Vergewaltigungsdroge Potenzieller Killer im Cocktail

Das Rauschmittel GHB wird als Vergewaltigungsdroge eingesetzt. Es macht willenlos, tilgt die Erinnerung - und ist lebensgefährlich. Jetzt wurden die ersten Fälle in Deutschland registriert.

Nur kurz hatte Sabine (Name von der Redaktion geändert) ihren Cocktail aus den Augen gelassen und auf einem Tisch abgestellt. Sie wollte auf der Freiburger Megaparty "Extravaganza" unbeschwert tanzen. Nach einer halben Stunde kehrte sie zurück und trank ein paar Schlucke - von da an fehlt ihr die Erinnerung.

Als sie wieder zu sich kam, stand die Büroangestellte inmitten anderer Gäste draußen auf dem zur Party-Location umfunktionierten Recyclinghof, es wurde schon hell. Sabine hatte Schmerzen im Unterleib, ihre Kleider waren mit Blut bespritzt. "Ich wusste sofort, dass ich vergewaltigt worden bin." Irgendwo am Rande der Massenfete musste es passiert sein. Nur: Daran erinnern konnte sie sich nicht.

Zunächst wollte niemand ihre Geschichte glauben. Sogar sie war sich nicht sicher, "ob ich vielleicht selber daran schuld war". Immerhin hatte sie an dem Abend zwei Cocktails getrunken und war leicht beschwipst. Doch bei der Polizei bestand sie auf einem Drogentest. Das Ergebnis: Offensichtlich hatte ihr jemand das Rauschmittel GHB verabreicht, einen Stoff, der in den USA als "Date rape drug", als Vergewaltigungsdroge bekannt ist.

Auch in Frankreich sorgt GHB immer wieder für Schlagzeilen. Heimlich ins Getränk gemischt macht das Mittel Frauen wehrlos - und lässt sie später das Gedächtnis verlieren. Die Symptome bei Sabine waren eindeutig: Laut Polizei konnte eine nicht näher definierbare "pharmakologisch wirksame Substanz" nachgewiesen werden - GHB (Gamma-Hydroxybutyrat) baut sich im Körper schon nach wenigen Stunden ab. Auch klagte das Opfer weder über Kopfschmerzen noch über sonstige Nachwirkungen - ein Charakteristikum, das GHB von anderen K.o.-Tropfen unterscheidet. "Das unbeaufsichtigte Getränk, der Blackout, da deutet alles auf GHB hin", sagt Wolfgang Weinmann vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Freiburg.

Offiziell sind sexuelle Übergriffe unter Einfluss von GHB hier zu Lande noch nicht aktenkundig. Doch der Missbrauch hat offenbar auch Deutschland erreicht. Vor fünf Wochen gab es einen weiteren Verdachtsfall, diesmal in Hamburg: In der Bar des St. Pauli Theaters sollen zwei Männer eine 37-jährige Frau mittels GHB betäubt und anschließend in einer Wohnung vergewaltigt haben. Auch in Berlin registrierte die Polizei im Frühjahr einen Vergewaltigungsfall, der laut Innensenator Ehrhart Körting "Rückschlüsse auf die Verabreichung von GHB vermuten" lässt.

In der deutschen Partyszene tauchte GHB Ende der neunziger Jahre zum ersten Mal auf, wurde allerdings zunächst nur für den Eigenkonsum genutzt: In geringen Dosen wirkt das Mittel euphorisierend und sexuell stimulierend. Das flüssige GHB wird deshalb auch Liquid Ecstasy genannt, obwohl es mit Ecstasy chemisch nicht verwandt ist. Der Leiter der Delphi-Gesellschaft für Suchtforschung in Berlin, Peter Tossmann, glaubt sogar, dass "GHB in der Szene mindestens so verbreitet ist wie LSD".

Ab einer Menge von zwei Gramm jedoch trübt die Droge das Bewusstsein und lässt die Erinnerung verschwimmen. Auf diese Eigenschaft setzen Vergewaltiger, zumal sie keine vorzeitige Entdeckung fürchten müssen. Den Opfern fallen ein paar Tropfen GHB im Getränk nicht auf: Das Mittel ist geruchlos und schmeckt nur leicht salzig.

Weil eine exakte Dosierung schwierig ist, ist das Risiko für die Opfer ungleich größer: In Kombination mit Alkohol hat schon eine geringe Menge GHB gefährliche Nebenwirkungen wie etwa Brechreiz, Krämpfe und Atemnot. Bei einer Einnahme von rund vier Gramm droht unweigerlich das Koma, es besteht Lebensgefahr. "GHB ist ein potenzieller Killer", warnt Rechtsmediziner Weinmann.

Doch das schreckt Triebtäter offenbar nicht ab. So wurde im Februar dieses Jahres der Erbe der Kosmetikfirma Max Factor, Andrew Luster, in den USA zu 124 Jahren Haft verurteilt, weil er mehrere Frauen mit Hilfe von GHB betäubt und vergewaltigt hatte.

Meist kommen die Täter jedoch straffrei davon. Denn nur die wenigsten Frauen gehen überhaupt zur Polizei. "Viele merken gar nicht genau, was mit ihnen passiert ist", sagt Laura Wall, Leiterin der Freiburger Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt "Frauenhorizonte ". Und diejenigen, die es realisieren, lassen sich meist nicht schnell genug auf GHB untersuchen. Wall geht deshalb davon aus, dass es deutlich mehr GHB-Opfer gibt, als offiziell bekannt wird.

Aber selbst wenn sich betroffene Frauen bei der Polizei melden, können die Ermittler nur wenig unternehmen. Schließlich können die Opfer nichts zum Tathergang berichten. "Es sieht nicht erfolgversprechend aus", sagt Karl-Heinz Schmid von der Polizeidirektion Freiburg auch über die Tätersuche im "Extravaganza"-Fall.

Für Sabine ist die Lücke in ihrem Gedächtnis deshalb nur schwer zu ertragen. "Einerseits ist es für meinen Seelenzustand wohl ganz gut, dass ich nicht die ganze Wahrheit weiß", sagt sie. "Andererseits kann ich den Täter nicht identifizieren."

Sie kann nicht einmal ausschließen, dass ihr Vergewaltiger einer der Bekannten ist, mit denen sie auf der Party war. "Natürlich habe ich das in Erwägung gezogen", erzählt sie. "Das Misstrauen bleibt auf jeden Fall."

Schutz vor GHB-Missbrauch bietet wohl nur die Prävention. In den USA werden bereits Teststreifen verkauft, die sich verfärben, wenn man sie in GHB-verseuchte Getränke hält; im Badischen wollen Party-Veranstalter mit Warnschildern auf die Gefahr durch GHB-Missbrauch hinweisen. Und im nahe gelegenen Elsass werden in vielen Discos Getränke nur noch mit Deckel angeboten.

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