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Psychologie Verbotener Trip ins Ich

aus DER SPIEGEL 21/1995

Auf dem gepflasterten Hof vor dem renovierten Bauernhaus parken ein paar Wagen, und ein halbes Dutzend Leute in Jogginghosen und T-Shirts tragen zusammengerollte Bettdecken, Reisetaschen und Einkaufskörbe ins Haus. Sie unterhalten sich lebhaft und lachen, und Sven steht ein wenig verloren neben seinem Auto.

Er ist zum erstenmal hier, und weil er zudem noch nie in Psychotherapie war, hat er nur eine undeutliche Idee, was an den drei Tagen auf ihn zukommen wird. Der 36jährige ist übers Wochenende zu dem Seminar in der Nähe von München gefahren, um dort eine Reise in sein Unbewußtes zu machen; eine Therapie-Sitzung mit illegalen Drogen.

Sven ist froh, als er auf jemanden stößt, den er kennt. Heiner** steht in der großen Küche und kocht Tee. Er trägt eine hellgrüne Hose, ein leicht zerknittertes grünes Hemd und Gesundheitssandalen. Sven kannte ihn bislang nur in der Rolle des seriösen Psychiaters, der in seiner modernen Arztpraxis Maßanzüge trägt.

Um den Küchentisch sitzen vier junge Frauen in Leggings und weiten Pullovern. »Mir ist es in den letzten Wochen wieder so schlecht gegangen«, sagt eine, »ich habe mich in meiner Wohnung vergraben, den Anrufbeantworter angestellt ** Alle Namen von der Redaktion geändert. _(* In der Schweiz. ) und nie zurückgerufen. Und dann dachte ich: Es ist soweit, ich muß wieder eine M-Reise machen.«

»M-Reise« - die Geheimsprache ist fehl am Platz, denn alle hier wissen, was »M« ist: das illegale Amphetamin MDE, auch »Eve« genannt - eine Variante der Droge Ecstasy.

»M« werde ihn seine verdrängten Gefühle wieder spüren lassen, hatte der Psychotherapeut Heiner versprochen, als Sven vor ein paar Wochen bei ihm war. Eine Freundin hatte den Kontakt vermittelt und ihm den Schwur abgenommen, nie über die Therapiemethoden zu reden. Beim Vorgespräch am Telefon hatte Heiner damals zunächst nicht einmal seinen Vornamen genannt. Grund des Versteckspiels: Mit den illegalen Drogenseminaren riskiert Heiner bis zu 15 Jahre Gefängnis, den Verlust der Approbation und seiner bürgerlichen Existenz.

MDE öffne die Tür zum Unbewußten, hatte Heiner erklärt, als Sven schließlich zur Besprechung in die Praxis gekommen war. Vor acht Jahren hat der Therapeut, unzufrieden mit den Ergebnissen von tiefenpsychologischer Behandlung, Gestalt- und Körpertherapie, mit MDE-Behandlungen begonnen.

An den etwa 300 Teilnehmern, so sagt Heiner, habe er beobachtet, daß die Erkenntnis- und Bewältigungsprozesse deutlich schneller abliefen als in herkömmlichen Therapien. Länger als ein Jahr aber dürfe keine Therapie dauern. Mittlerweile habe er sogar von Kollegen als hoffnungslos aufgegebene Patienten mit der Kombination von Einzelgesprächen und durchschnittlich zehn MDE-Sitzungen geholfen.

Auch Sven werde tief in sich hineinblicken können und zu verstehen beginnen, warum er immer wieder zerstört, was er gerade gemalt hat. Warum er seine Arbeit für oberflächlich hält und dann ein Messer nimmt, es in die Leinwand sticht und schreiend das Bild zerschneidet, an dem er tagelang gearbeitet hat. Und weshalb er sich dann stundenlang von seiner Freundin trösten lassen muß.

»Laßt uns anfangen«, ruft Heiner, und etwas später haben sich alle auf den buntbezogenen Matratzen im Gruppenraum versammelt, 14 Frauen und 6 Männer. Heiner hat sich an die Stirnwand gesetzt, in die Mitte zwischen seine Assistenten, und sieht dabei aus wie ein Guru. Und er verdient auch genauso gut: 500 Mark pro Person mal 20 Teilnehmer, und das an 10 Wochenenden pro Jahr - das ergibt rund 100 000 Mark Jahresverdienst.

Als die sogenannte dynamische Meditation beginnt und Sven wie die anderen zur New-Age-Musik den Körper schüttelt und langgezogene »Ah«- und »Oh«-Laute ausstößt, weicht die Spannung aus seinen Muskeln. Sein Unterkiefer fällt schlaff herunter, die Arme schaukeln unkontrolliert hin und her.

Heiner teilt ihm Markus zu, einen erfahrenen Therapieteilnehmer, der nun im Schneidersitz vor ihm hockt. Zehn Minuten lang muß Sven von seinen maßlosen Wutanfällen erzählen. »Was willst du?« fragt Markus bei jedem Stocken und Zögern stereotyp, bis Sven antwortet: »Ich will diesen Mechanismus von Wut und Verzweiflung verstehen.«

Dreimal erzählt Sven seine Geschichte, und dreimal hört er anderen zu. Er erfährt, daß Markus, von Beruf selbständiger Grafiker, vor seiner Arbeit wegläuft, Termine verpaßt und das Gefühl hat, er sei schwach und willenlos. Die Krankenschwester Tina erzählt, wie sie sich nachts die Arme und Beine blutig kratzt, wenn der Oberarzt sich mit dem Chefarzt streitet und beide verlangen, daß sie Partei ergreift.

Und dann sitzt er vor Sarah. Sie ist Ende 20, doch ihr ängstliches, graublasses Gesicht läßt sie unscheinbar und alterslos erscheinen. Als sie ihm von ihren Panikattacken berichtet, zittert sie am ganzen Körper. Seit sie die MDE-Sitzungen mache, müsse sie nicht mehr zwanghaft bis tief in die Nacht penibel ihre Gerichtsakten bearbeiten und jeden Tag ihre Wohnung putzen, aber diese Angst sei sie noch nicht losgeworden. In der U-Bahn-Station, im Kaufhaus - wie aus heiterem Himmel überfalle sie die Panik. »Ich habe Angst zu sterben«, preßt sie hervor.

Später erzählt jeder vor der Runde, warum er die Reise ins Ich machen will: Petra zerschneidet ihre Brüste mit Rasierklingen, seit ihr erster und einziger Freund vor zehn Jahren bei einem Autounfall tödlich verunglückte. Andere sind magersüchtig, fettsüchtig, depressiv, haben das Gefühl, ihr Körper sei in zwei Hälften unterteilt, ihre Haut sei taub oder überempfindlich.

Astrid, eine ganz in Schwarz gekleidete Frau Anfang 50, hat Alpträume von menschenleeren Städten. Beiläufig erzählt sie von dem Knoten, den sie seit Monaten in der Brust taste. »Du warst nicht beim Arzt?« fragt Heiner vorwurfsvoll. Nein, antwortet sie, sie werde erst zum Arzt gehen, wenn sie nicht mehr diese Todessehnsucht habe.

Heiner macht sich Notizen und spricht mit jedem ein Thema zum Nachdenken während der Reise ab. »Schau dir mal deine Wutanfälle an«, sagt er zu Sven, »und frag dich, was du mit denen erreichen willst.« Am Ende hat er zwei Reisegruppen gebildet: die »M-Reise« für Anfänger und die »L-Reise« für Fortgeschrittene. »L« ist das Kürzel für LSD.

Einzeln stehen sie auf und geben das Versprechen ab, über »Namen, Ort und Art der Behandlungen« zu schweigen - ein Ritual, das seit acht Jahren ausreicht, die Teilnehmer vom Ausplaudern abzuhalten.

Spätabends, nachdem Heiner und die Assistenten zum Schlafen in ein Nebengebäude gegangen sind, essen alle Milchreis mit Kirschen und Schokolade. Sie werden am nächsten Morgen auf das Frühstück verzichten, damit die Droge optimal wirkt.

Einige können nicht schlafen in dieser Nacht, sie gehen unruhig durch den Garten oder trinken Kräutertee in der Küche. Sven sitzt bis ein Uhr nachts mit den Schlaflosen zusammen und hört zu, wie eine der älteren Teilnehmerinnen, eine Mittvierzigerin, über Karma und Reinkarnation spricht. Sie ignoriert den Spott, mit dem sie von den anderen ausgefragt wird.

Am nächsten Morgen liegen alle auf den Matratzen und beginnen mit den Atemübungen, die anderthalb Stunden dauern. Heiner hat ihnen gezeigt, wie sie atmen sollen: schnell und tief. Schon nach kurzer Zeit verkrampfen sich Svens Hände, und die Lippen ziehen sich zu einem harten Ring zusammen. Als er die Muskelspannung nicht mehr erträgt, liegt er flach atmend auf dem Bauch. Erschöpft lauscht er auf das Keuchen der anderen.

»Sagt ja zum Leben, sagt ja zu euch«, ruft Heiner mit bemühter Fröhlichkeit, als sie etwas später im Kreis sitzen, und stimmt die Gruppe auf Optimismus ein. »Ja, ja, jaa«, antworten sie im Chor, bis die Assistenten an jeden ein Glas mit den in Orangensaft aufgelösten 150 Milligramm MDE austeilen. Die Süße des Saftes überdeckt nicht den bitteren Geschmack der Droge. Im Nachbarzimmer portioniert Heiner die Krümel für die LSD-Trips.

Sven liegt in seinem Schlafsack, hört über Kopfhörer New-Age-Musik und hat eine Schlafbrille aufgezogen. Er wartet. Nichts passiert. Er hört Musik. Nichts. Von einer Sekunde zur anderen fängt neben ihm Sarah an zu weinen. Zwischen klappernden Zähnen quetscht sie ein paar unartikulierte Laute hervor. Zwei Assistenten laufen zu ihr und nehmen sie in die Arm, aber sie schreit und schreit: »Blut! Überall Blut! Meine Mutter! Sie blutet!«

»Sie lenkt mich ab«, sagt Sven, als Heiner sich neben ihn setzt, »ich komme nicht drauf.« Doch er hört schon nicht mehr Heiners Antwort, denn als er tief durchatmet, sinkt er in eine andere Welt, in der es keine Zeit gibt, keinen Raum und keine Logik. »Ich weite mich aus«, habe er in diesem Augenblick gedacht, sagt Sven, »ich bin das Universum.« Er sieht einen Sternenhimmel und tiefes Blau, das endlos ist. Er ist glücklich.

Doch als Heiner sich neben ihn setzt, sanft seinen Arm drückt und fragt, wie es ihm gehe, fühlt er sich plötzlich wie ein kleines Kind, das hilflos im Orbit strampelt. Er erzählt, was er noch nie gesagt und vielleicht auch noch nie gedacht hat; er redet und redet und kann sich nicht stoppen. »Meine Mutter liebt mich nur, wenn ich perfekt bin«, sagt Sven, und Tränen quellen aus seinen geschlossenen Augen. Aus dem Nachbarraum dringt Gelächter und Gesang herüber, und das klingt, als habe der Wahnsinn seine Stimme gefunden.

Am späten Nachmittag kehrt Sven allmählich aus der Innen- in die Außenwelt zurück. Heiner verteilt in der Küche Schmerztabletten, doch Sven entscheidet sich, die rasenden Kopfschmerzen zu ertragen, die eine Nebenwirkung des MDE sind. Immer noch toben Überlegungen, Erinnerungen durch seinen Kopf, und als er sieht, daß einige sich zurückgezogen haben, um ihre Erlebnisse zu notieren, nimmt auch er seinen Schreibblock.

So wie er zuvor seine Redeflut nicht stoppen konnte, schreibt er nun manisch seine Gedanken auf: daß er als Kind begann, seiner Mutter nicht mehr die Wahrheit zu erzählen, sondern alles Erlebte auszumalen und zu übertreiben - und hinter der konstruierten Grandiosität seine verletzliche und unscheinbare Identität zu verstecken.

Am nächsten Tag wacht Sven erst auf, als die anderen schon aus dem Mitgebrachten ein Frühstück mit Lachs, Obstsalat, Kuchen und aufgebackenen Brötchen vorbereitet haben und sich schnatternd um den langen Bauerntisch setzen. »Das machen wir jedesmal«, erklärt Heiner ihm, »das ist ein Ritual, fast wie ein Gottesdienst.«

Später sitzen sie auf den Matratzen im Gruppenraum. Einige dösen vor sich hin, andere schreiben mit, als sie nacheinander ihre MDE-Reisen schildern. Der Onkel habe ihre Mutter vergewaltigt, erzählt Sarah, und wie damals als kleines Kind habe sie jetzt noch einmal in Todesangst zusehen müssen - und geglaubt, sie sei als nächste dran. Doch jetzt fühle sie sich erleichtert. Und es sieht so aus, als sei aus Sarahs Gesicht die ganze ängstliche Spannung gewichen. »Das ist jedesmal so«, flüstert Tina, »aber das hält höchstens vier Wochen.«

Petra berichtet, daß sie die Liebe zu ihrem toten Freund als ein Brennen im Bauch gespürt habe. »Das muß aufhören«, sagt Heiner, »er ist seit zehn Jahren tot, und du lebst, als wärest du es auch.« Sie nickt. Ein Assistent fordert sie auf, einen der Männer in den Arm zu nehmen. Doch sie will nicht.

Zögernd erzählt Sven schließlich, daß er mit dem Zerstören seiner Bilder ein Drama inszenieren müsse, um sich selbst davon zu überzeugen, daß er kein oberflächlicher Mensch sei, sondern ein Individuum, ein schwieriger Künstler. Es kommt ihm plötzlich lehrbuchmäßig und viel zu logisch vor, was er da sagt.

Als Sven am Nachmittag seine Reisetasche ins Auto packt, sieht er Astrid aus dem Haus kommen, die eine buntgeblümte Bluse über das schwarze T-Shirt gezogen hat. Er geht zu ihr: »Du mußt den Knoten in deiner Brust untersuchen lassen.« Sie blickt auf den Boden. »Mal sehen«, antwortet sie und wendet sich ab.

Später, als er auf der Landstraße fährt und die Schatten der Alleebäume über sein Gesicht huschen, beschließt er, noch am Abend ein Bild anzufangen. Das will er seiner Freundin schenken. Y

Sie verzichten auf das Frühstück, damit die Droge optimal wirkt

Es klingt, als habe der Wahnsinn seine Stimme gefunden
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Ecstasy und LSD *

sind in Deutschland verboten. Dennoch veranstalten mindestens drei Therapeutengruppen regelmäßig im Untergrund Wochenendseminare, in denen die Teilnehmer MDMA ("Ecstasy"), MDE oder LSD einnehmen. MDMA und das engverwandte MDE sind, so der Fachbegriff, Amphetamin-Derivate. Sie werden auch »Entaktogene« oder »Emphatogene« genannt, weil sie helfen, unterdrückte Gefühle zu äußern. In den USA arbeiteten Paartherapeuten mit MDMA, bis der Stoff 1986 verboten wurde (in Deutschland kam das Verbot für MDMA ebenfalls 1986, 1991 für MDE). Eine Studie an Ratten hatte gezeigt, daß Überdosierungen das Hirn schädigen können. Außerdem war MDMA, das wie MDE nicht süchtig macht, zur Partydroge geworden. In der Schweiz setzten Psychiater den Stoff von 1988 bis 1993 in einem Pilotprojekt ein, seit kurzem darf an US-Universitäten die Wirkungsweise von MDMA und LSD wieder untersucht werden. Das Halluzinationen erzeugende LSD war in den sechziger Jahren verboten worden - unter anderem, weil der damalige Harvard-Professor Timothy Leary den Stoff als Droge für die Massen propagierte. Inzwischen plädieren Forscher für den Einsatz von LSD zur Therapie von Alkoholabhängigen und zur Depressionsbehandlung bei Krebspatienten im Endstadium. In Deutschland fordert das »Europäische Collegium für Bewußtseinsstudien« (ECBS) die Zulassung von wissenschaftlichen Untersuchungen mit MDMA und LSD. Deshalb beschäftigen sich die ECBS-Experten von Freitag an auf ihrem Symposium in Hamburg mit dem politisch heikelsten Aspekt der Droge: Sie vergleichen die Wirkung von Ecstasy in der Therapie - und in der Techno-Partyszene.

** Alle Namen von der Redaktion geändert. * In der Schweiz.

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