Missbrauchskonferenz im Vatikan Am Kreuzweg

Der erste Tag der Missbrauchsdebatten im Vatikan zeigt: Ein Teil der Kirchenoberen ist bemüht, etwas zu verändern. Was fehlt, ist ein Machtwort von ganz oben.

Papst Franziskus in der Peterskirche im Vatikan (Archivfoto)
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Papst Franziskus in der Peterskirche im Vatikan (Archivfoto)

Aus Rom berichtet


Am frühen Morgen wandte sich ein sichtbar müder Papst an die weit über hundert kirchlichen Würdenträger, die nach Rom gekommen sind, um die Missbrauchsfrage zu erörtern. "Das Volk Gottes schaut auf uns und erwartet konkrete und wirksame Maßnahmen", sagte Franziskus. "Hören wir den Schrei der Kleinen, die Gerechtigkeit verlangen."

Dann legte er ein 21-Punkte-Papier zum Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch vor. Vieles davon ist in den Diözesen und vom päpstlichen Kinderschutzzentrum bereits in Schulungen und Ausbildung auf den Weg gebracht worden, wie etwa die strengere Eignungsprüfung von Priesteramtskandidaten.

Der Forderung nach konkreten Maßnahmen am nächsten kam der Vorschlag, ein Handbuch für Kleriker bereitzustellen, in dem Fragen und Antworten rund um die Missbrauchsproblematik aufgeführt sind. "Es gibt wenige Experten in den Bistümern, deshalb ist es wichtig, den Bischöfen klare Antworten auf ihre Fragen zu geben", sagte der Malteser Erzbischof Charles Scicluna.

Verhaltenskodex für alle in den Diözesen

Außerdem soll ein Verhaltenskodex für alle Kleriker, das Servicepersonal und Freiwillige in den Diözesen formuliert werden - auf eventuelle Vorstrafen sei zu achten. Eine eindeutige Absage erteilt das Dokument der Veröffentlichung von Namen tatverdächtiger Priester: Für sie müsse die Unschuldsvermutung gelten. Des Missbrauchs überführte Priester und Bischöfe sollten aus dem Dienst entlassen werden.

Allerdings bleibt auch vieles im Ungefähren: Von weltweit geltenden Normen, Maßnahmen und Protokollen ist die Rede, davon, dass den Opfern die "notwendige Unterstützung zur kompletten Genesung" bereitgestellt werden sollte. Von Standards bei der monetären Entschädigung der Opfer kein Wort.

"Dieses Dokument hat mit der angeblichen Nulltoleranz des Vatikans gegenüber Missbrauch nichts zu tun", sagte Peter Isley vom internationalen Betroffenennetzwerk "Ending Clergy Abuse". "Die Glaubenskongregation verfügt über strafrechtlich relevante Beweise in Tausenden Fällen - sie rückt diese Informationen aber nicht heraus." Es sei die Pflicht der Kirche, dafür zu sorgen, dass, "wenn ein Priester am Montagmorgen ein Kind vergewaltigt, er am Nachmittag bereits in Haft ist".

Mit etwas Wohlwollen entdeckt man in den Vorträgen des heutigen Tages die Vision einer synodalen, kollegialen und transparenten Kirche, in der Bischöfe auf externe Experten hören und sämtliche Missbrauchsverdachtsfälle an die weltliche Gerichtsbarkeit weitergeben. Schade nur, dass alles, was bisher zu lesen und zu hören ist, keine bindende Wirkung hat.

Und das alles bei großem Priestermangel

Vielleicht auch, weil die Missbrauchsdebatte ein Grunddilemma der katholischen Kirche berührt, wie es der Chef der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Gualtiero Bassetti beschreibt: Sie leidet unter akutem Priestermangel, sieht sich aber nach den Skandalen in der Pflicht, die Ausbildung zu verbessern und die Ansprüche anzuheben: "Wir können das Risiko nicht mehr eingehen", sagte Bassetti in einer Videobotschaft. Und will die Folgen offenbar in Kauf nehmen: "Das heißt: weniger Priester, weniger Geistliche, aber dafür mehr Besonnenheit."

"Das war ein zäher Beginn", sagt Matthias Katsch von der Betroffenenorganisation "Eckiger Tisch". Zwar gebe es Bischöfe, die ehrlich um mehr Transparenz bemüht seien. "Aber einige haben immer noch nicht den Schuss gehört."

Es bräuchte eine klare Ansage vonseiten des regierenden Monarchen, des Papstes, so Katsch. Gewaltenteilung und eine unabhängige Gerichtsbarkeit könnten nur mit einhergehender Kontrolle durchgesetzt werden. "Das ist in einem totalitär organisierten System ein sehr langer Prozess. Aber wir Überlebende haben nicht so viel Zeit."

DER SPIEGEL

Der erste Tag der Konferenz zeigt: Die Perspektiven auf das Missbrauchsgeschehen sind in der Weltkirche auch kulturell bedingt sehr unterschiedlich. So wird in Ländern, in denen es Kinderehen gibt, der Missbrauch von Minderjährigen oft nicht als solcher erkannt, sondern als einvernehmlicher Sex in der Ehe verstanden. Dem will der Papst seinem 21-Punkt-Plan zufolge beikommen, indem die Kirche das Mindestalter für eine Eheschließung auf 16 Jahre anhebt.

Einige Bischöfe bekunden routiniert Betroffenheit und versprechen, den Opfern zuzuhören - eine Grundvoraussetzung für Aufarbeitung. Andere sind da schon weiter: Der australische Erzbischof Mark Coleridge erklärte, er habe Missbrauch "zuerst als Sünde betrachtet, dann als Verbrechen und schließlich als Kultur". Wenn die Kirche den Missbrauch an der Wurzel bekämpfen wolle, brauche sie einen Kulturwechsel und dürfe nicht nur die Symptome behandeln.

"Dies ist ein Kreuzweg", betonte der Malteser Erzbischof Charles Scicluna. Die Kirche müsse den Gläubigen jetzt beweisen, dass sie es ernst meine mit der Prävention von Sexualstraftaten: "Wir werden unser Leben für die Herde geben, die uns anvertraut wurde."

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