Klare Absage an Reformbemühungen Vatikan verbietet deutschen Katholiken Neuerungen im Alleingang

Nach dem Missbrauchsskandal wollte sich die katholische Kirche in Deutschland reformieren – doch dem Vatikan gehen die Ideen offenbar zu weit. Die Einheit der Kirche sei bedroht.
Papst Franziskus im Vatikan

Papst Franziskus im Vatikan

Foto: Evandro Inetti / dpa

In einer offiziellen Erklärung hat der Vatikan den deutschen Katholiken weitgehende Reformen im Alleingang verboten. »Der ›Synodale Weg‹ in Deutschland ist nicht befugt, die Bischöfe und die Gläubigen zur Annahme neuer Formen der Leitung und neuer Ausrichtungen der Lehre und der Moral zu verpflichten«, stellte der Heilige Stuhl in einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung klar. »Es wäre nicht zulässig, in den Diözesen vor einer auf Ebene der Universalkirche abgestimmten Übereinkunft neue amtliche Strukturen oder Lehren einzuführen, welche eine Verletzung der kirchlichen Gemeinschaft und eine Bedrohung der Einheit der Kirche darstellen würden.«

Der Vatikan lädt die deutschen Katholiken jedoch ein, ihre Vorstellungen in den derzeit ebenfalls laufenden synodalen Prozess der Weltkirche einzubringen. Diesen Prozess hat Papst Franziskus angestoßen, wobei unklar ist, was genau das Ziel ist und ob damit irgendwelche konkreten Reformen beabsichtigt werden.

Vorsitzende des »Synodalen Wegs« sind irritiert

Nun äußerten sich die Vorsitzenden des »Synodalen Wegs« zu der Erklärung des Vatikans. Die überraschend scharfe Kritik des Heiligen Stuhls an der Reforminitiative löste Irritation unter deutschen Katholiken aus: »Wir werden nicht müde zu betonen, dass die Kirche in Deutschland keinen ›deutschen Sonderweg‹ gehen wird«, erklärten die Vorsitzenden des »Synodalen Wegs«. Was der Vatikan in seiner Erklärung fordere, decke sich ohnehin mit der Satzung der Reformbewegung. Ziel sei es aber, »klar zu benennen, wo aus unserer Sicht Änderungen notwendig sind«, betonte das Gremium, dem auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, angehört.

Auch die katholische Reformbewegung »Wir sind Kirche« nannte die Kritik des Papstes »nicht gerechtfertigt« und kritisierte eine »gefährliche Kommunikationslücke« zwischen Deutschland und dem Vatikan. Die Organisation plädierte dafür, Dokumente des »Synodalen Wegs« schnell in mehreren Sprachen zugänglich zu machen.

Konsequenz aus dem Missbrauchsskandal

Der 2019 begonnene Synodale Weg der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) ist eine Konsequenz aus dem Missbrauchsskandal. Er strebt Reformen in vier Bereichen an: beim Umgang mit Macht, bei der katholischen Sexualmoral, der Position der Frauen und der verpflichtenden Ehelosigkeit der Priester (Zölibat).

Zu den konkreten Erneuerungen, die angestrebt werden, gehören etwa ein Mitspracherecht der Gläubigen bei der Ernennung von Bischöfen, der Segen für gleichgeschlechtliche Paare und das Diakonat der Frau, eine Vorstufe zum Priestertum. Papst Franziskus hatte sich schon mehrfach skeptisch zum Synodalen Weg geäußert. So sagte er kürzlich, in Deutschland gebe es schon eine evangelische Kirche – »wir brauchen nicht zwei davon«.

Nach Einschätzung des Kirchenrechtlers Thomas Schüller hat der Vatikan den deutschen Reformbemühungen mit der Erklärung eine klare Absage erteilt. »So kann es mit den Blütenträumen der deutschen Synodalen gehen: Sie zerplatzen an den römischen Mauern«, sagte der Münsteraner Professor der Nachrichtenagentur dpa. »Rom stellt ein Stoppschild auf und beharrt auf seinem alleinigen Führungsanspruch, was die Veränderung von Macht und Lehre in der Kirche angeht.«

Der Vatikan befürchte, dass die deutschen Katholiken einen Sonderweg einschlagen könnten, und offenbar schafften es die restaurativen Kräfte in der römischen Zentralverwaltung, Papst Franziskus in seiner kritischen Sicht auf die deutsche Kirche zu bestärken. Aus Sicht des Papstes dächten die Deutschen zu sehr in Strukturen und kümmerten sich zu wenig um die aktive Verkündung des Glaubens. Dabei seien Änderungen in der Lehre ebenso ein Gebot der Stunde wie die Einhegung bischöflich-absolutistischer Macht, sagte Schüller. »Auch die Weltkirche und damit Rom könnte von einer Teilkirche wie der in Deutschland durchaus lernen, will es aber augenscheinlich nicht.«

lmd/dpa
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