Verdacht gegen "Concordia"-Reederei Weitere mysteriöse Frau gibt Rätsel auf

Der Kapitän der "Costa Concordia" stand nicht unter Drogen, als sein Schiff auf einen Felsen auflief. Das ergab ein Test, dem er freiwillig zugestimmt hatte. Inzwischen gibt eine weitere bislang unbekannte Frau Rätsel auf. Sie soll als angebliche Reederei-Anwältin Kontakt zu Schettino gehabt haben.

AP

Giglio - Der Drogentest, dem sich der Kapitän der havarierten "Costa Concordia" freiwillig unterzogen hat, ist negativ ausgefallen. Dies berichten mehrere italienische Zeitungen am Montag in ihren Online-Ausgaben. Bei der Laboranalyse wurden Haare und Urin des Kapitäns auf Drogen getestet. Schettinos Anwalt Bruno Leporatti erklärte am Montag, es gebe "nicht den geringsten Zweifel daran, dass der Test negativ ausgefallen ist".

Seit dem schweren Unglück vor der Isola del Giglio, bei dem mindestens 13 Menschen ums Leben kamen, war immer wieder vermutet worden, Francesco Schettino habe zu viel getrunken oder gar Drogen genommen, weil er kein SOS funkte, sein Schiff verließ, obwohl noch Hunderte Passagiere an Bord waren, und auch an Land offenbar weiter beharrlich versuchte, die Situation zu verharmlosen. Schettino hatte die Vorwürfe eines möglichen Drogenmissbrauchs stets von sich gewiesen.

Schettinos Wachhund

Derweil erhärtet sich der Verdacht, dass die Kreuzfahrtgesellschaft "Costa Crociere" offenbar versuchte, Informationen über den Hergang des Unglücks zurückzuhalten. Der "Corriere della sera" berichtet am Montag von einer weiteren "mysteriösen Frau", die sich vor der Festnahme mit Schettino getroffen haben soll.

Wie die Zeitung unter Berufung auf einen Reporter von Tgcom berichtet, soll sie sich als Anwältin der Costa Crociere ausgegeben haben. Davide Loreti hatte am Tag nach dem Unglück bis 11.45 Uhr den Kapitän interviewt und dabei die Dame bemerkt: "Eine blonde Frau, nicht groß, 40 bis 50 Jahre alt, in beigefarbener Daunenjacke." Sie habe im Hotel Bahamas gewohnt, so der Journalist. Leider seien die Kameras ausgeschaltet gewesen, man habe keine Aufnahmen von ihr.

Der Besitzer des Hotels, Paolo Fanciulli, sagte der Zeitung, die Frau sei von den Überwachungskameras in der Halle aufgenommen worden. Allerdings würden die Videos alle 48 Stunden automatisch gelöscht, mithin habe man keinen Zugriff mehr.

Dem Bericht zufolge soll Schettino einen Computer bei sich gehabt haben, als er nach dem Unglück frühzeitig an Land ging. Jetzt vermutet der "Corriere", Schettino könne den Rechner mit sensiblen Informationen an die Frau weitergegeben haben. Denn von dem Gerät fehlt jede Spur. Jetzt sollen sich die Vertreter der "Costa Crociere" in einer Anhörung dazu äußern.

"Als die Frau mitbekam, dass Schettino uns ein Interview gegeben hat, wurde sie sehr wütend", so Loreti. "Kapitän, was tun Sie", soll sie gefragt und dann laut gerufen haben. "Ich erhebe Einspruch!" Dann habe sie den Kapitän mit sich genommen, der in einer roten Tasche "etwas Hartes, Rechteckiges" bei sich trug, so der Reporter weiter - angeblich der Computer.

Künftig Seenotrettungsübungen vor Auslaufen

Inzwischen ziehen die Reedereien erste Konsequenzen aus dem Unglück, bei dem mindestens 13 Menschen ums Leben kamen. Als Reaktion auf die offenbar extrem unprofessionell verlaufenen Rettungsmaßnahmen haben die Reedereien Aida und Tui Cruises angekündigt, die Seenotrettungsübungen ab sofort immer vor dem Auslaufen der Kreuzfahrtschiffe durchzuführen.

Künftig werde kein Schiff mehr auslaufen, ohne dass die Passagiere an einer solchen Übung teilgenommen haben, sagte eine Aida-Sprecherin. Auch Tui Cruises bestätigte die neue Praxis. Laut Gesetz sind die Kreuzfahrtveranstalter verpflichtet, innerhalb der ersten 24 Stunden mit den Passagieren den Ernstfall zu üben.

Spezialausrüstung gegen Ölpest vor Ort

Um die Gefahren einer Ölpest einzugrenzen, ist das niederländische Unternehmen Smit von den italienischen Behörden zu zusätzlichen Vorsichtsmaßnahmen aufgefordert worden, teilten die Fachleute von Smit am Montag mit. So solle die bisher geplante schwimmende Barriere gegen auslaufendes Öl verdoppelt werden.

Zudem kam am Montag ein Öltanker mit Spezialausrüstung an der Havariestelle an, der im Notfall Öl mit Absauggeräten und Barrieren auffangen soll. In den Tanks des 290 Meter langen Schiffes sind noch etwa 2300 Tonnen Treibstoff, überwiegend Schweröl. Dieses muss erwärmt werden, ehe es abgepumpt werden kann. Die Aktion dürfte Wochen dauern.

An der Unglücksstelle wurde am Montag das mit Spezialinstrumenten ausgestattete ozeanografische Marineschiff "Galatea" erwartet. Es soll mit einem Echolot den Meeresgrund südlich des Wracks nach Vermissten und Trümmern aus dem havarierten Schiff absuchen.

Am Sonntag hatten Taucher im verunglückten Schiff eine 13. Leiche entdeckt. Unter den bereits identifizierten Opfern sind nach Angaben von Carabinieri-Kommandant Rocco Carpenteri ein Deutscher, vier Franzosen - darunter ein Ehepaar - und je ein Mann aus Italien, Spanien und Ungarn. Die Behörden gehen von noch mindestens 24 Vermissten aus.

ala/dpa

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kellitom 23.01.2012
1. Stand Schettino unter Druck
seines Arbeitgebers, möglichst nah an die Insel Giglio heranzufahren? Dann hätte die Reederei eine Mitschuld. Allerdings ist das Verhalten des Kapitäns während der Bergung fatal!
jujo 23.01.2012
2. ...
Zitat von sysopDer Kapitän der "Costa Concordia" stand nicht unter Drogen, als sein Schiff auf einen Felsen auflief. Das ergab ein Test, dem er freiwillig zugestimmt hatte. Inzwischen gibt eine weitere bislang unbekannte Frau Rätsel auf. Sie soll als angebliche Reederei-Anwältin Kontakt zu Schettino gehabt haben. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,810790,00.html
Die Reederei tut das was ihre Pflicht ist! Bei einem Seeunfal die Beteiligten zu schützen, sie vor Äusserungen unter dem dem Eindruck des gerade passierten, die ihnen Schaden könnten, zu bewahren, Dafür spricht auch, das die anderen Beteiligten Offiziere aus dem "Verkehr" gezogen wurden. Es ist richtig, das diese nur von offizieller Stelle vernommen werden. Es währe für mich nicht akzeptabel sie der Presse zum "Fraß" vorzuwerfen. Das die Reederei damit vielleicht ihr eigenes dazutun zum Deasater verschleiern will ist wahrscheinlich aber dann wohl nicht zu ändern. Wir werden auch kaum erfahren inwieweit die Reederei die "richtigen" Antworten belohnt! Diese Vorgehensweise ist nicht Seefahrt spezifisch, das ist überall bei ähnlichen Vorfällen die Regel
mamasliebling 23.01.2012
3. Die Reederei wäscht die Hände in Unschuld
Diese konfusen Aussagen des Kapitäns lassen die Vermutungen offen, dass er als verwirrt dargestellt werden soll, damit man ihm das Unglück anhängen kann. Ich habe da so meine eigene Theorie..... Auf jeden Fall wird die Reederei versuchen sich aus der Haftung herauszumanövrieren (schönes Wortspiel).
zappa99 23.01.2012
4. Ganz egal
Zitat von kellitomseines Arbeitgebers, möglichst nah an die Insel Giglio heranzufahren? Dann hätte die Reederei eine Mitschuld. Allerdings ist das Verhalten des Kapitäns während der Bergung fatal!
Ganz egal, was die Reederei beauftragt hat, der Kapitän ist für das leben der Besatzung und Passagiere verantwortlich. Selbst "möglichst nah" heisst selbstverständlich unter Wahrung der erforderlichen Sicherheitsabstände. Mit großer Sicherheit hat die Reederei nicht verlangt, dass das Schiff stranden soll. Hat den das Schiff kein Echolot/Sonar, mit dem man Hindernisse unter Wasser erkennen kann? Kaum vorstellbar.
peter.hartung@hamburg.de 23.01.2012
5. Irrelevante Stories.
Zitat von sysopDer Kapitän der "Costa Concordia" stand nicht unter Drogen, als sein Schiff auf einen Felsen auflief. Das ergab ein Test, dem er freiwillig zugestimmt hatte. Inzwischen gibt eine weitere bislang unbekannte Frau Rätsel auf. Sie soll als angebliche Reederei-Anwältin Kontakt zu Schettino gehabt haben. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,810790,00.html
Ich halte diese Boulevard-Geschichten für irrelevant. Es geht jetzt darum, dass die im Rumpf des Schiffes verbliebenen Opfer geborgen werden und dass endlich mit dem Abpumpen des Schweröls begonnen wird. Lange genug wird das dann dauern. Wihtig ist auch zu erfahren, ob sich inzwischen die Reederei und ihr Mastermind Carnival in den USA, die Versicherungen und die Bergungsfirmen (SMIT und Titan) habe ihre Angebote abgegeben, geeinigt und zu einem Ergebnis gekommen sind. Da eine Schiffsbergung üblicherweise auf Basis von Lloyds Open Form vereinbart wird, würde dies ein hohes Risiko für die Berger bedeuten. Denn: No cure, no pay! Keine Bergung, kein Geld! Die Costa Condordia hatte einen Neuwert von 450 Millionen Euro. Ein paar Prozent davon müssen schon für die Berger abfallen, aber darüber muss sich erst geeinigt werden. Es kann aber auch bedeuten, dass man sich letztlich wegen des hohen Ausfall-Risikos nicht an das Wrack herantrauen wird, um es von dort zu beseitigen. Unterdessen hat im Inneren des Schiffes schon lange der Zerfall begonnen, angefangen von den Lebensmittelvorräten für 4.000 Menschen über den Inhalt der Fäkalientanks bis hin zu Reinigungsmitteln, Schmierstoffen und sonstiges gefährliches Zeug. Der Brocken wird der Insel Giglio noch Jahre am Bein hängen bleiben. Also: Hört auf mit den Boulevard-Geschichten. Jetzt geht es um Wichtigeres.
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