Geheime Vatikan-Dokumente Papst-Vertrauter Gänswein unter Druck

Die Attacken gegen das Machtzentrum der katholischen Kirche werden immer heftiger: Einer Tageszeitung wurde jetzt vertrauliche vatikaninterne Post zugespielt. Die Aktion zielt darauf ab, den engsten Papst-Vertrauten ins Zwielicht zu rücken: den deutschen Privatsekretär Georg Gänswein.

Benedikt XVI. mit seinem Vertrauten Gänswein: Wer will Pater Georg erpressen?
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Benedikt XVI. mit seinem Vertrauten Gänswein: Wer will Pater Georg erpressen?


Wenn Papst Benedikt XVI. auf Reisen geht, sind seit Jahren stets dieselben drei Männer in seiner Nähe: sein Kammerdiener Paolo Gabriele, sein Privatsekretär Monsignore Georg Gänswein und Kardinal Tarcisio Bertone, der Staatssekretär des Kirchenstaats. Doch als am vergangenen Wochenende das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche beim 7. Weltfamilientreffen in Mailand von einer Million Gläubigen umjubelt wurde, saß auf dem Beifahrersitz des Papamobils ein Unbekannter mit grimmigem Gesicht.

Der Mann heißt Sandro Mariotti und soll in den nächsten Tagen zum neuen Kammerdiener ernannt werden. Sein Vorgänger wurde nämlich überraschend umgesetzt - in den kirchenstaatlichen Knast. Vertrauliche Briefe und peinliche Dokumente soll der ehemalige Papst-Vertraute aus dem Vatikan geschmuggelt, Journalisten zugespielt und damit das päpstliche Herz "mit Traurigkeit erfüllt" haben. Nun drohen ihm bis zu 30 Jahre Haft. Nur, damit ist die Sache keineswegs ausgestanden. Im Gegenteil.

Was seit Monaten hinter der Prachtfassade des Petersdoms schwelt und den amtlich Vatikanstadt genannten, mit 0,44 Quadratkilometern kleinsten Staat der Welt erschüttert, geht auch nach der Enttarnung und Inhaftierung des mutmaßlichen Verräters Gabriele munter weiter.

Hintermänner wollen Gänswein erpressen

Der römischen Tageszeitung "La Repubblica" wurden jetzt drei weitere Schreiben aus dem offenbar reichen Fundus von streng vertraulicher vatikaninterner Post zugespielt. Deren Veröffentlichung setzt, anders als die meisten bisher lancierten Briefe und Dokumente, nicht den Staatssekretär Bertone, sondern erstmals den Privatsekretär und engen Vertrauten des Papstes, Georg Gänswein, in ein schiefes Licht.

Der Inhalt ist zwar nicht sonderlich dramatisch, aber die Auswahl der Schreiben - eines sogar mit handschriftlichen Anmerkungen von Benedikt XVI. - ist eine klare, bedrohliche Botschaft: Wir wissen alles, haben alles, können alles morgen ans Licht bringen. Die Hintermänner der Enthüllungen wollen, so zitiert "La Repubblica" einen anonymen Vatikan-Insider, mit der Veröffentlichung dieser Dokumente "Pater Georg erpressen".

Georg Gänswein schaut seit einigen Wochen nicht mehr so frohgemut aus wie zuvor. Schon seit 1996 arbeitet der Sohn eines Schwarzwälder Schmiedes für Joseph Ratzinger. Anfangs ging es mehr um den rechten Weg in den Himmel: Ratzinger war Chef der Kongregation für die Glaubenslehre, sein Sekretär Gänswein lehrte nebenberuflich kanonisches Recht an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz, einer Hochschule der extrem konservativen und mächtigen innerkirchlichen Gruppierung Opus Dei. Als Ratzinger im April 2005 Papst wurde, folgte ihm Gänswein als Privatsekretär an den Heiligen Stuhl.

Das päpstliche Ohr, das päpstliche Auge

Er ist ein freundlicher, umgänglicher Mensch, der sich Diskussionen gern entzieht - scheinbar meinungslos. Er ist das päpstliche Ohr, das päpstliche Auge, jeder, der Kontakt zu Benedikt XVI. sucht, muss an Gänswein vorbei. Das verschafft dem knapp 56-Jährigen Einfluss und Macht, auch wenn er die vielleicht gar nicht unbedingt will. Bei inhaltlichen, politischen, wirtschaftlichen und personellen Fragen sucht der Papst oft Rat bei seinem langjährigen Vertrauten. Leider ist dieser - ebenso wie Ratzinger - mehr mit der Bibelexegese groß geworden als mit dem Lesen einer Bilanz. Gänswein ist mit den Machtspielchen der Politik ebenso wenig vertraut wie mit den Tricks von Geschäftemachern. So haben die Cleveren, die Umtriebigen, die Unehrlichen leichtes Spiel im Vatikan, klagen Kritiker.

Zwar sind die Zeiten vorbei, als Päpste im offenen Machtkampf vergiftet oder erschlagen wurden, als unzufriedene Kardinäle einfach einen Gegenpapst kürten. Auch Kriege führt der Kirchenstaat schon lange nicht mehr. Aber weil der Heilige Stuhl nicht nur ein Hort des Glaubens ist, sondern bis heute durch seine über die Welt verteilten Niederlassungen viel Macht ausübt, über die vatikaneigene Bank viel Geld in den globalen Kreislauf pumpt, geht es wohl auch bei den aktuellen Machtkämpfen und den gezielten Enthüllungen um dunkle Machenschaften, unsaubere Geschäfte, geheime politische Absprachen.

Eine wichtige Rolle im internen Konflikt spielt die Organisation Opus Dei. Ihr Gründer Josemaría Escrivá war Freund und Anhänger des spanischen Diktators Francisco Franco und bis in die Gegenwart, das behaupten jedenfalls ihre Kritiker, bilden Opus-Dei-Mitglieder Seilschaften am äußersten rechten Rand der Gesellschaft. Darin sollen sich Politik, Wirtschaft und Religion zu einem eher unheiligen Machtgebilde zusammenfügen. Seit Papst Johannes Paul II. ist das Opus Dei besonders stark im Vatikan. Auch Joseph Ratzinger war Ehrendoktor an der Opus-Dei-Universität im spanischen Pamplona, ohne das Okay der Organisation wäre er vermutlich nicht Papst geworden.

Permanenter Kampf um die Vorherrschaft

Das teilweise totalitäre Kirchen-, Lebens- und Staatsmodell des Opus Dei missfällt vielen, vor allem den eher liberalen Katholiken. Die stellen sich die Welt im Vatikan und außerhalb ganz anders vor. Und so gibt es etliche Gruppierungen, die unter gut katholisch jeweils etwas Eigenes verstehen und versuchen, dieses durchzusetzen. Das Ergebnis ist ein permanenter Kampf um die Vorherrschaft im katholischen Reich, in Glaubensfragen wie in schnöden weltlichen Dingen. Und da es in diesem eigenartigen Staatsgebilde kein Parlament gibt, in dem diskutiert und abgestimmt wird, werden die Konflikte eben im Dunkeln ausgetragen, notfalls auch mit Mauscheleien und Erpressungen.

Der wichtigste - aber offenbar ungeschickteste - Akteur auf diesem Feld ist wohl der Dritte im engen päpstlichen Umfeld, Kardinal Tarcisio Bertone. Der soll eigentlich die Staatsgeschäfte führen, die Verwaltung nach innen kontrollieren und die vatikanische Außenpolitik formulieren. Tatsächlich ist Staatssekretär Bertone der Mann für Pleiten, Pech und Pannen. Was dabei seiner seltsamen Weltsicht entspricht und was nur Folge von Ungeschicklichkeit und Unkenntnis ist, ist schwer zu sagen.

So wurde Bertone weltweit kritisiert, als er im Zusammenhang mit der Enthüllung zahlreicher Fälle von Kindesmissbrauch behauptete, Pädophilie und Homosexualität stünden miteinander in Verbindung.

Völlig unverständlich ist vielen im Vatikan auch, warum Bertone ausgerechnet Erzbischof Carlo Maria Viganò aus dem Vatikan verbannte und nach Washington strafversetzte, nachdem dieser Fälle von Korruption und Misswirtschaft aufgedeckt hatte. Auch Bankier Ettore Gotti Tedeschi wurde von Bertone abgestraft. Er hatte versucht, die von einem Skandal in den nächsten taumelnde Vatikanbank zu säubern.

In beiden Fällen wurde der Konflikt mit Bertone durch die klammheimliche Verbreitung entsprechender Dokumente öffentlich. Doch wer war dafür verantwortlich? Jemand, der Viganò und Gotti Tedeschi helfen wollte? Oder jemand, der darauf baute, dass sie gefeuert werden würden, wenn man sie öffentlich gegen Bertone setzte?

Im italienischen Fernsehen hat der Staatssekretär am Montagabend selbst über die "organisierten Angriffe" auf den Papst gesprochen. Zwar habe es solche Attacken schon immer gegeben, sagte Bertone in der Nachrichtensendung TG1. Diesmal seien sie aber "gezielter, manchmal auch grausam, zerfleischender und organisierter". Papst Benedikt XVI. lasse sich aber "gewiss nicht einschüchtern von derlei Angriffen".

Das Spiel über die Bande beherrschen viele im Vatikan perfekt - nur der Chef des Hauses, Papst Benedikt XVI. nicht. Der sieht betrübt und hilflos zu und wartet offenbar, dass das Ungemach vorübergeht. Im Dezember immerhin kann er sich einen neuen Staatssekretär holen. Bertone wird dann 78 Jahre alt - und das ist sogar im Vatikan der endgültige Zeitpunkt für den Abschied vom Arbeitsleben.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
c.PAF 05.06.2012
1. optional
Naja, das übliche Geklüngel wie in allen großen Wirtschaftsunternehmen...
Luna-lucia 05.06.2012
2. was soll man
Zitat von sysopAPDie Attacken gegen das Machtzentrum der katholischen Kirche werden immer heftiger: Einer Tageszeitung wurde jetzt vertrauliche vatikaninterne Post zugespielt. Die Aktion zielt darauf ab, den engsten Papst-Vertrauten ins Zwielicht zu rücken: den deutschen Privatsekretär Georg Gänswein. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,836945,00.html
dazu noch sagen!? "Der arme Mann und das Meer" - der (Un)gläubigen? Okay, auch er hat ein Abi, und hätte schon viel früher über die kirchlichen Glaubenstexte nachdenken müssen! Unter Billionen von Sternen, sind wir in der "Schöpfung" bestimmt nicht die Wichtigsten. Und man sollte sich mal Gedanken darüber machen, warum es immer "unser Herr und Gott" bei denen heißt! Warum nicht mal "Göttin"? Oder sind die Vatikanischen mit den RK-Gottheiten schon per "DU"? hahaha ...
favela lynch 05.06.2012
3. Gut ausgeleuchtet
Zitat von c.PAFNaja, das übliche Geklüngel wie in allen großen Wirtschaftsunternehmen...
Eben. Nichts daran ist dunkel. Es ist sogar ziemlich gut ausgeleuchtet, wenn man bedenkt, dass dem alten Chef vielleicht die Kraft zum Aufräumen fehlt und seine Interessen sich mehr und mehr auf das Heilige richten - was ebenso normal ist, da die eigene Entweltlichung nun einmal näher rückt. Es ist wie überall - wo es um Macht und Einfluss geht.
soznet1 05.06.2012
4. Gänswein unbedarft ?
Der Artikel stellt Gänswein als einen weltfremden Exegeten vor, der von Politik nichts verstehe. Nach meinen Kenntnissen ist er aber als führendes Opus Dei - Mitglied sehr wohl in diesen Fragen geschult , wie alle in dieser Organisation. Warum will der Autor ihn als unbedarft hinstellen ? Das wäre ganz im Sinne von Opus Dei. Und - wenn er so unbedarft wäre, warum gerät er dann in Verdacht? G. ist gefährlicher als Viele es wahhabwb wollen : ein extremer Hardliner in jeder Hinsicht.
einsteinalbert 05.06.2012
5. der deutsche Papst
muss weg. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ist dies der wahre Hintergrund der Intrigen im Vatikan. Die Denkstrukturen des Papstes sind verkrustet. Er ist kein knallharter Manager, welcher auch mal fünf gerade sein lässt. Sein Vorgänger hat wenigstens " neue Schäfchen" und damit neue "Kohlen" gebracht. Genau darum geht es bei dem Multi-Konzern Vatikan.
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