Vermisste Boeing Verbrannt, entführt, abgeschossen - Theorien zu Flug MH370

Ein Feuer bricht aus, der Frachtraum füllt sich mit Rauch, die Kommunikationssysteme an Bord fallen aus: Nur eines von verschiedenen Szenarien, die das Verschwinden von Flug MH370 erklären sollen. Viele Theorien sind im Umlauf - ein Überblick.
Von Gesa Mayr und Benjamin Schulz
Schulkinder in Manila schauen auf eine Kreidezeichnung der Boeing: Seit zwölf Tagen keine Spur

Schulkinder in Manila schauen auf eine Kreidezeichnung der Boeing: Seit zwölf Tagen keine Spur

Foto: TED ALJIBE/ AFP

Hamburg - Täglich gibt es zu Flug MH370 neue Informationen, doch sie verwirren eher, anstatt Licht in den Fall zu bringen. Neue Szenarien zum Verschwinden des Flugzeugs machen die Runde, ausschließen lässt sich kaum etwas - dazu bräuchte man Daten, wie sie wohl nur die Untersuchung des Wracks liefern könnten. Das scheint nun möglich zu sein, australische Einsatzkräfte haben offenbar Wrackteile gesichtet.

Manche Erklärungen sind plausibler als andere, aber selbst bei den naheliegendsten gibt es Schwachstellen. Welche Szenarien sind im Umlauf? Der Überblick:

Technisches Versagen

In "Wired"  beschreibt ein langjähriger Pilot ein Szenario, das durch seine Einfachheit besticht. Chris Goodfellow ist davon überzeugt, dass das Flugzeug letztlich einer Panne zum Opfer fiel, genauer gesagt: einem Feuer. Der Schlüssel ist für Goodfellow die Linkskurve, die das Flugzeug machte, als es von der geplanten Route abwich - und die dadurch bestätigt wird, dass das malaysische Militär die Maschine über der Straße von Malakka ortete. Dort befindet sich die malaysische Insel Pulau Langkawi.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Goodfellow erklärt sich die Kursänderung damit, dass Pilot Zaharie Ahmad Shah angesichts der Probleme an Bord Flug MH370 schnellstmöglich habe landen wollen. Aber am geeignetsten sei aus seiner Sicht eben der Flughafen auf der Insel erschienen, weil der Weg dorthin kürzer und Landeanflug übers Meer einfacher sei als etwa eine Rückkehr zum Startflughafen Kuala Lumpur, schreibt Goodfellow.

Er unterscheidet zwei Arten von Feuer: Flammen als Folge einer Panne in der Elektronik und Flammen aufgrund eines beim Start überhitzten Reifens. Vor allem letztere Variante produziere "schrecklichen, lähmenden Rauch". Bei Feuer hilft demnach weder eine Maske mit Sauerstoff noch eine mit einem Rauchfilter lange.

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Flug MH370: Die Wut der Angehörigen

Foto: Azhar Rahim/ dpa

Deshalb kommt Goodfellow zum Schluss, die Besatzung sei vom Rauch überwältigt worden und das Flugzeug sei auf Autopilot noch weitergeflogen, bis das Feuer die Steuerung zerstört habe oder es mit leeren Tanks abgestürzt sei.

Bruce Rodger, Chef der Luftfahrt-Beratungsfirma Aero Consulting Experts, hält Goodfellows Szenario für plausibel. Allerdings hält er es für wahrscheinlicher, dass das Feuer im Frachtraum ausbrach. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein Flug noch so lange mit überhitztem Fahrwerk hätte weitergeführt werden können", sagte er der "Time" .

Unterstützung bekommt diese Variante von Billie Vincent, ehemaliger Sicherheitschef der US-Bundesluftfahrtbehörde FAA. Er sagte dem "Air Traffic Management", die Informationen deuteten auf ein Feuer im Frachtraum hin, das nach und nach die Kommunikationssysteme der Boeing zerstört habe. Giftiger Rauch habe die Crew so außer Gefecht gesetzt, dass nur noch der Kurs habe geändert werden können. "Das Flugzeug fliegt dann weiter, bis der Sprit alle ist und stürzt ab" - höchstwahrscheinlich über dem Ozean, weil Satelliten kein Notsignal empfangen hätten, wie es bei einem Absturz auf Land zu erwarten sei.

  • Dafür spricht: Oberstes Gebot bei einem Notfall ist, möglichst schnell zu landen. Bei einem durch Kurzschluss ausgelösten Feuer werden laut Goodfellow alle Leitungen getrennt und die Stromkreise dann einer nach dem anderen wieder geschlossen, bis der fehlerhafte gefunden sei. Der Zusammenbruch der Kommunikation durch den Ausfall von Radar-Transponder und Kommunikationssystem ACARS passe deshalb zum Feuer-Szenario. Prinzipiell gestützt wird Goodfellows Aussage auch von Jörg Handwerg, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit. Wenn der Radar-Transponder und ACARS "beide über den selben Verteiler Strom beziehen und es einen Kurzschluss gibt, könnten beide ausgefallen sein".
    Sieben Stunden und 31 Minuten nach dem Start in Kuala Lumpur setzte die Maschine einen letzten "Ping" ab - von wo, ist unklar. Der stundenlange Weiterflug und das letzte Signal des Flugzeugs korrespondieren für Goodfellow gut mit dem Zeitpunkt, an dem der Maschine der Sprit ausgegangen sein dürfte.
    "Alles klar, gute Nacht" funkte der junge Co-Pilot Fariq Abdul Hamid um 1.19 Uhr (Ortszeit). Goodfellow sieht im fehlenden Notruf einen Hinweis, dass die Piloten nichts Ungewöhnliches erkannten - weil sich die Lage unbemerkt von ihnen zugespitzt haben könnte.
    Goodfellow interpretiert Berichte über Schwankungen der Flughöhe als Versuch des Piloten, dem Feuer den Sauerstoffnachschub zu nehmen. Die Maschine soll auf bis zu 45.000 Fuß (rund 13.700 Meter) gestiegen sein. Ein schneller anschließender Sinkflug könnte ein Versuch gewesen sein, die Flammen zu löschen.

  • Allerdings: Boeing gibt die maximale Flughöhe  einer 777 mit 43.100 Fuß (rund 13.140 Meter) an. Außerdem vermuten Ermittler derzeit, dass Radar und ACARS manuell abgeschaltet wurden - was wiederum einen Brand als Ursache des Kommunikationsausfalls fraglich erscheinen lässt. Möglicherweise steht Goodfellows Theorie auch ein Bericht des TV-Senders NBC entgegen. Dieser meldete, die Kehrtwende der Maschine sei schon vor dem letzten Funkkontakt des Co-Piloten erfolgt - das wiederum dementieren die malaysischen Behörden.


Suizid

Einer der Piloten könnte das Flugzeug mit der Absicht entführt haben, Suizid begehen zu wollen. Er lässt das Flugzeug noch lange weiterfliegen, um es wie eine Entführung aussehen zu lassen - so dass Angehörige vielleicht eine Lebensversicherung kassieren könnten. Pilotensuizide sind sehr selten. Allerdings gab es in den Neunzigern mehrere Flugzeugunglücke, die Ermittler später auf einen möglichen Suizid eines Piloten zurückführten: Unter anderem der SilkAir-Flug 185, der 1997 in Sumatra abstürzte, sowie Flug 990 der EgyptAir, der 1999 in Nantucket vor New York crashte. Hohe Schulden waren das Motiv bei der Katastrophe 1997. Rache soll der Tathintergrund im Jahr 1999 gewesen sein.

  • Dafür spricht: Beide Kommunikationssysteme von Flug MH370 wurden mutmaßlich zu unterschiedlicher Zeit abgeschaltet, ein plötzlicher Kurzschluss erscheint dadurch unwahrscheinlich. Zudem meldete die "New York Times" , das Wendemanöver der Passagiermaschine sei deutlich vor der Abmeldung des Co-Piloten einprogrammiert worden - angeblich geschah dies im Cockpit. Ein weiterer Hinweis darauf, dass jemand mit Expertenwissen hinter dem Kurswechsel der Boeing stand. "Es scheint, als sei dies eine gut geplante und durchgeführte Operation gewesen zu sein", kommentierte Flugexperte Cenciotti die Details auf der Seite news.discovery.com .
  • Allerdings: Die Häuser beider Piloten wurden durchsucht, Hintergrund-Checks durchgeführt. Die Ermittler haben offenbar keine Hinweise gefunden, die darauf hindeuten, dass einer von beiden willentlich das Flugzeug entführt haben könnte. Der beschlagnahmte Flugsimulator des Piloten führte bislang zu keinen neuen Erkenntnissen. Offenbar wurden Dateien auf dem Gerät gelöscht, wie der malaysische Verteidigungsminister nun mitteilte. Experten arbeiteten an der Wiederherstellung der Dateien. Aber es ist auch nicht unüblich, dass Piloten zu Hause einen Simulator zum Üben haben.


Entführung

Eine weitere Theorie, die auch die Ermittler nicht ausschließen: Kriminelle, womöglich Terroristen kaperten den Flug. Entweder bedrohten sie die Piloten und zwangen sie, ihre Route zu ändern, oder programmierten sie selbst neu.

  • Dafür spricht: Erneut die Expertise, mit der die Boeing gesteuert wurde.
  • Allerdings: Bislang hat sich keine terroristische Gruppe zu der Tat bekannt, es gibt keine Lösegeldforderungen. Bei Überprüfungen der Passagiere in deren Heimatländern hat es keine Hinweise auf terroristische Hintergründe gegeben.
  • Variante A: Möglich wäre, dass die Crew oder Passagiere nach mehreren Stunden die Entführer überwältigten. Im Verlauf stürzte das Flugzeug ab.
  • Variante B: Die Terroristen landen das Flugzeug auf einem entlegenen Flugplatz - zum Beispiel auf iranischem oder nordkoreanischem Boden, da diese Länder nicht mit dem Westen kooperieren. Dies gilt allerdings als sehr unwahrscheinlich. Prinzipiell wären für eine Landungmehr als 600 Flughäfen in Frage gekommen .
  • Variante C: Der umgeleitete Flug MH370 wird über einem der Anrainerstaaten entdeckt - und abgeschossen. Der Staat verschweigt den Abschuss jedoch. Die Kommunikation zwischen den Ländern ist aufgrund territorialer Spannungen nicht wirklich gut. Dass das thailändische Militär länger als eine Woche wartete, um Satellitenbilder zu veröffentlichen, die Flug MH370 beim Umkehren zeigen, spricht für sich.

All dies bleibt Spekulation. Auch über die Route der Boeing konnte lange nur gemutmaßt werden - bis zur Sichtung der Wrackteile. Diese scheinen die Theorie zu bestätigen, dass die Maschine eine südwestliche Route verfolgte. Der nordwestliche Flugkorridor, der Flug MH370 über Zentralasien geführt haben soll, ist dagegen nun offenbar ausgeschlossen. Das deckt sich mit Angaben mehrerer Länder, darunter Kasachstan, Laos und zuletzt China. Sie hatten mitgeteilt, dass sie ein unbemerktes Durchqueren ihres Luftraums für ausgeschlossen halten. David Cenciotti , ehemaliger Pilot der italienischen Luftwaffe, stellte eine Theorie auf, nach der die Boeing im Schatten einer anderen Maschine flog - und so dem Radar entkommen konnte. Mehrere Experten haben diese Möglichkeit jedoch als unrealistisch abgewiesen.

Nun scheint auch die Spur zuden Malediven sich endgültig als falsch erwiesen zu haben. Die Polizei konnte Augenzeugenberichte, denen zufolge eine tieffliegende Maschine über dem Kuda-Huvadhoo-Atoll gesichtet wurde, laut malaysischem Verteidigungsministerium nicht bestätigen.

Mit Material von AP und Reuters
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