Verbrechen Ein Mord, die Kennedys und heruntergelassene Hosen

27 Jahre nach einem Mord an einem 15-jährigen Mädchen wurde der Kennedy-Neffe Michael Skakel jetzt schuldig gesprochen. Wurde er verurteilt, weil er zum Kennedy-Clan gehört? Oder konnte er sich jahrelang der Gerechtigkeit entziehen, weil ihn der Nimbus von Amerikas berühmtester Familie schützte?
Von Steven Geyer

"Ich war betrunken und high", murmelt die Stimme auf dem verrauschten Tonband. "Ich zog meine Hosen runter, habe 30 Sekunden lang in der Baumkrone onaniert, und dachte 'Das ist verrückt'. Wenn sie mich schnappen, werden sie denken, ich bin beknackt.'" Die Stimme auf dem Recorder gehört dem Kennedy-Neffen Michael Skakel, und unter dem Baum in der Villengegend von Greenwich im Bundesstaat Connecticut wurde am nächsten Morgen die Leiche der 15-jährigen Martha Moxley gefunden, zu Tode geprügelt mit einem Golfschläger. Jetzt, fast 27 Jahre später, fand ein Geschworenengericht Skakel des Mordes schuldig. Nicht zuletzt das Eingeständnis vom nächtlichen Masturbieren in der Nähe des Tatorts trug zur Verurteilung bei.

So sieht es zumindest Mickey Sherman, der Anwalt Skakels: Diese Episode "war der Teil des Prozesses, der den größten Schaden angerichtet hat", sagt er dem Nachrichtensender CNN. "Es scheint, als seien die Geschworenen über alles hinweggekommen, außer über diese Geschichte." Sie hätten deshalb den Bogen geschlagen vom angetrunkenen 15-Jährigen in der Baumkrone zum brutalen Mord, für den sie nun Skakel, mittlerweile 41 Jahre alt und keine besonders sympathische Erscheinung, zur Rechenschaft zögen.

Mit dem Urteil, das die Geschworenen am Freitag in Norwalk, Connecticut, nach viertägigen Beratungen fällten, ging einer der spektakulärsten Gerichtsprozesse der jüngeren amerikanischen Geschichte zu Ende. Die sechs männlichen und sechs weiblichen Geschworenen fällten ihr Urteil auf Grund von Andeutungen, die Skakel im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts entweder tatsächlich gemacht hat oder gemacht haben soll, zum Beispiel gegenüber drogen- oder alkoholabhängigen Klassenkameraden während seiner Zeit in einer Entzugsanstalt für suchtkranke Jugendliche aus reichen Familien.

Bestseller über den Mord in "Amerikas reichster Gemeinde"

Obwohl auch Skakel zum Zeitpunkt des Mordes erst 15 Jahre alt war, wurde der Fall auf Antrag der Anklage als Tat eines Erwachsenen behandelt. Begründung des Richters: Man könne einen mittlerweile 41-Jährigen ja schlecht in ein Jugendgefängnis stecken. Anstatt der Höchststrafe für Minderjährige von vier Jahren erwartet Skakel nun ein Strafmaß zwischen zehn Jahren und lebenslänglich. Die Entscheidung will der Richter Mitte Juli verkünden.

Mindestens drei Bücher rekonstruieren den Fall, darunter Titel wie "Reichtum des Bösen: Die wahre Geschichte des Mordes an Martha Moxley in Amerikas reichster Gemeinde" und "Mord in Greenwich" von Mark Fuhrman, einem früheren Polizisten aus Los Angeles, der durch seine zwielichtige Rolle im O.J.-Simpson-Verfahren bekannt geworden war und schon daraus ein erfolgreiches Buch gemacht hatte. Kurz zuvor hatte der Bestseller "Zeit im Fegefeuer" des Journalisten Dominick Dunne und die darauf basierende TV-Verfilmung neue Ermittlungen der Behörden ausgelöst.

Rolle als verzogener Choleriker im Kennedy-Clan

Vor allem aber lebt die öffentliche Neugier am Moxley-Fall vom Mythos, der die Kennedys umgibt. Skakel ist der Neffe von Ethel Kennedy, die mit John F.'s Bruder Robert verheiratet war; Robert wurde 1968 ermordet, als er selbst, wie sein älterer Bruder John F., Präsident der Vereinigten Staaten werden wollte. Sämtliche Skandale und Schicksalsschläge in Amerikas berühmtester Familie werden seither mit allergrößter Faszination und nicht nachlassender Anteilnahme in den Medien und der Öffentlichkeit ausgebreitet. Die letzte große Tragödie rankte sich um John F. Kennedys Sohn, genannt John-John, der 1999 gemeinsam mit seiner Frau und seiner Schwägerin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.

Als Michael Skakel in den Verdacht geriet, der Mörder Martha Moxleys zu sein, war aus dem schlaksigen Sportler von einst ein frühzeitig ergrauter, übergewichtiger und in Scheidung lebenden Vater geworden, der gegen seinen Alkoholismus ankämpfte. Sein Part in der Familie Kennedy: verzogener, arroganter Choleriker mit verkorkster Jugend - Mutter früh gestorben, Vater reicher Industrieller, aber nie zu Hause. Kindheit mit Haushälterinnen in Luxus und bald auch mit Drogenproblemen. Polizei und Staatsanwaltschaft nahmen die Ermittlungen neu auf, nachdem sie zunächst jahrelang vergeblich gegen einen Hauslehrer der Familie Skakel und gegen Michaels Bruder Thomas ermittelt hatten.

"Ich werde mit einem Mord davonkommen"

Aufgespürte Zeugen erinnerten sich nach Jahren an Andeutungen, einige sogar an Geständnisse, die Skakel von sich gegeben habe. Drei der Zeugen sind inzwischen gestorben, Skakels Klassenkamerad Gregory Coleman zum Beispiel vor drei Jahren an einer Überdosis Heroin. Seine Aussage ließ der Richter im Prozeß dennoch zu, sie wurde verlesen: "Ich werde mit einem Mord davonkommen", soll Skakel geprahlt haben, "weil ich ein Kennedy bin."

Staatsanwalt Jonathan Benedict baute diesen zentralen Satz in seine Argumentation ein: Nur auf Grund des Reichtums und der Beziehungen seiner Familie sei Skakel so lange unbehelligt geblieben. "Es ist unwahrscheinlich, dass er das Chaos selbst bereinigt hat", sagte Benedict im Prozess. Gemeint war, dass vor allem deshalb keine Spuren zu finden gewesen seien, weil die Familie sie verschwinden ließ und mit ihrer Macht in der Nachbarschaft Druck auf potenzielle Zeugen ausgeübt haben soll.

Skakels Anwalt: "Der Fall ist nicht vorbei"

Es sei überaus verdächtig, wie Skakel nach dem Verbrechen plötzlich ins Internat geschickt worden sei. Dass die Skakel-Geschwister sich vor Gericht an nichts erinnern konnten, außer an ein Alibi ihres Bruders, er habe jene Nacht in einem anderen Stadtteil bei einem Cousin vor dem Fernseher verbracht, kommentierte der Staatsanwalt mit den sarkastischen Worten: "Sie hatten Erinnerungslücken, weil in ihrer echten Erinnerung die Wahrheit liegt."

Michael Skakel, der selbst nicht in den Zeugenstand trat, und sein Anwalt Michael Sherman bestritten den Mord bis zuletzt. "Er ist unschuldig. Er war vor 24 Jahren unschuldig, und er ist heute unschuldig", sagte Sherman nach Skakels Verhaftung im Januar 2000. Nach dem Urteil kündigte er nun an: "So lange noch Atem in meinem Körper ist, ist dieser Fall nicht vorbei." Michael Skakels jüngerer Bruder David sprach nach dem Schuldspruch von einer Hexenjagd.

Motiv: Eifersucht auf den Bruder

Skakel hatte irgendwann zugegeben, er sei in Martha Moxley verliebt gewesen. Da sie zuletzt lebend gesehen wurde, als sie mit seinem Bruder Thomas flirtete, ging die Anklage von Mord aus Eifersucht aus. Der blutverschmierte Golfschläger, der am Tatort lag und dessen Griff dem Opfer brutal durchs Genick gestoßen worden war, gehörte zum Set von Skakels Mutter.

Staatsanwalt Benedict wob ein Netz aus Hinweisen, den Zeugenaussagen und den Äußerungen Skakels, das er in seinem Abschlussplädoyer zuzog: Sein wichtigster Kronzeuge war dabei der Angeklagte selbst. Denn Skakel hatte in dem Interview, das er 1997 dem Ghostwriter Richard Hoffman gab, einen ominösen Satz auf Band gesprochen: In jener Mordnacht sei er entgegen früheren Aussagen sehr wohl auf dem Moxley-Grundstück gewesen, und er mache sich Sorgen darüber, was er "vorm Schlafengehen getan hat".

Masturbationsgeschichte frei erfunden?

Ist ihm damit ein Geständnis rausgerutscht, fragt Staatsanwalt Benedict die Geschworenen, und zeigt im Gerichtssaal wirkungsvoll das auf eine Leinwand projizierte Foto der fröhlichen jungen Martha Moxley - und gleich darauf eine Aufnahme, auf der das schrecklich misshandelte, ermordete Mädchen zu sehen war. Die Masturbationsgeschichte habe Skakel, folgerte der Staatsanwalt, lediglich vorbeugend erfunden, da es ja sein könne, dass belastendes DNS-Material auftauche.

Spätestens an dieser Stelle, meinten Prozessbeobachter später, hätte die Verteidigung Angst bekommen müssen. "Geschworene haben eine natürliche Abneigung dagegen, Todesfälle unbestraft zu lassen", erklärt etwa der bekannte Anwalt Mark Biros in der "Washington Post". "Skakel hatte ein widersprüchliches Alibi, und die Verteidigung konnte die Jury nicht von einer glaubwürdigen Alternative mit einem anderen Täter überzeugen."

Als ihn die Presse später fragt, warum er die Interview-Aufnahmen erst in seinem Schlussplädoyer vorgespielt habe, vergisst Staatsanwalt Benedict für einen Moment seine sonst betont vorgetragene Förmlichkeit. "Wir wollten die Verteidigung mit heruntergelassenen Hosen erwischen", sagt er mit stolzen Siegerlächeln.

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