Verdacht auf Kinderhandel Pädophile gaben sich als Haiti-Helfer aus

Er nutzte das Leid der Kinder in Haiti aus: Ein Deutscher hat in dem zerrütteten Karibikstaat ein Waisenhaus betrieben - und soll Minderjährige sexuell missbraucht haben. Zusammen mit anderen Männern schleuste er mehrere Opfer vermutlich auch nach Deutschland.

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Hamburg - Es war Mitte Februar, als die Reise von zwei mutmaßlichen Kinderhändlern am Flughafen München abrupt endete. Die beiden Männer, ein 57-jähriger Deutscher und ein 26-jähriger Brasilianer, wurden festgenommen. Bei sich hatten sie einen elfjährigen Jungen, den sie von Haiti über die Dominikanische Republik nach Deutschland schleusten.

Die Ermittler fanden bei dem Deutschen kinderpornografische Bilder - und deckten weitere brutale Details auf. Demnach reiste der Mann immer wieder nach Haiti, wo er ein Waisenhaus leitete. Doch anstatt den Kindern Schutz zu gewähren, missbrauchte er sie. Vertrauen erschlich er sich laut Polizei auf perfide Weise: Er lockte Minderjährige in Haiti mit einem Straßenkinderprojekt an.

Diese Projekte wurden von einem Verein in Berlin gesteuert, den der Mann leitet. Unterstützung könnte er nicht nur von dem mit ihm verhafteten Brasilianer, sondern auch von einem 67-jährigen Schweden erhalten haben, der ebenfalls im Vorstand des Vereins sitzt. Auch er soll Jungen in Haiti sexuell missbraucht haben.

Wie der Elfjährige könnten weitere Kinder nach Deutschland gebracht worden sein, fürchten die Fahnder. "Zum jetzigen Zeitpunkt kann man vermuten, dass das auch in anderen Fällen passiert ist", sagt Hans-Peter Kammerer vom Polizeipräsidium Oberbayern Nord.

Menschenhändler verschleppen Kinder im Chaos

Die Brutalität der Pädophilen trifft die Schwächsten in Haiti. Schon vor dem Erdbeben wurden viele Kinder ausgebeutet, nach der Katastrophe hat sich die Situation deutlich verschlimmert. Viele haben ihre Eltern und Familien verloren, sind schutzlos. "Nach Katastrophen sind Kinder besonders gefährdet und werden dadurch sehr schnell Opfer von Menschenhändlern", sagt Susanne O'Byrne von der Kindernothilfe. Die Gefahr, dass die Minderjährigen im Chaos verschleppt werden, dass sie einfach verschwinden, ist groß.

Der Sprecher der Hilfsorganisation Terre des Hommes, Wolf-Christian Ramm, hatte schon kurz nach dem verheerenden Beben im Januar 2010 vor den Methoden der Kriminellen gewarnt: "Sie begeben sich in Zeltlager, an Orte, an denen Trinkwasser, Lebensmittel oder Hilfslieferungen verteilt werden. Hier sprechen die Zuhälter die Kinder direkt an, versprechen ihnen, Hilfe zu holen, Angehörige zu finden oder für Essen zu sorgen. In Wirklichkeit landen die Waisen dann oft in der Prostitution oder werden über dubiose Internetagenturen zur Adoption freigegeben."

Tatsächlich wurden unter dem Deckmantel einer Adoption Kinder aus dem Land verschleppt. Tausende sind laut Terre des Hommes unmittelbar nach der Katastrophe ausgeflogen worden, teilweise war nicht einmal ihre Identität geklärt und ob sie noch Familie hatten.

Mehr als ein Jahr später hat sich nicht viel verbessert. Kinder werden noch immer ausgenutzt, missbraucht, vergewaltigt. Einige werden als Sklaven gehalten, eine traurige Tradition in dem Land. Sie kochen, putzen, schuften für fremde Familien und bekommen kaum etwas zu essen. Restavèk nennt man sie, das kommt vom französischen "rester avec" - "bei jemandem bleiben". Schon vor dem Beben arbeiteten mehr als 220.000 Kinder als Leibeigene, die Zahl ist seitdem wohl stark gestiegen.

Bewaffnete Banden vergewaltigen Mädchen und Frauen

Auch sexuelle Gewalt ist ein gravierendes Problem, besonders in den Flüchtlingslagern sind die Minderjährigen und die Frauen schutzlos. Viele Menschen leben weiter in Camps, hausen in provisorischen Zelten, dicht an dicht. Wenn es dunkel wird, ziehen bewaffnete Banden durch die Lager - sie bedrohen und vergewaltigen Kinder und Frauen. Sicherheit gibt es nicht. Hunderte Vergewaltigungen seien gemeldet worden, berichtet Amnesty International. Tatsächlich gebe es aber vermutlich deutlich mehr sexuelle Übergriffe.

Ihre traumatischen Erlebnisse vertrauten die Opfer im vergangenen Jahr Amnesty International an, der Bericht ist im Januar 2011 erschienen. Die 14-jährige Machou etwa wurde von einem jungen Mann überfallen. "Er hielt mir den Mund zu und tat, was er tun wollte. Nachdem er fertig war, ging er, und ich weinte und weinte. Ich mag nichts mehr essen, weil ich die ganze Zeit sehr traurig bin. Ich habe Angst, dass es wieder passieren wird." Auch Guerline und ihre 13-jährige Tochter wurden vergewaltigt. "Sie sagten, wenn ich darüber reden würde, würden sie mich töten", so Guerline.

Zwölfjährige Haitianerinnen werden schwanger. Junge Mädchen von zehn Jahren verkaufen ihren Körper, weil sie eine Arbeit suchen oder Essen für ihre Familie beschaffen möchten. Das ist die Lage in Haiti.

"Im Hotel kann man ohne weiteres mit Minderjährigen verkehren"

Nicht nur auf der Karibikinsel, auch in anderen Ländern Mittel- und Südamerikas werden Kinder Opfer von Pädophilen und Menschenhändlern. Diese schwärmen ihnen von einer Model-Karriere vor und zwingen sie dann zur Prostitution. Andere verschleppen die Kinder, verkaufen sie an Bordelle. Die Minderjährigen landen oft in den USA oder Westeuropa.

Sextourismus ist ebenfalls ein großes Problem. In Mexiko arbeiten Unicef-Schätzungen zufolge mehr als 16.000 Kinder als Prostituierte, in den Touristengebieten ist die Zahl besonders hoch. Ein Ziel von Pädophilen ist auch Cartagena in Kolumbien. Terre des Hommes berichtet von einer regelrechten Industrie zur Ausbeutung der Kinder: "Bereits am Flughafen präsentieren Taxifahrer Kunden eine Auswahl von Jungen und Mädchen jeden Alters und jeder Hautfarbe. In Nachtclubs treten leichtbekleidete Mädchen auf, die 'auf älter' geschminkt sind. Viele sind erst 13 oder 14 Jahre alt und haben gefälschte Papiere. Ob Stundenhotel oder Fünf-Sterne-Haus, man kann ohne weiteres mit Minderjährigen verkehren, selbst wenn ein Anschlag darauf hinweist, dass diesen der Zugang untersagt ist."

Immerhin gab es im August 2010 endlich einen Erfolg im Kampf gegen die Sextouristen. Erstmals wurde in Kolumbien ein Ausländer wegen Kinderpornografie, sexueller Handlungen mit Minderjährigen und Anstiftung zur Prostitution verurteilt. Der 72-jährige Italiener muss 15 Jahre ins Gefängnis und mehr als 30.000 US-Dollar zahlen. Zwei Komplizen erhielten Haftstrafen von je zehn Jahren Gefängnis. Ein Urteil, das Signalwirkung haben könnte, sagt Rudolf Gafner von Terre des Hommes, "um endlich pädophile Sextouristen abzuschrecken".



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duschinabuschi, 15.04.2011
1. *
Zitat von sysopEr nutzte das Leid der Kinder in Haiti aus: Ein Deutscher hat in dem zerrütteten Karibikstaat ein Waisenhaus betrieben - und die Minderjährigen sexuell missbraucht. Vermutlich schleuste er mehrere Opfer auch nach Deutschland. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,757383,00.html
Es ist so entsetzlich. Und die Welt hat Haiti längst vergessen und es ist dort jetzt schon über ein Jahr so schlimm und wird nicht besser. Und niemanden interessiert es. Auch Fukushima ist entsetzlich. Aber diese Tragödie macht mich sehr traurig.
onkel hape 15.04.2011
2. Was soll/darf man mit diesen Widerlingen tun?
Diese perversen, grausamen Kinderschänder sind wirklich der Abschaum. Ein liberaler, aufgeklärter Mensch, für den ich mich halte, der grundsätzlich gegen Folter, Todesstrafe u. andere Grausamkeiten kämpft, kommt doch ins Grübeln, ob in Ausnahmefällen, in denen menschliche Bestien solche unfassbaren Gräuel begehen, diese widerlichen Monster nicht doch mit ihrem (schändlichen) Leben büssen müssten.
hilfloser, 15.04.2011
3. Wie tief kann
Zitat von sysopEr nutzte das Leid der Kinder in Haiti aus: Ein Deutscher hat in dem zerrütteten Karibikstaat ein Waisenhaus betrieben - und die Minderjährigen sexuell missbraucht. Vermutlich schleuste er mehrere Opfer auch nach Deutschland. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,757383,00.html
ein Mensch sinken? Ich staune immer wieder und wenn ich denke es geht nicht mehr weiter abwärts werde ich eines "Besseren" belehrt. Ich hoffe die Gerichte fällen ein Urteil das nicht auf den Widerstand des EU Gerichtshofes stößt und den armen Kinderschänder im nachhinein noch eine fette Entschädigung zubilligt für seine 2 Jahre Haft im Schmuseknast in D nebst psychologischer, sozialtherapeutischer, neurologischer, gruppendynamischer Verhaltserlebnisstherapie.
zzipfel 15.04.2011
4. Vlt wärs mal ganz gut ...
Zitat von sysopEr nutzte das Leid der Kinder in Haiti aus: Ein Deutscher hat in dem zerrütteten Karibikstaat ein Waisenhaus betrieben - und die Minderjährigen sexuell missbraucht. Vermutlich schleuste er mehrere Opfer auch nach Deutschland. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,757383,00.html
den verniedlichenden Begriff "pädophil" gegen den konkreteren "pädosexuell" auszutauschen - denn es ist wohl eben keine "Liebe" sondern das skrupellose Ausleben krankhafter sexueller Triebe, die diese Männer zu Verbrechern werden lässt ... Die juristischen Strafen sind offenbar noch viel zu harmlos. Übrigens - was macht eigentlich der so umjubelte Piratenparteiaktivist Teuss - derjenige der zu privaten "Forschungszwecken" entsprechend einschlägiges Material von Knaben in seinem Schlafzimmer bereithielt? Und hat die Partei der "Grünen" dazu nicht auch besondere Ideen, zumindest kursieren doch entsprechende Pamphlete grüner Spitzenpolitiker zu diesem Thema? (Ich weiß zumindest, warum ich welche Partei NIEMALS wähle würde.)
weltbetrachter 15.04.2011
5. abscheulich !!!!!
Es ist gut, das derartige Straftaten in Deutschland vor Gericht abgeurteilt werden, auch wenn die Tat nicht hierzulande stattgefunden hat. . Es ist kaum nachvollziehbar, was diese Leute den Minderjährigen antun und was das für das gesamte spätere Leben bedeutet. Von seelischen Schäden bis zum Selbstmord werden immer wieder Berichte bekannt. . Die Täter sollten auch für die finanziellen Folgen ihres Tuns zur Rechenschaft gezogen werden.
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