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Zeitschriften Vater morgana

Ex - die erste Fachillustrierte für »Trennung, Scheidung, Neuanfang« kommt auf den Markt.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Es dauerte so lange wie mancher Ehekrieg. Doch nun ist sie da: die erste deutsche Monatszeitschrift für die jährlich über 300 000 Geschiedenen in Deutschland.

Die Scheidungsreform von 1977 und die Kritik daran sind zwar in die Jahre gekommen - ein Kind vom selben Jahrgang würde jetzt volljährig -, doch Diskussionsbedarf und Protestpotential scheinen immer noch gewaltig zu sein.

Ex heißt die Monatszeitschrift, die mit ihrer Juni-Ausgabe an die Öffentlichkeit tritt. Auf 68 Seiten und zum Einzelverkaufspreis von 6,50 Mark soll noch einmal der ganze Jammer mit der ungeliebten Reform ausgebreitet werden - »wie tagtäglich Existenzen ruiniert werden«, »wie ,im Namen des Volkes' Kinder zu Halbwaisen gemacht werden« und »selbstherrliche Familienrichter Gesetze mißachten«.

»Ich hab' in ein Wespennest gestochen«, meint Arno Schmitt, 44, der die Fachzeitschrift als Herausgeber, Chef- und Alleinredakteur in seinem Schlafzimmer am Computer zusammenstellt.

Jedenfalls wurde er schon von Fernsehsendern zu Talk-Runden geladen und von zwei Dutzend Radiosendern am Telefon befragt. Eines der Interviews mußte er in der Not sogar auf der Toilette führen. Auch »Post kommt bereits in größeren Stapeln«, sagt der Geplagte, »vor zwei Uhr morgens gehe ich kaum noch ins Bett«.

Der Markt für ein Blatt, das sich an Geschiedene richtet, scheint günstig. Zwar wurde der einstige Ehe-Boom (Spitzenjahr 1962: 530 640 Eheschließungen) auch durch die Wiedervereinigung nicht mehr erreicht (1993: 442 605), doch die Zahl der Scheidungen stieg kräftig weiter, auf zuletzt 156 425 pro Jahr - fast 60mal soviel wie im Deutschland der Jahrhundertwende.

Mit einer Scheidungsquote von derzeit 35 Prozent ist das Ende offenbar noch nicht erreicht. Denn »im Moment steigt's wieder an«, sagt Hans Peter Bosse von der Fachabteilung Ehe und Scheidung im Wiesbadener Statistischen Bundesamt.

Auch Ex-Chefredakteur Schmitt hat dort ausgiebig recherchiert. Bosse: »Der hat mich was gelöchert.« Die Zahlen aus dem Amt haben den Herausgeber zu einer Startauflage von 65 000 Stück ermuntert.

Die Anlaufinvestition von »unter 100 000 Mark« wurde »von Gönnern und Freunden« finanziert; bei 35 000 verkauften Heften, rechnet der Chef zuversichtlich, werde sich die Sache schon tragen. Und die Themenliste reiche »für das ganze Jahr«.

Schmitt selbst, der seit seiner Scheidung bei seiner Mutter im pfälzischen Weselberg lebt, konnte außer seiner Arbeitskraft nichts einbringen. Mangels Masse kann er nicht einmal seiner achtjährigen Tochter, die er seit einem Jahr nicht mehr gesehen hat, den monatlichen Unterhalt von 630 Mark überweisen. Schmitt: »Ich zahle alles nach.«

Kommt nun also aus dem Pfälzer Wald ein männliches Pendant zu Emma, dem feministischen Zentralorgan? »Nein, nein, nein«, wehrt der Chefredakteur erschrocken ab, »das soll kein Kampfblatt für Väter werden, obwohl . . .« Obwohl? »Obwohl in 86 Prozent der Scheidungen die Mutter das Sorgerecht bekommt.«

Im ersten Heft wird denn auch der Zerstörung der Familien und den »jährlich 200 000 Trennungs-Halbwaisen« (Ex: »Vater morgana") breiter Raum gewidmet. Der Bielefelder Psychologe und Kinder-Lobbyist Uwe-Jörg Jopt ist gleich dreimal im Blatt: als Leserbrief-Onkel, mit einem eigenen Sieben-Seiten-Bericht und mit einer fünfseitigen Besprechung seines Buchs »Im Namen des Kindes«.

Dafür ist ein geplantes Interview mit der Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger schiefgegangen: Da die liberale Politikerin nicht antwortete, druckt Ex unter der Überschrift »Das Schweigen« eben nur die Fragen: »Wird der Sozialstaat zur Bananenrepublik?«

Unter dem Pseudonym B. O. Bachter widmet sich das Blatt statt der in Bonn diskutierten »Gewalt in der Ehe« lieber der »Gewalt nach der Ehe«. Belegt durch Zeitungsausschnitte ("Ehefrau im Gericht erschossen«, »Richterin Kehle aufgeschlitzt"), findet auf tiefschwarzem Grund das Krimi-Thema »Mord und Totschlag nach der Scheidung« ausführliche Würdigung.

Auch die rund 9000 Selbstmorde in Deutschland - fast so viele wie die Verkehrstoten - werden von Ex, gestützt auf eine nicht näher definierte Hamburger Expertise, zu 80 Prozent den »seelischen Problemen nach Trennung und Scheidung« angelastet.

Nachprüfbar wahr ist der Hinweis, daß Suizide vom Statistischen Bundesamt zwar nach Familienstand, nicht aber nach Motiven registriert werden. Nach dem für die Todesursachen-Forschung zuständigen Statistiker wäre das »einfach zu schwierig«.

Kritik am geltenden Scheidungsrecht, von der das Blatt leben und profitieren soll, wird Ex aber auch allein formulieren können - in nahezu jeder Form. Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf (AZ: 19W 9/86) gehört sogar der Ausdruck »Scheißgesetz« über das Reformrecht zum »grundrechtlich geschützten Bereich der Meinungsfreiheit«. Y

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