Valéry Giscard d'Estaing WDR-Reporterin wirft Frankreichs Ex-Staatschef Belästigung vor

Eine Journalistin des WDR gibt an, Valéry Giscard d'Estaing habe ihr nach einem Interview mehrfach ans Gesäß gefasst. Sie habe Strafanzeige gestellt. Frankreichs Ex-Staatschef teilt mit, sich nicht zu erinnern.
Valéry Giscard d'Estaing im Jahr 2015

Valéry Giscard d'Estaing im Jahr 2015

Foto: Carsten Rehder/ dpa

Eine Reporterin des Westdeutschen Rundfunks (WDR) wirft Frankreichs Ex-Staatschef Valéry Giscard d'Estaing vor, sie sexuell belästigt zu haben. Er habe ihr nach einem Interview, das sie mit ihm im Dezember 2018 in Paris geführt habe, mehrfach an das Gesäß gefasst, sagte die Journalistin Ann-Kathrin Stracke. Die Situation sei für sie "extrem degradierend, extrem herabsetzend" gewesen.

Sie habe inzwischen Strafanzeige wegen sexueller Belästigung gestellt. "Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, ob ich es veröffentliche", sagte die 37-Jährige. Zuerst hatten "Süddeutsche Zeitung " (SZ) und die französische Tageszeitung "Le Monde " über die Vorwürfe berichtet.

Giscard d'Estaing gibt an, sich nicht zu erinnern

Auf eine Anfrage an das Büro Giscard d'Estaings für eine Stellungnahme des 94-Jährigen teilte Anwalt Jean-Marc Fédida der Nachrichtenagentur dpa mit: Giscard d'Estaing erinnere sich nicht an die Ereignisse, über die sich die Journalistin beklage, und wisse nichts über den rechtlichen Schritt. Giscard d'Estaing selbst werde derzeit keine Stellung zu den Vorwürfen beziehen.

Der Ex-Staatschef betrachte das Ganze aber zugleich als einen "besonders unwürdigen und verletzenden Medien-Angriff", wie der Anwalt schrieb. Eine Anfrage bei der Pariser Staatsanwaltschaft zu der Anzeige blieb bislang unbeantwortet.

In dem "SZ"-Bericht stand: "Das Büro Giscard d'Estaings erklärt auf Anfrage von 'SZ' und 'Le Monde', dieser könne sich weder an die Situation, noch an das Interview erinnern. Bürochef Olivier Revol erklärte in einem Telefonat, es tue Giscard d'Estaing sehr leid, wenn die Vorwürfe stimmen sollten. Revol wies auf das hohe Alter Giscard d'Estaings hin."

Die Zeitung "Le Monde" zitierte Revol so: "Falls das, was ihm (Giscard) vorgeworfen wird, wahr wäre, wäre er natürlich darüber bestürzt, aber er erinnert sich an nichts." Revol sagte der Zeitung demnach auch, es sei seiner eigenen Erinnerung nach das erste Mal, dass der Ex-Staatschef mit einer derartigen Anschuldigung konfrontiert sei.

"Der WDR hält die Vorwürfe für glaubwürdig"

Der WDR seinerseits schrieb in einem Artikel auf der Unternehmensseite: "Am 4. Mai ließ der Anwalt von Giscard d'Estaing mitteilen, das Büro des früheren Präsidenten habe keine Kenntnisse von der Strafanzeige und werde folglich keine Reaktion abgeben."

Dem WDR zufolge bestand das Team an dem Interviewtag aus Stracke, einem Kameramann und einer Tonassistentin. "Der WDR hält die Vorwürfe für glaubwürdig", hieß es. Der Kameramann bestätige den Angaben zufolge die Vorwürfe.

Der Programmdirektor Information, Fiktion und Unterhaltung, Jörg Schönenborn, sagte: "Es verdient großen Respekt, wenn eine Mitarbeiterin den Mut hat, sich nach einem solch einschneidenden Erlebnis nicht nur an ihre Vorgesetzten im WDR, sondern auch an die Öffentlichkeit zu wenden."

Giscard d'Estaing ist der älteste noch lebende Ex-Staatschef Frankreichs. Der liberale Zentrumspolitiker amtierte von 1974 bis 1981 im Élyséepalast. Trotz seines hohen Alters ist er immer noch in Paris auf Veranstaltungen zu sehen. In der Öffentlichkeit äußert er sich vor allem zu EU-Fragen.

kko/dpa