Überschwemmungen Italienische Regierung kündigt Hilfe für Venedig an

Venedig kämpft mit den Folgen eines verheerenden Hochwassers - und der Zivilschutz warnt schon vor neuen Unwettern. Italiens Regierungschef Giuseppe Conte spricht von einem "Stich in das Herz unseres Landes".

Überschwemmter Markusplatz in Venedig: "Ein Stich in das Herz unseres Landes"
Filippo Monteforte/ AFP

Überschwemmter Markusplatz in Venedig: "Ein Stich in das Herz unseres Landes"


Angesichts der enormen Schäden durch die heftigen Überschwemmungen in Venedig hat die Regierung in Rom Hilfe angekündigt. "Die Katastrophe, die Venedig getroffen hat, ist ein Stich in das Herz unseres Landes", sagte Regierungschef Giuseppe Conte bei einem Besuch der Lagunenstadt. Sein Kabinett sei bereit, Hilfsgelder freizugeben. Die Regierung will am Nachmittag den Notstand für Venedig ausrufen, um schneller Mittel bereitstellen zu können.

Weite Teile Venedigs leiden derzeit unter dem schwersten Hochwasser seit mehr als 50 Jahren. Durch die Wassermassen wurden viele Anlegestellen für die berühmten Touristengondeln weggerissen. Der Markusplatz und der Dom wurden überflutet, genauso wie Hotels, Geschäfte und Wohnhäuser. Schiffe gingen unter, Gemäuer wurden zerstört. Mindestens ein Mensch starb.

Bürgermeister Luigi Brugnaro hatte die Schäden am Mittwoch auf mehrere Hundert Millionen Euro beziffert. "Wir bitten die Regierung, uns zu helfen, die Kosten werden hoch sein", schrieb Brugnaro auf Twitter. Er machte den Klimawandel für die Überschwemmungen verantwortlich. Ähnlich äußerte sich auch Umweltminister Sergio Costa. "Die Erderwärmung wird unseren Planeten zerstören, wenn wir nicht sofort gegensteuern", schrieb er auf Facebook.

Einige Einwohner Venedigs machten dagegen Korruption für die Katastrophe verantwortlich. Sie werfen Politikern vor, die Stadt an Tourismus- und Kreuzfahrtunternehmen verkauft zu haben und sich nicht wirklich um den Schutz zu kümmern.

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Hochwasser in Venedig: Notstand in der Welterbestadt

Das bereits seit 2003 im Bau befindliche Sturmflutsperrwerk "Mose", in das schon sechs bis sieben Milliarden Euro investiert wurden, ist noch immer nicht funktionstüchtig. Es soll die Stadt mit ausfahrbaren Barrieren vor Hochwasser schützen.

Bürgermeister Brugnaro dringt darauf, das skandalgeplagte Flutschutzvorhaben fertigzustellen. Er ist der Meinung, dass Katastrophen wie das jetzige Hochwasser mit "Mose" vermieden werden können. Jedoch verzögert sich der Bau seit Jahren wegen Korruptionsskandalen und auch Kritik von Umweltschützern. Medien nennen das Projekt "die große Unvollendete".

Video: Für Touristen eine Attraktion, für die Bewohner ein Problem

Manuel Silvestri/ REUTERS

Regierungschef Conte sagte nun, der Bau sei zu "92 bis 93 Prozent" fertig. "Venedig ist ein Kulturerbe Italiens und der Menschheit. Es ist notwendig, dass eine Serie von historischen Problemen gelöst wird."

Der italienische Zivilschutz warnte unterdessen vor neuen Unwettern mit starkem Wind in der Region Venetien. Der Wasserstand soll allerdings bei Weitem nicht das Rekordniveau wie in der Nacht zu Mittwoch erreichen.

Das Kulturministerium will am Donnerstag den Markusdom auf Schäden prüfen. Kulturminister Dario Franceschini sprach von einem Notfall. Kulturdenkmäler seien durch salziges und schmutziges Wasser in Mitleidenschaft gezogen worden. Kunstwerke in Sammlungen oder Material in Archiven und Bibliotheken seien aber nach ersten Erkenntnissen nicht beschädigt worden.

Schulen und Kindergärten sollten auch am Donnerstag geschlossen bleiben, der Schiffsverkehr war extrem eingeschränkt. Die Oper La Fenice sagte Aufführungen ab. Die Kunst-Biennale teilte dagegen mit, wieder zu öffnen, nachdem das Gelände am Mittwoch gesperrt war und die Kunstwerke auf Schäden überprüft wurden.

wit/AFP/dpa

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whitewisent 14.11.2019
1.
Das Hochwasser war nicht so schlimm, weil Mose noch nicht fertig ist! Die Schäden sind zum großen auf persönliche Fehlleistungen von Menschen vor Ort zurückzuführen. So waren und sind viele Boote und Schiffe regelmäßig nicht ausreichend gesichert. Egal ob 184 oder 164cm Flut. Genauso haben viele Gebäude bis heute keinerlei Schutzanlagen, schlimmer noch, bei vielen Gebäuden gibt es jede Menge bodennahe Türen und Fenster, wodurch das Wasser ungehindert eindringen kann. Und wie viele Bilder zeigen sind immer noch viele Erdgeschosse nicht auf Überflutungen eingerichtet. Warum auch, wenn nach jedem Hochwasser medienwirksam gejammert wird, und auf weitere Gelder der Zentralregierung gewartet wird. Da dies immer kam, warum soll man was ändern, was vieleicht den Disneycharme für die Touristen schmälert. Manche nennen es Mafia, andere Organisiertes Verbrechen, auf jeden Fall gibt es auch in Venedig mächtige Gruppen, welche nicht an einem wirksamen Hochwasserschutz interessiert sind. Wenn 194 bereits vor 50 Jahren erreicht wurde, müßte es heute Wehranlagen für Werte bis 250cm Minimum geben. Selbst mit einem funktionierenden Mose nur schwer zu erreichen.
Augustusrex 14.11.2019
2. Italienische Regierung
"kündigt an". Zum wie vielten mal kündigt die italienische Regierung an, und wie oft folgten den Worten auch Taten. Ein verheerendes Hochwasser vor 55 Jahren, und seitdem ist im Hochwasserschutz praktisch nichts verbessert worden. Im Gegenteil, die Lage wurde verschlechtert. Schaut mal auf New Orleans, was dort nach Catrina für umfassende Hochwasserschutzmaßnahmen realisiert wurden. Wer nicht so weit blicken will, gehe in die Niederlande und sehe sich die großartigen Deltawerke an. In New Orleans baute das United States Army Corps of Engineers, in den Niederlanden wurde das riesige Projekt von zivilen Firmen erledigt. Beides geht, aber wohl nicht im ansonsten wunderschönen Italien.
aequitas12 14.11.2019
3. Geographische Situation
Zitat von Augustusrex"kündigt an". Zum wie vielten mal kündigt die italienische Regierung an, und wie oft folgten den Worten auch Taten. Ein verheerendes Hochwasser vor 55 Jahren, und seitdem ist im Hochwasserschutz praktisch nichts verbessert worden. Im Gegenteil, die Lage wurde verschlechtert. Schaut mal auf New Orleans, was dort nach Catrina für umfassende Hochwasserschutzmaßnahmen realisiert wurden. Wer nicht so weit blicken will, gehe in die Niederlande und sehe sich die großartigen Deltawerke an. In New Orleans baute das United States Army Corps of Engineers, in den Niederlanden wurde das riesige Projekt von zivilen Firmen erledigt. Beides geht, aber wohl nicht im ansonsten wunderschönen Italien.
Ich gehe davon aus, dass ihnen grob klar ist, dass vor allem die Altstadt von Venedig aufgrund ihrer Besonderheiten kaum gegen Hochwasser zu schützen ist, möchte man nicht eben jene Besonderheiten verlieren. Anders als in anderen Städten ist Venedig durchzogen von vielen Kanälen, die auch direkt mit der Adria verbunden sind. Denn Venedig besteht letztlich aus einer Vielzahl von Inseln und ist schon deshalb nicht mit New Orleans oder Amsterdam vergleichbar. Man kann natürlich eine riesen Mauer um Venedig herumziehen. Aber dann sind auch die Kanäle dicht. Kein Canal Grande mehr, keine Gondeln, keine kleinen Kanäle und Brücken mehr. Oder jedenfalls in stark abgespeckter Form. Dabei ist nicht hilfreich, dass die Stadt selbst langsam absinkt, da der Boden nicht fest genug ist. Venedig hochwasserfest zu machen ist praktisch unmöglich.
marinero7 14.11.2019
4. Nur der Klimawandel?
"Um kurz vor Mitternacht stieg das Wasser - angetrieben durch starken Wind - auf 187 cm über dem Meeresspiegel. Das sei der höchste Wert seit der verheerenden Überschwemmung im Jahr 1966, als 194 cm erreicht wurden, teilte die Kommune mit. " Also, wenn der Pegel 1966 um 7 cm höher war, wieso begründet man das Hochwasser heute mit dem Klimawandel? Mittlerweile begründet man so ziemlich alles mit dem Klimawandel.
curiosus_ 14.11.2019
5. Ah ja, haben Sie..
Zitat von aequitas12Ich gehe davon aus, dass ihnen grob klar ist, dass vor allem die Altstadt von Venedig aufgrund ihrer Besonderheiten kaum gegen Hochwasser zu schützen ist, möchte man nicht eben jene Besonderheiten verlieren. Anders als in anderen Städten ist Venedig durchzogen von vielen Kanälen, die auch direkt mit der Adria verbunden sind. Denn Venedig besteht letztlich aus einer Vielzahl von Inseln und ist schon deshalb nicht mit New Orleans oder Amsterdam vergleichbar. Man kann natürlich eine riesen Mauer um Venedig herumziehen. Aber dann sind auch die Kanäle dicht. Kein Canal Grande mehr, keine Gondeln, keine kleinen Kanäle und Brücken mehr. Oder jedenfalls in stark abgespeckter Form. Dabei ist nicht hilfreich, dass die Stadt selbst langsam absinkt, da der Boden nicht fest genug ist. Venedig hochwasserfest zu machen ist praktisch unmöglich.
..noch nichts vom MO.S.E-Projekt gehört? Zur Info (Wikipedia): Das MO.S.E.-Projekt (= modulo sperimentale elettromeccanico) ist *ein derzeit in Bau befindliches* Sturmflutsperrwerk aus beweglichen Fluttoren. Es wird an den drei Öffnungen (ital. bocche) der Lagune von Venedig installiert und soll das historische Zentrum Venedigs ab seiner geplanten Fertigstellung 2021 vor Hochwasser (ital. Acqua Alta) schützen. *Ähnliche Sperrwerke wurden bereits in London (Thames Barrier) und Rotterdam (Maeslant-Sperrwerk) in Betrieb genommen* .. 1984 wurden erste Machbarkeitsstudien erstellt..ursprünglich war mit einer Inbetriebnahme im Jahr 2014 gerechnet worden. Unschwer können Sie dort nachlesen, dass da nur dann was "dicht ist" wenn Hochwassergefahr droht. So wie das für alle Hochwassersperrwerke nun mal üblich ist. Wenn "Venedig hochwasserfest zu machen praktisch unmöglich" wäre gäbe es dieses Projekt schlicht nicht.
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