Vatikan Kardinal soll Kurien-Kollegen ausspioniert haben

Wenige Stunden vor dem Rücktritt des Papstes sorgen Gerüchte aus dem Vatikan für Unruhe: Benedikts wichtigster Helfer, Kardinalstaatssekretär Bertone, soll laut einem Magazinbericht dafür gesorgt haben, dass die Kurie überwacht wurde. Keine gute Ausgangssituation für das Konklave.

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Rom - Der wichtigste Helfer des scheidenden Papstes, Kardinalsstaatssekretär Tarcisio Bertone, soll systematisch Vatikanangehörige ausspioniert haben. Ziel sei es gewesen, ein mutmaßliches Netzwerk um den wegen Dokumentendiebstahls aus dem Privatbesitz des Papstes verurteilten Paolo Gabriele auszuleuchten. Dies berichtet die heutige Ausgabe des italienischen Wochenmagazins "Panorama".

Demnach habe Bertone den Chef der Vatikan-Gendarmerie, Domenico Giani, damit beauftragt, Telefongespräche, Unterhaltungen und den E-Mail-Verkehr von Bischöfen und Kardinälen zu überwachen. Es handele sich um die "massivste und flächendeckendste Abhöraktion", die es je im Vatikan gegeben habe. Detailliert sei aufgezeichnet worden, wer den Vatikan zu welcher Uhrzeit betreten und wieder verlassen und wer sich mit wem getroffen habe. Beweise für die Behauptung führt "Panorama" nicht an.

Brisant: Gendarmerie-Chef Domenico Giani ist ein ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter, der in den kommenden Wochen den Vatikan eigentlich verlassen sollte, weil er für den Posten als Sicherheitsbeauftragter bei den Vereinten Nationen gehandelt wurde. Der unerwartete Rücktritt des Pontifex machte Giani aber einen Strich durch die Rechnung. Er entschied sich, vorerst im Vatikan zu bleiben, obwohl seine Nominierung als sicher galt. Jetzt soll erst nach Ernennung des neuen Papstes über seine Zukunft entschieden werden.

1999 hatte Papst Johannes Paul II. Giani als Vize-Inspektor der Gendarmerie in den Vatikan geholt. Seit 2006 ist er deren Leiter. Der 50-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder. Giani ist außerdem Mitbegründer von Rondine Cittadella della Pace, einem Projekt, das traumatisierten Kindern und Jugendlichen aus Krisengebieten eine Zukunft bieten will. In diesem Zusammenhang besucht er mehrmals Tschetschenien.

Bespitzelung soll Folge von Vatileaks sein

Schon bei Amtsantritt soll Giani die Sicherheitsmaßnahmen im Vatikan drastisch erweitert haben. Er führte demnach Magnetkarten ein und perfektionierte die Videoüberwachung. "Es gibt keinen Quadratmeter mehr, der den Augen der Kameras entgeht", schreibt das Blatt.

Es kursierten Gerüchte, dass die Spionagemaßnahmen bis heute andauerten. Zahlreiche Geistliche seien angesichts der Überwachung "nervös", vor allem so kurz vor Beginn des Konklaves. Angesichts der angeblichen Totalüberwachung mutet es geradezu naiv an, dass Benedikt XVI. in seinem letzten "Motu Prorio" androhte, sämtliche Kardinäle zu exkommunizieren, sollten sie über das anstehende Konklave und die Kandidaten plaudern.

Dem Blatt zufolge soll die Bespitzelung im September 2012 eingesetzt haben, als Folge der Vatileaks-Affäre, bei der zahlreiche Dokumente aus den Archiven des Papstes in die Öffentlichkeit gelangt waren. Der Journalist Gianluigi Nuzzi hatte in einem vieldiskutierten Buch über den Skandal geschrieben und zahlreiche Dokumente veröffentlicht. Im Mai war der Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, als der Mann identifiziert worden, der die Papiere aus dem Vatikan geschafft haben soll. Er wurde angeklagt, verurteilt und später von Benedikt XVI. begnadigt.

Was steht im geheimen Dossier?

Fand die angebliche Überwachung mit dem Segen von Benedikt XVI. statt oder war das ein Alleingang des Kardinalstaatssekretärs? Immerhin hatte Benedikt offiziell das Kardinals-Trio Jozef Tomko, Julian Herranz Casado und Salvatore De Giorni mit den Vatileaks-Ermittlungen beauftragt. Diese hatten dem Papst unlängst ein 300 Seiten langes Dossier übergeben, in dem unter anderem von einer mächtigen Schwulen-Lobby im Vatikan die Rede sein soll.

Vatikan-Sprecher Frederico Lombardi sagte am Donnerstag zum "Panorama"-Bericht: "Im Zusammenhang mit Vatileaks können einige Abhörmaßnahmen und Kontrollen von Ermittlungsrichtern autorisiert worden sein." Demnach könnte die Kontrolle von "zwei oder drei Benutzern" stattgefunden haben. Zugleich dementierte er, dass eine flächendeckende Abhöraktion oder Überwachung erfolgt sei.

Sein Sprecherkollege Thomas Rosica ergänzte, wenn es eine Überwachung gegeben habe, dann nur in "sehr kleiner Form". Beide Sprecher betonten, die Aktion sei nicht von den drei Kardinälen beauftragt worden, die das Dossier zur Affäre verfassten.

Den Inhalt des brisanten Dossiers kennt niemand. Benedikt hat erklärt, er werde es seinem Nachfolger übergeben und ihm überlassen, was damit geschehen soll. Der Papst hatte noch am 30. Mai 2012 erklärt, die Vatileaks-Veröffentlichungen hätten ihn "traurig gemacht" - er betonte aber, dass er hinter seinen engsten Mitarbeitern stünde.

Bertone war für sein Krisenmanagement während der Vatileaks-Affäre von vielen kritisiert worden, weil er als überfordert galt. Er bezeichnete die Verletzung der Privatsphäre des Papstes als folgenschwer und witterte ein organisiertes Vorgehen: Es handele sich um "zweckdienliche Angriffe auf den Papst", sagte er dem Sender Rai, die Attacken bezeichnete er als "gezielt, grausam und zerfleischend".

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner verriet nach der Rücktrittsankündigung von Benedikt XVI. der "Frankfurter Rundschau", dass er beim Papst um die Entlassung von Bertone gebeten habe. Der heilige Vater aber habe dies entschieden abgelehnt: "Bertone bleibt, basta, basta, basta" soll er gesagt haben. Eingeweihte bezeichnen die Verbindung von Ratzinger und Bertone als eng und vertrauensvoll, der Papst habe sich stets auf ihn verlassen können und eine Stütze in ihm gehabt, sagt der Vatikanist Marco Politi.

Dies erstaunt umso mehr, als ausgerechnet der Sturz des von Ratzinger installierten Vatikanbank-Chefs Ettore Gotti Tedeschi auf Bertones Konto gehen soll. Tedeschi sollte für mehr Transparenz sorgen, nachdem Geldwäschevorwürfe laut geworden waren. Nachdem er Auskünfte über bestimmte Kontobewegungen verlangt hatte, wurde er geschasst.

Ob die Veröffentlichung des Spionageverdachts ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt politisch motiviert ist und den "Papabile" Bertone für das anstehende Konklave demontieren soll, ist unklar. "Panorama" wird herausgegeben vom Verlagshaus Mondadori, an dem Silvio Berlusconi die Aktienmehrheit hält. Seine Tochter Marina leitet das Unternehmen.

ala

insgesamt 33 Beiträge
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Zenturio.Aerobus 28.02.2013
1. Tomás de Torquemada
Gruseliger Typ, da war sicher Tomás de Torquemada nix dagegen :-)
seneca55 28.02.2013
2. Wer weiß, wer weiß??
Vielleicht kommt es ja noch zur "Nacht der langen Messer" im Konklave wie zu Zeiten der Renaissance. "The Last Man Standing" wird der neue Papst werden.
hello07 28.02.2013
3. Wohl besser keinen Papst mehr...
Zitat von sysopAPWenige Stunden vor dem Rücktritt des Papstes sorgen Gerüchte aus dem Vatikan für Unruhe: Benedikts wichtigster Helfer, Kardinalstaatssekretär Bertone, soll laut einem Magazinbericht dafür gesorgt haben, dass die Kurie überwacht wurde. Keine gute Ausgangssituation für das Konklave. http://www.spiegel.de/panorama/vatikan-gendarmerie-soll-bischoefe-und-kardinaele-bespitzelt-haben-a-886116.html
...da wird einem dabei gedanklich Angst und Bange... Tun sich hier weitere finstere Abgründe der katholischen Kirche auf ?
vhe 28.02.2013
4. Mein Gott...
Irgendein Verein sucht einen neuen Chef, so what? Wenn sich Anshu Jain und Jürgen Fitschen zoffen, hat die Welt ein größeres Problem.
cemi 28.02.2013
5.
Verstehe ich das richtig? Der wichtigste Mitarbeiter hat dafür gesorgt, dass die Kurie bespitzelt wird. Also ich finde, jetzt ist es aber wirklich an der Zeit, dass der Papst die Verantwortung übernimmt und zurücktritt! Äh. Moment...
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