Zyklon "Pam" in Vanuatu "So eine Katastrophe hat hier noch niemand erlebt"

Ein ganzes Land steht vor dem Nichts. Der Zyklon "Pam" hat weite Teile des Pazifikstaats Vanuatu verwüstet, das ganze Ausmaß ist noch gar nicht absehbar. Entwicklungshelfer Christopher Bartlett warnt im Interview vor Hungersnot und Seuchen.
Zyklon "Pam" in Vanuatu: "So eine Katastrophe hat hier noch niemand erlebt"

Zyklon "Pam" in Vanuatu: "So eine Katastrophe hat hier noch niemand erlebt"

Foto: HANDOUT / REUTERS

Vanuatu - das klingt nach Südsee. Nach Palmen und endlosen Sandstränden. Doch seit diesem Wochenende steht Vanuatu für eine der schlimmsten Wetterkatastrophen, die jemals über den Pazifik hereingebrochen sind.

Mit 250 Stundenkilometern raste der Zyklon "Pam" über den Inselstaat hinweg. Präsident Baldwin Lonsdale bezeichnete den Wirbelsturm als Monster, das sein Land um Jahre zurückgeworfen habe. Offiziell spricht die Regierung bislang von acht Toten und 20 Verletzten, doch die Behörden gehen davon aus, dass die Zahl der Opfer deutlich steigen wird.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE schildert der Entwicklungshelfer Christopher Bartlett die dramatische Lage in Vanuatu und erklärt, warum die zerstörten Häuser gar nicht das größte Problem sind.

Zur Person

Christopher Bartlett leitet das Büro der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Vanuatu. Der US-Amerikaner berät seit Jahren die Regierung des Inselstaats im Umgang mit dem Klimawandel.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bartlett, wie schlimm ist die Lage in Vanuatu?

Bartlett: Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es noch gar nicht. Vanuatu besteht aus 83 Inseln und derzeit können wir nur sagen, wie es auf der Insel der Hauptstadt Port Vila aussieht. Zu den anderen Inseln haben wir noch keinen direkten Kontakt, weil das Mobilfunknetz zusammengebrochen ist und die Flugplätze zerstört wurden. Wir haben uns einige Inseln aus der Luft angesehen, die Schäden sind gewaltig und wir müssen mit vielen Toten rechnen. Auf den abgelegenen Inseln waren die Menschen viel schlechter vor dem Sturm und dem Regen geschützt, als in Port Vila. Es wird noch Wochen dauern, bis wir wirklich begriffen haben, was über uns hereingebrochen ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist denn die Situation derzeit in Port Vila?

Bartlett: Die Leute hier stehen unter Schock. Etwa 80 bis 90 Prozent der Häuser hier wurden beschädigt, gut 20 Prozent vollständig zerstört. Aber das ist noch gar nicht das Schlimmste: Viel besorgniserregender ist, dass fast alle Bäume hier umgestürzt wurden, kurz vor der Ernte. Die Leute pflücken nun hastig alle Avocados, Grapefruits, Orangen und Bananen. Aber ich schätze, das reicht nur für eine Woche. Auch die Fischerei liegt am Boden, fast alle Schiffe wurden zerstört.

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Zyklon "Pam": Verwüstungen in Vanuatu

Foto: HANDOUT / REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Gibt es internationale Hilfe?

Bartlett: Ja, die ersten Hilfsflüge der australischen Armee sind eingetroffen. Der Flughafen von Port Vila wurde auch schwer beschädigt, aber Militärflugzeuge können inzwischen hier landen.

SPIEGEL ONLINE: Was wird am dringendsten benötigt?

Bartlett: Neben Nahrungsmitteln brauchen wir vor allem sauberes Trinkwasser. Schon vor dem Zyklon hatten die Fälle von Malaria und Durchfallerkrankungen drastisch zugenommen. Derzeit gibt es kein sauberes Wasser, weil die natürlichen Quellen überspült wurden. Daher befürchten wir einen Seuchenausbruch.

SPIEGEL ONLINE: Seit 2009 helfen Sie der Regierung von Vanuatu als Berater, mit dem Klimawandel umzugehen. Ist der Zyklon ihrer Ansicht nach eine Folge der Erderwärmung?

Bartlett: Der jüngste Bericht des Weltklimarats hat klar vorhergesagt, dass wegen der Klimaveränderung die Zyklone im Pazifik immer stärker werden. "Pam" war nun der erste Zyklon der höchsten Kategorie 5 der seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Vanuatu registriert worden ist. So eine Katastrophe hat hier bislang noch niemand erlebt. Das ist mit Sicherheit eine Folge des Klimawandels.

SPIEGEL ONLINE: Kann sich das Land überhaupt von den Folgen erholen?

Bartlett: Das einzig Positive ist, dass wir uns auf Zyklone vorbereitet haben. Wir als GIZ haben den Leuten zum Beispiel beigebracht, wie sie nach einem Sturm Obst konservieren oder wie sie Plantagen am besten aufforsten. Mit unserem Programm haben wir etwa 20 Prozent der Einwohner erreicht. Wir hoffen, dass sich das nun auszahlt.

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