
5. der Milliardenhirte
mag sein es gibt über eine Milliarde Katholiken auf der Erde, d.h. aber nur, die überwiegende Mehrzahl der Menschen ist nicht katholisch. Wieso also treibt der Spiegel-online hier so einen eher einseitigen Personenkult. Für mich ist ein Papst ein Mensch wie jeder andere, zumindest wie jeder andere "Politiker". Er ist 80 geworden, toll - meine Mutter ist 82 und gemessen daran auch noch topfit, naja sie war halt auch so eine Trümmerfrau...
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