Vatikan Kardinäle so abgeriegelt wie das Gold in Fort Knox

Es war das größte Kardinalstreffen der Kirchengeschichte. Mehr als 150 Würdenträger versammelte Papst Johannes Paul II. um sich. Ergebnis der Beratungen: Große Sorgen über die Zukunft der Kirche, viel guter Wille und Appelle für den Frieden.


Kardinalstreffen in Rom
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Kardinalstreffen in Rom

Rom - Kommentatoren übten scharfe Kritik an der Informationspolitik des Vatikans während des viertägigen Treffens hinter verschlossenen Türen. Die Medien hätten wenig Gelegenheit gehabt, ein befriedigendes Bild von den Arbeiten zu vermitteln. Einige Kardinäle hätten deshalb ihre Redebeiträge per e-mail verschickt. "Es war nur ein kleiner Schritt hin zu einer größeren Unternehmung", räumte der belgische Kardinal Godfried Danneels in einem Zeitungsinterview ein.

Der 67-Jährige, der als möglicher Nachfolger des jetzigen Pontifex gilt, rief seine 154 anwesenden Amtsbrüder aus aller Welt in Rom auf, Themen direkter und klarer anzusprechen. "Redefreiheit ist eine absolute Voraussetzung für gutes Management in der Kirche", sagte er. Danneels und andere Teilnehmer erklärten, die Frage, welcher Kardinal als Nachfolger des derzeitigen Papstes in Frage komme, habe bei dem Konsistorium keine Rolle gespielt.

An dem Treffen hatten 155 der weltweit 183 Kardinäle teilgenommen. Die anderen entschuldigten sich wegen altersbedingter Beschwerden und Krankheit. Zum Abschluss lud der Papst seine Gäste zu einem Mittagessen ein.

Kardinäle fordern Waffenruhe in Nahost

Zusammen mit dem Papst hat das Kollegium zu einer "sofortigen Waffenrufe" im Nahen Osten aufgerufen. "Wir flehen die Konfliktparteien an, den Dialog auf der Basis der Gleichberechtigung und des gegenseitigen Respekts wieder aufzunehmen", heißt es in einem am Donnerstag in Rom veröffentlichten Schlussdokument.

"Wir appellieren an alle Christen, dass sie ihre Gebete verstärken für den Frieden im Heiligen Land", heißt es in dem Appell weiter. "Wir fordern die Verantwortlichen der Nationen auf, Israelis und Palästinensern zu helfen, friedlich zusammenzuleben." Im Land von Jesus Christus habe sich die Situation weiter verschärft, zu viel Blut sei bereits vergossen worden. Zugleich versicherten die Kardinäle den unter ethnischen Konflikten, Armut und schweren Krankheiten leidenden Menschen in Afrika, dass ihnen die "Solidarität der ganzen Kirche" gelte.

Papst: "Christen sind eine Minderheit"

Der 81 Jahre alte Papst wurde auf einem rollbaren Podest durch den Mittelgang des Petersdoms geschoben. Er leidet seit Jahren an der Parkinsonschen Krankheit und ist schwer gehbehindert. Mit streckenweise brüchiger Stimme rief er die Kardinäle bei einer Messe im Petersdom zu neuem missionarischem Elan auf. Die Kirche stehe vor "enormen Herausforderungen". Die Christen seien eine "Minderheit", ihre Tradition werde durch den fortschreitenden Prozess der Verweltlichung bedroht. Der kulturelle Horizont verändere sich vollkommen.

Es geht um das "Schicksal der Menschheit", mahnte der Papst. Ausdrücklich nannte er in diesem Zusammenhang die Bereiche Bioethik und soziale Gerechtigkeit sowie die Institutionen Familie und Ehe. Auch im Schlussdokument der Kardinäle wird auf den Auftrag zur Missionierung hingewiesen. "In Anbetracht zahlreicher, schwerer und neuer Herausforderungen, vor der die Kirche angesichts des gegenwärtigen epochalen Umbruchs steht, spornt uns die im Jubiläumsjahr erlebte Glaubenserfahrung an, keine Angst zu haben, sondern in See zu stechen." Zugleich riefen die Kardinäle zur Einheit der Christen auf.

Angesichts einer "von Konflikten schwer gezeichneten Welt" und einer gespaltenen Kirche müsse der ökumenische Kurs und der interreligiöse Dialog des Papstes bestärkt werden. Die Kirche müsse vor dem Hintergrund der Globalisierung solidarisch sein mit der "wachsenden Schar der Armen, der Leidenden und mit denjenigen, deren unverletzbares Recht auf Leben, Gesundheit, Arbeit, soziale Mitwirkung und Religionsfreiheit mit Füßen getreten wird".



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