Verdikt des Zulu-Königs "Ich will keine nackten Hintern sehen"

Er hat sechs Frauen, 27 Kinder und will Verbrecher an Hyänen verfüttern lassen: Der südafrikanische Zulu-König Goodwill Zwelithini ist alles andere als ein unauffälliger Regent. Jetzt möchte der Monarch den jährlichen Jungfrauenreigen züchtiger gestalten - die Tänzerinnen sind verärgert.

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt


Kapstadt - Nomfuno Dlamini ist empört. Seit fünf Jahren schwingt die 22-Jährige beim traditionellen Schilffestival mit Hingabe ihr kaum bedecktes Hinterteil. Doch wenn die junge Zulu-Frau am 13. September erneut vor ihrem König Goodwill Zwelithini tanzen will, muss sie ihre Rückseite verhüllen. "In diesem Jahr will ich keine nackten Hintern beim Schilfrohrtanz sehen", hat der Monarch verfügt.

Nomfuno Dlamini ist damit - ebenso wie viele ihrer Altersgenossinnen - überhaupt nicht einverstanden: "Wenn wir unsere Körper verstecken, verleugnen wir damit unseren Stolz, noch wirkliche Jungfrauen zu sein." Aber Prinzessin Thembi Zulu, die das alljährliche große Tanzfest der Zulu-Jungfrauen organisiert, springt dem König zur Seite: "Es gibt überhaupt keinen Grund dafür, dass die Mädels ihre bloßen Pobacken präsentieren."

Wenn der große Tag gekommen ist, wird auch Nomfuno Dlamini sich keusch in einen traditionellen Umutsha, einen perlenbestickten Gürtel, oder in einen Sarong kleiden, der ihre Rückseite züchtig bedeckt. Denn der extravagante Zulu-König, der gerne einen Armani-Gürtel zum Leopardenfell trägt, hat schon im vergangenen Jahr bewiesen, dass mit ihm nicht zu spaßen ist: Damals ordnete er kurzerhand an, dass Frauen in Hosen nicht zur Zeremonie zugelassen seien. Selbst Touristinnen, die zahlreich aus dem Ausland angereist waren, wurden rücksichtslos vom Königshof verjagt.

Nur unberührte Frauen dürfen tanzen

Dabei ist der Schilfrohrtanz einer der Höhepunkt des kulturellen Lebens der Zulus, mit acht Millionen Mitgliedern des größten Stammes Südafrikas. Aus dem ganzen Land reisen an diesem Tag die jungen Zulu-Frauen in die königliche Residenz Enyokeni in Nongoma. Im vergangenen Jahr waren es fast 30.000. Von "Jungfrauenprüfern" wird ihre Reinheit getestet. Denn nur unberührte Frauen dürfen teilnehmen.

Die große Probe ihrer Keuschheit kommt allerdings erst beim Höhepunkt des Festes: Jede von ihnen hält ein langes, zerbrechliches Schilfrohr in der Hand, nähert sich unter Stammesgesängen tanzend dem Monarchen und legt das Rohr ehrerbietig vor ihm nieder. Zerbricht es oder knickt es auch nur ein, gilt das als Beweis, dass die Tänzerin - Test hin oder her - ihre Unschuld schon verloren hatte. Dass die Regierung Jungfrauentests verboten hat, schert den König und den königlichen Oberjungfrauentester Nomagugu Ngobese nicht. "Uns Zulus hat niemand in unsere Traditionen hineinzureden", verkündet Goodwill stolz.

Das farbenfrohe Fest hat einen ernsten Hintergrund: König Goodwill hat die seit Jahrhunderten gepflegte und in der Apartheidszeit unterbrochene Tradition 1992 wieder eingeführt, um mit der "moralischen Erneuerung" seines Volkes auch einen Beitrag zur Aidsbekämpfung zu leisten - Südafrika hat eine der höchsten HIV-Infektionsraten der Welt.

Verbrecher den Hyänen zum Fraß vorwerfen

Doch ansonsten fällt der exzentrische Zulu-Herrscher, seit er 1971 seinen Thron bestiegen hat, eher mit Absonderlichkeiten auf: Mal wettert er gegen die Regierung, weil sie ihm verbietet, verurteilte Verbrecher den Hyänen zum Fraß vorzuwerfen. Mal pflanzt er auf dem Marktplatz einer Provinzstadt seine Fahne auf und erklärt das Gebiet für erobert. Vor allem aber macht der 60-Jährige durch seine Verschwendungssucht immer wieder Schlagzeilen.

Die Provinzregierung von KwaZulu-Natal bewilligt ihm eine jährliche Apanage von rund 40 Millionen Rand (ca. vier Millionen Euro). Doch das reicht hinten und vorne nicht. Für seine sechs Frauen, mit denen er 27 Kinder hat, hat Goodwill im vergangenen Jahr teure Mercedes-Limousinen angeschafft. Die Toyotas, die ihnen samt Chauffeur bis dahin zur Verfügung standen, seien "nicht mehr standesgemäß".

Er selbst lässt sich in einer gepanzerten Mercedes-S-Klasse herumkutschieren. In Durban baute er sich - zusätzlich zu seinen sieben Palästen - ein Stadthaus, das er "aus Sicherheitsgründen" noch nicht einmal benutzt hat.

2007 hat er seine Frauen allein zwischen Juli und Oktober mit Designer-Klamotten für rund 50.000 Euro eingekleidet. Als Redenschreiber hält König Goodwill einen Professor, der nach den Berechnungen eines Oppositionspolitikers rund 3600 Euro pro Auftritt kassiert. Und wenn der Monarch auf Reisen geht, bucht sein Hofstaat für ihn und seine Entourage Zimmer für bis zu 4000 Rand pro Person und Nacht - in einem Land, in dem ein Monatslohn von 3000 Rand schon als überdurchschnittlich gilt.

Verschwenderisches Leben

Doch die Provinzregierung will das verschwenderische Leben des Monarchen, der durchaus auch politischen Einfluss hat und bei der Wahl des neuen ANC-Präsidenten Jacob Zuma hinter den Kulissen die Strippen zog, nicht länger aus dem Steuersäckel finanzieren. Die riesigen königlichen Farmen sollen endlich profitabel gemacht werden. "Was Prinz Charles kann, sollten wir auch können", sagt ein Haushaltsfachmann der Provinzregierung.

Doch vor allem hoffen die Haushälter der armen Provinz KwaZulu-Natal auf die Fußball-WM 2010. Dann wollen sie König Goodwill als Touristenattraktion vermarkten. Seine Paläste sollen für Besichtigungen geöffnet werden, geldkräftige Besucher Gastmähler beim König buchen können, Parties mit dem königlichen Hofstaat könnten zusätzliche Touristen in das landschaftlich schöne Zulu-Land locken.

Der Name des Königs soll deshalb als Markenartikel geschützt werden und jeder Südafrika-Besucher schon am Flughafen eine Broschüre mit der Geschichte der Zulus in die Hand gedrückt bekommen. Nur an einem Posten des Hofstaates wollen die Haushälter der Provinzregierung nicht sparen: dem jährlichen Schilfrohrtanz.

Zwei Millionen Rand ist dieses große Stammesfest ihnen wert. Denn für kaum einen Stamm sind die alten Traditionen so heilig wie für die Zulus. Und auch Nomfuno Dlamini ist sicher: "Solange ich Jungfrau bin, werde ich zum Schilffest kommen - selbst wenn mein Hintern wirklich verhüllt sein muss."



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