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06. November 2007, 05:56 Uhr

Uups! - et orbi

Super-Pio und die geheime Bestellung

Von , Rom

Padre Pio ist der Star unter den Heiligen. Er wird verehrt wie Elvis, ist populärer als Jesus und seine Stigmata waren echter als die aller anderen - oder? Eine neue Studie wirft die Frage auf: Was tat Pio mit den Unmengen an Nervengiften und Karbolsäure, die er heimlich bestellte?

Rom - "Seine falschen Beziehungen zu den Gläubigen richten ein Unheil in den Seelen an", notierte Papst Johannes XXIII. im Juni 1960, und er hoffe nur, dass die Vorsehung dem Spuk bald ein Ende bereiten werde. Die Rede ist von Padre Pio, geboren als Francesco Forgione. Dem Papst hatte der Kapuzinermönch aus Apulien noch nie behagt. Er war zu fanatisch, zu mystisch, zu mittelalterlich verschwurbelt.

Padre Pio (1956): Quasi ständig geblutet
AP

Padre Pio (1956): Quasi ständig geblutet

Und dann auch noch diese verzückten Gräfinnen und Bäuerinnen zu seinen Füßen. Dem Papst war unter anderem zu Ohren und Augen gekommen, dass der Mönch "intime und unanständige Beziehungen mit den Frauen, die seine Prätorianergarde bilden", gehabt haben soll, "ein Vorfall", so Johannes XXIII. weiter, "der an eine sehr ausgedehnte Verwüstung von Seelen denken lässt, diabolisch vorbereitet, zum Schaden der heiligen Kirche in der Welt und besonders hier in Italien". Die bislang unbekannten Zitate entstammen dem Buch "Padre Pio. Wunder und Politik im Italien des 20. Jahrhunderts" des 44-jährigen Turiner Geschichtsdozenten Sergio Luzzatto, gerade beim Verlag "Einaudi" erschienen.

Noch heikler allerdings als die päpstlichen Bedenken ist der Bericht eines streng katholischen Provinzapothekers aus Foggia, den Luzzatto in den Archiven des Vatikans gefunden hat. Danach hat der Pater Pio in Foggia en gros das Nerven- und Insektengift Veratrin ordern wollen sowie entsprechende Mengen von Karbolsäure - alles, bitte, unter strenger Geheimhaltung. Der Apotheker erstattete seinem Bischof Bericht. Denn für nichts war Padre Pio so berühmt wie für seine Stigmata, die nacherlebten Wundmale Christi. Pio blutete quasi ständig, an den Händen, den Füßen, am Thorax. Zeugen beschworen, sie hätte durch die Löcher in den Händen Zeitung lesen können, andere erinnern sich bis heute an den Duft, der von den Wunden ausging, manche vergleichen ihn mit Rosenwasser, andere mit Parfüm. Ein Wunder.

Der Apotheker aus Foggia dagegen wunderte sich nach der Bestellung von Gift und Säuren über gar nichts mehr. Er wusste, dass man sich mit Karbolsäure dauerhafte Wunden zufügen kann und Veratrin auch zur Schmerzlinderung diente. So schreibt der Historiker Luzzatto: "Statt Veilchenduft, dem Aroma der Heiligkeit, scheint sich von der Zelle des Heiligen die Ausdünstung von Säure und Gift, der Gestank der Schwindelei, verbreitet zu haben."

Es ist anzunehmen, dass Sergio Luzzatto bald einer der unpopulärsten Historiker Italiens sein wird. Schon hat eine "Katholische Liga gegen Diffamierung" schärfstens gegen die "tendenziöse und diskriminatorische Pseudowissenschaft" des Historikers Luzzatto protestiert, natürlich nicht ohne darauf hinzuweisen, dass der Mann mosaischen Bekenntnisses sei.

Hostien vermehrt, Unwetter und Raupenplagen gestoppt

Denn "Padre Pio" ist Kult. Es ist schwer, in Italien einen Lastwagen zu finden, an dem nicht irgendwo der Pater klebt. In Süditalien steht der gebeugte Mönch gipsern oder in Beton gegossen in jedem Dorf, rund um die Uhr von rosa und hellblauen Lichten beblinkt. In Secondigliano, dem Drogenviertel Neapels, haben die Camorra-Klanchefs Padre-Pio-Statuen aufstellen lassen. Es sind die einzigen gepflegten Orte weit und breit und dienen nebenbei als Drogenversteck. Sein Wirkungsort San Giovanni Rotondo hat längst Lourdes den Rang als Pilgerziel abgelaufen, im Jahr 2004 wurde eine gewaltige, von Renzo Piano entworfene Wallfahrtskirche eingeweiht. Im katholischen Fernsehsender Telepace wird bisweilen per Steadycam live vom Grab Padre Pios berichtet - als stünde dessen Auferstehung unmittelbar bevor. Padre Pio ist der erfolgreichste Heilige seit Jesus und zumindest in Italien auch populärer als Letztgenannter.

Der britische Geheimdienstoffizier und spätere Ethnologe Norman Lewis kam 1943 nach Neapel. Damals waren, so schreibt er, die Kirchen "voll von Bildnissen, die sprechen, bluten, schwitzen, mit dem Kopf nicken und heilsame Säfte absondern". Er berichtet, dass ein verwirrter Mönch namens Padre Pio erstaunliche Dinge vollführte: "Der Mönch behauptet, dass er letztes Jahr anlässlich eines Luftkampfes in den Himmel aufgestiegen sei, um den Piloten in seinen Armen aufzufangen und ihn sicher zur Erde zu bringen. Die meisten Neapolitaner, die ich kenne, sind überzeugt, dass diese Geschichte wahr ist."

Natürlich ist sie wahr - und noch vieles mehr. Er konnte Hostien vermehren, Wolkenbrüche stoppen und, im Mai 1932, eine Raupenplage beenden. Er verfügte über die Gabe, an mehreren Orten zugleich zu sein. Der Ausspruch ist überliefert: "Nach Lourdes kommt man nicht bloß mit dem Zug oder mit dem Auto, sondern auch auf andere Weise." Und damit meinte Pio nicht die Billigflieger.

Der "lebende Heilige” starb 1968, und Johannes Paul II. ließ ihn im Eilverfahren schon 2002 auch offiziell sanktifizieren, trotz aller Bedenken seines Vorgängers und Namensvetters Johannes XXIII. Der ruhte da schon selbst heilig und einbalsamiert in seinem Kristallsarg im Petersdom und hatte den Kampf gegen Pio endgültig verloren.

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