Verfolgte Frauen Sexuelle Gewalt als Asylgrund?

Wenn afrikanische Frauen aus Deutschland abgeschoben werden, droht ihnen zu Hause oft Vergewaltigung, Prügel und Genitalverstümmelung. Hilfsorganisationen fordern, gefährdete Frauen als Verfolgte anzuerkennen.

Von Steven Geyer


Brutaler Brauch: Ein sechsjähriges Mädchen aus Somalia wird zur Beschneidung gezwungen
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Brutaler Brauch: Ein sechsjähriges Mädchen aus Somalia wird zur Beschneidung gezwungen

Berlin - Kurz nach ihrer Geburt erkrankte die kleine Nwakaego Ceasar an Gelbsucht. Das hat ihr vielleicht das Leben gerettet. Denn in Nigeria, wo sie zur Welt kam, werden weibliche Säuglinge beschnitten - mit Glasscherben oder Rasierklingen werden ihnen Teile der Schamlippen und der Klitoris entfernt. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal, oft wird trotz hoher Aids-Rate bei Massenbeschneidungen dieselbe Klinge benutzt. Jährlich werden zwei Millionen Mädchen verstümmelt, viele von ihnen sterben an den Folgen.

Bevor Nwakaegos Beschneidung nachgeholt werden konnte, musste ihre Mutter Ella mit ihrem Mann nach Deutschland fliehen, weil dieser in Nigeria politisch verfolgt wurde. Erst hier erfuhr Ella Ceasar, dass die Verstümmelung der weiblichen Genitalien nicht normal sein muss. "Ich wusste nicht", erzählt die Nigerianerin, "dass es Orte auf der Welt gibt, an denen Frauen nicht beschnitten werden." Nachdem ihr Mann auf der Flucht untertauchte, fürchtet Ceasar wieder um ihre mittlerweile zwei Töchter und um sich: Sie soll abgeschoben werden. "Wenn ich zurück muss", sagt sie, "werden sie meinen Töchtern das antun, was sie mir schon angetan haben." Ella Ceasar klagte gegen ihre Abschiebung.

Beschneidung ist Tabuthema

Der Ausgang des Verfahrens ist völlig offen. In Deutschland gilt, anders als in Kanada oder den USA, sexuelle Gewalt nicht als Asylgrund. Vergewaltigungen und Beschneidungen zählen zum privaten Bereich. Asyl wird nur bei staatlicher Verfolgung gewährt. Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen wie World Vision oder Terre de Femmes, aber auch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen fordern deshalb die Ausländergesetze zu ändern. Anlässlich des internationalen Frauentages überreichte World Vision dem deutschen Innenministerium am Donnerstag ein Paket mit 16.000 Unterschriften von Bürgern, die Gewalt gegen Frauen als Asylgrund sehen wollen.

Innenstaatssekretärin Sonntag-Wolgast: "Zurzeit wenig Chancen"
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Innenstaatssekretärin Sonntag-Wolgast: "Zurzeit wenig Chancen"

"Ich sehe da zurzeit wenig Chancen", sagte Cornelie Sonntag-Wolgast, SPD, die parlamentarische Staatssekretärin des Bundesinnenministeriums, die die Listen entgegennahm. "Aber wir beschäftigen uns intensiv mit dem Thema, und ich denke, dass auch unterhalb von Gesetzesänderungen noch viel getan werden kann." Innenminister Otto Schily habe die Behörden angewiesen, Frauen, die Beschneidung und sexuelle Gewalt zu befürchten haben, nicht länger abzuschieben. Verstärkt sollten in Zukunft weibliche Beamte für asylsuchende Afrikanerinnen bereitstehen, ebenso psychiatrische Gespräche möglich sein. Denn gerade das Thema Beschneidung sei stark tabuisiert. Viele Frauen würden sich meist nicht trauen, diese Gründe beim Asylantrag vorzubringen.

Hilfsorganisationen treten schon seit Jahren für ein größeres Engagement der Industriestaaten gegen sexuelle Verstümmelung ein. Erst in den letzten Jahren wächst die Wahrnehmung in der westlichen Öffentlichkeit. Das somalische Model Waris Dirie, selbst beschnitten, beschrieb in ihrem Bestseller "Wüstenblume" die Qualen afrikanischer Frauen und kämpft seitdem als Uno-Botschafterin gegen den brutalen Brauch.

21.000 beschnittene Frauen leben in Deutschland

Uno-Botschafterin: Das somalische Model Waris Dirie kämpft gegen Beschneidung
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Uno-Botschafterin: Das somalische Model Waris Dirie kämpft gegen Beschneidung

"Wir wünschen uns", sagte die frauenpolitische Sprecherin von World Vision, Iris Manner, bei der Unterschriften-Übergabe, "dass Deutschland gezielt Nicht-Regierungs-Organisationen vor Ort fördert, dass bei der Vergabe von Entwicklungshilfe-Geldern beachtet wird, ob die Staaten gegen Beschneidung eintreten und dass den Frauen in Deutschland mehr Hilfe zukommt." Sabine Müller, Gynäkologin vom Berliner Familienplanungs-Zentrum, die oft an den Folgen von Beschneidung erkrankte Afrikanerinnen behandelt, fügte hinzu: "Solange der Aufenthaltsstatus der Afrikanerinnen nicht geklärt ist, können die meisten Frauen nicht behandelt werden."

Das Thema ist inzwischen längst auch ein europäisches Problem: Durch Flucht aus Kriegs- und Katastrophengebieten wird die Tradition mitgebracht. Vor zwei Jahren erregte ein Prozess in Frankreich Aufmerksamkeit, in dem eine Frau aus Mali verurteilt wurde, weil sie Mädchen gegen deren Willen und gegen französisches Recht beschnitten hatte. 21.000 beschnittene Frauen und Mädchen leben nach Angaben von Grünen- und SPD-Parlamentariern derzeit in Deutschland.

In der vergangenen Legislaturperiode verabschiedete der Bundestag eine Resolution gegen weibliche Genitalverstümmelung. Mitte Februar brachten die Fraktionen der Grünen und der SPD eine Große Anfrage in den Bundestag ein, mit der sie nach den konkreten Maßnahmen der Regierung gegen die Beschneidung in Deutschland und weltweit fragten. Die Ergebnisse werden demnächst vorgelegt. Dann muss die Regierung auch Auskunft geben, wie geschlechtsspezifisch verfolgten Frauen ein sicherer Aufenthalt in Deutschland ermöglicht werden kann.

"In den letzten Jahren ist ein Trend erkennbar", sagt Iris Manner. "Es gab schon Gerichte, die wegen geschlechtsspezifischer Verfolgung Abschiebeschutz gewährten." Rot-Grün nahm sich zwar nicht vor, die Gesetze in dieser Richtung zu ändern. Aber laut Koalitionsvertrag sollen die Abschiebungsvorschriften sexuelle Gewalt von nun an berücksichtigen.

Ella Ceasar mag sich gar nicht vorstellen, was ihren Töchtern in Nigeria bevorstehen würde. "Es gibt keine Gegend, in der Mädchen nicht der Prozedur unterzogen werden", sagt sie. "Ich würde nicht wissen, wohin." Ellas Eltern weisen sie mittlerweile ab, werfen ihr vor, ihre Töchter schlecht zu behandeln. "Sie sagen: Es ist doch Tradition, du kannst doch deine Töchter nicht unbeschnitten lassen!" Ceasars Eltern sind katholisch. Sie waren es bereits, als sie geboren wurde, und sie haben sie doch beschnitten. Die Macht kirchlicher Stellen gegenüber der afrikanischen Tradition ist genauso klein wie die des Staates oder die der europäischen Hilfsorganisationen.

Aber erste Hoffnung keimt auf. Acht von 28 afrikanischen Staaten, in denen Beschneidung praktiziert wird, haben sie gesetzlich verboten, darunter Senegal, Tansania und Ghana. Zum Teil wird an den Schulen zum Thema aufgeklärt. "Leider ist die Macht der Tradition noch ungebrochen", erzählt Iris Manner. "Ich habe vor Ort zwar mehrmals erlebt, wie Frauen vor Beschneidung oder Gewalt flüchteten - aber oft nur, um dann doch gefangen zu werden oder in den Städten ins soziale Abseits zu rutschen."



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