Uups! - et orbi Nachhilfegebet für die Juden

Zu Ostern darf im katholischen Gottesdienst erstmals wieder nach altem Ritus "Für die Juden" gebetet werden, damit sie aus ihrem Irrtum erwachen und auch katholisch werden. Der Papst hat es erlaubt. Warum sind die Betroffenen dann nur wieder so undankbar?

Rom - Vierhundert Jahre lang wurde von Katholiken, wenn auch ohne großen Erfolg, zu Gott dem Allmächtigen gebetet, um die "treulosen Juden" aus ihrer "Verblendung" zu befreien. Das war karfreitäglicher Ritus und seit dem Jahr 1570 vorgeschrieben vom Trienter Konzil. Nach der 68er-Revolution der Katholiken, dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wurde der Ritus abgeschafft, und es hieß in der Fürbitte nun sehr höflich: "Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will ...".

Benedikt XVI. bei der Karfreitagsprozession im vergangenen Jahr

Benedikt XVI. bei der Karfreitagsprozession im vergangenen Jahr

Foto: REUTERS

Am 7. Juli 2007 ließ Benedikt XVI. zur Freude von Traditionalisten und dem Schriftsteller Martin Mosebach den tridentinischen Ritus als Sonderform wieder zu. In allen seinen Sätzen, wie er im "Missale Romanum" festgeschrieben war. Dass damit in Kirchen auch die Rede vom treulosen Juden wieder möglich sein würde, war wohl wieder keinem aufgefallen. Kann man an alles denken?

Nach entsprechenden kritischen Nachfragen ordnete der Papst dann am 4. Februar an, dass von nun an im Karfreitagsgebet folgender Text zu beten sei: Oremus et pro Iudaeis ut Deus et Dominus noster illuminet corda eorum, ut agnoscant Iesum Christum salvatorem omnium hominum. Oremus. Flectamus genua. Levate. Omnipotens sempiterne Deus, qui vis ut omnes homines salvi fiant et ad agnitionem veritatis veniant, concede propitius, ut plenitudine gentium in Ecclesiam Tuam intrante omnis Israel salvus fiat. Per Christum Dominum nostrum. Amen.

Auf Latein klingt das prima, weil es sowieso keiner versteht. In der deutschen Übersetzung ist der Missionsauftrag, sofern der Priester nicht stark nuschelt, dagegen ziemlich deutlich: "Lasst uns auch beten für die Juden. Dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen. Lasset uns beten. Kniet nieder. Erhebt euch. Allmächtiger, ewiger Gott, der du alle Menschen erlösen und zur Wahrheit führen möchtest, gewähre gnädig, dass ganz Israel das Heil erlangt,wenn die Schar der Völker vollständig in deine Kirche eintritt. Durch Christus, unseren Herrn. Amen."

Die Diplomatie des Vatikans ist der Auffassung, dass man mit dieser Korrektur den Juden schon ziemlich weit entgegengekommen sei. Zumal ohne es zu müssen und aus freien Stücken. Außerdem werden ohnehin nur drei bis fünf Promille der Priester den Text verwenden. Trotzdem wird Ostern 2008 in die Kirchengeschichte eingehen. Mit päpstlicher Erlaubnis wird zum ersten Mal seit vierzig Jahren in Kirchen wieder dafür gebetet, dass die Juden ihren Irrtum einsehen mögen und sich der einen – also katholischen – Kirche anschließen.

Ostern 2008, siebzig Jahre nach den brennenden Synagogen in Deutschland. Der Gesprächskreis "Juden und Christen" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat Benedikt XVI. vergangene Woche um eine Entschärfung der Fürbitte gebeten. Die Neufassung beschädige das gewachsene Vertrauen zwischen Katholiken und Juden schwer. Auch die italienischen Rabbiner sind irritiert: "Eine Denkpause im Dialog" sei jetzt nötig, erklärte Rabbiner-Präsident Giuseppe Laras.

Vergangene Woche wurde in Rom eine Festschrift zum 75. Geburtstag von Kardinal Walter Kasper vorgestellt. Der Schwabe ist einer der maßgeblichen Theologen der Gegenwart und vom Papst beauftragt, den Dialog mit anderen Religionen zu führen, bzw. nicht abbrechen zu lassen. Gerade hat ihm Ronald S. Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, ein Glückwunschschreiben geschickt: "Despite differences of opinion here and there, there is today no better relationship between two religions than that between Catholics and Jews, and this is in no small part your achievement" (zu deutsch: "Trotz gelegentlicher Meinungsverschiedenheiten existieren heutzutage keine besseren Beziehungen zwischen zwei Religionen als zwischen Katholiken und Juden. Dies ist in nicht geringem Maße Ihr Verdienst").

Kasper wurde natürlich auf den Konflikt angesprochen, bemühte sich aber sichtlich, alles für ganz normal zu erklären. Er habe schon mit Rabbinern gesprochen, und die angekündigte Erklärung von Kurienchef Kardinal Bertone werde die Wogen glätten. Schon zuvor hatte Kasper erklärt, die Gebetspassage stamme aus dem Römerbrief des Apostels Paulus und drücke die Hoffnung aus, dass "am Ende der Geschichte auch das Volk Israel in die Kirche eintritt". Die Karfreitagsfürbitte äußere eine "Hoffnung und nicht den Vorsatz", unter Juden Mission zu treiben.

Das mag theologisch richtig sein. Und ist gewiss allen einsichtig, die derzeit gern Römerbrief-Exegesen lesen statt Jonathan Littells Holocaust-Epos "Die Wohlgesinnten". Und vielleicht hätte man sich von einem so wortmächtigen Papst wie dem derzeitigen einen Satz erwarten können, der mit einem Wort auf gewiss andere, aber dafür sehr diesseitige Erfahrungen mit Heil und Juden eingeht, und mit einheitlich erlösten Völkern.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.