Vatikan Papst mit hohem Fieber, aber noch ansprechbar

Der Zustand von Johannes Paul II. ist weiter extrem kritisch. Er habe seit dem Morgen hohes Fieber, sei jedoch noch bei Bewusstsein, teilte der Vatikan in einer Erklärung am Samstagabend mit. 40.000 Gläubige harren auf dem Petersplatz aus, um dem Kirchenoberhaupt nahe zu sein.


Kerzen für den Papst in einer Kirche in Bethlehem: "Der Papst geht zum Herrn"
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Kerzen für den Papst in einer Kirche in Bethlehem: "Der Papst geht zum Herrn"

Rom - Die Erklärung, die der Vatikan am Abend verteilte, bestand aus drei dürren Sätzen: "Der klinische Zustand des heiligen Vaters bleibt weiter sehr enst. Am späten Morgen entwickelte er hohes Fieber. Wenn er von Mitgliedern seines Haushalts angesprochen wird, antwortet er korrekt."

Dahinter verbirgt sich der Todeskampf eines Menschen, dessen Gesundheitszustand sich am heutigen Samstag immer weiter verschlechterte. Bevor das Pressebüro des heiligen Vaters die kurze Notiz verbreitete, hatte die italienische Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf Ärztekreise bereits berichtet, Johannes Paul II. gleite immer stärker in die Bewusstlosigkeit. Sein Zustand sei nicht mehr umkehrbar.

Auf dem Petersplatz haben sich zehntausende Menschen versammelt, die still den schweren Stunden des mächtigsten Kirchenmannes dieser Erde gedenken. In Kirchen auf der ganzen Welt wurden Andachten abgehalten, beteten Menschen für den sterbenden Papst. Als die Erklärung des Vatikans veröffentlicht wurde, ging in der Wohnung Johannes Pauls im dritten Stock des Apostolischen Palastes ein Licht an, was den Beifall der Gläubigen auf dem Petersplatz hervorrief.

Der 84 Jahre alte Kirchenführer ringt seit Freitag mit dem Tod. "Ich habe euch gesucht, jetzt seid ihr zu mir gekommen, und dafür danke ich euch", waren die vorerst letzten Worte von Johannes Paul II. Er brachte die Worte nur flüsternd hervor, kaum hörbar irgendwann in den langen Stunden der vergangenen Nacht. Seit Morgengrauen beobachten die Ärzte, die ständig über den Pontifex wachen, dass sich das Bewusstsein des Patienten immer mehr eintrübt.

"Er liegt aber nicht im Koma", sagte Vatikan-Sprecher Joaquin Navarro-Valls bei seiner ersten Pressekonferenz heute Mittag. "Er reagiert und öffnet seine Augen, wenn man ihn anspricht." Er wirke aber, als schlafe er.

Der Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner betete am Samstag sichtlich ergriffen in einer Mittagsandacht für eine "gute Sterbestunde für den Papst". Zusammen mit knapp 1000 Gläubigen gedachte er im Kölner Dom des im Sterben liegenden Kirchenoberhauptes. "Wehen Herzens gehen unsere Gedanken nach Rom in den Vatikan."

Am Morgen hätten Kurienkardinäle und enge Mitarbeiter eine Messe beim Papst gefeiert. Der Kirchenführer habe ihnen dafür gedankt. Der deutsche Kurienkardinal Joseph Ratzinger sagte zuvor: "Ihm ist bewusst, dass er zum Herrn geht." Der Papst habe sich "von mir mit einem letzten Gruß verabschiedet und mir für die Arbeit in den letzten Jahren gedankt".

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Langsames Sterben: Die Welt betet für den Papst

Gestern am späten Nachmittag hatte der Vatikan erklärt, Herz und Nieren des Papstes würden schwächer und die Atmung flacher. Er hatte in der Nacht zum Freitag aufgrund einer Harnwegsinfektions eine Blutvergiftung erlitten. Daraufhin brach das Herz-Kreislauf-System des Parkinson-Patienten zusammen.

"Diese Nacht öffnet Christus dem Papst die Tür", mit diesen Worten hat Erzbischof Angelo Comastri Katholiken in aller Welt auf den baldigen Tod ihres Kirchenoberhauptes vorbereitet.

Papstgemächer: Mit Bangen beobachten die Gläubigen die Fensterläden - nach dem Tod eines Papstes werden sie für gewöhnlich geschlossen
AFP

Papstgemächer: Mit Bangen beobachten die Gläubigen die Fensterläden - nach dem Tod eines Papstes werden sie für gewöhnlich geschlossen

Die engen Vertrauten des Papstes hatten sich bereits am Freitagabend um den Sterbenden versammelt. Der italienische Kardinal Camillo Ruini dankte dem Todkranken in einem Gottesdienst in der römischen Laterankirche, an der auch die Spitzen des italienischen Staates teilnahmen.

"Der Papst sieht und berührt schon den Herrn", sagte Ruini. "Er scheidet still dahin", so der polnische Kardinal Andrzej Maria Deskur, ein enger Freund des Papstes. Seinem früheren Privatsekretär John Magee zufolge ist der Papst bereit zu sterben.

Vatikansprecher Navarro-Valls hatte gestern um 19 Uhr vor der Presse erklärt: "Der allgemeine Zustand und der Zustand des Herz- und Atmungsapparates hat sich beim Heiligen Vater weiter verschlechtert. Die Ärzte verzeichnen eine neuerliche Zunahme des Blutdrucks, der Atem des Papstes ist flach geworden. Das klinische Bild zeigt ein Versagen des Kreislaufs und der Nieren. Die biologischen Parameter sind sehr beeinträchtigt. Der Heilige Vater vereinigt sich - mit sichtbarer Anteilnahme - im kontinuierlichen Gebet mit denen, die ihm beistehen."

Am Freitagnachmittag hatte Johannes Paul II. noch letzte Amtshandlungen vorgenommen. Im Vatikan ernannte er 17 Bischöfe, gleichzeitig nahm er den Rücktritt von sechs weiteren entgegen. Beobachter deuteten das als ein weiteres Zeichen für den baldigen Tod des 84-Jährigen. Italienische Fernsehsender berichteten außerdem, Kardinäle aus aller Welt seien auf dem Weg in den Vatikan. Wenn der Papst gestorben ist, wählt die Versammlung der Kardinäle einen Nachfolger.




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