Vermisste Passagiere "Wir wollen sie finden - tot oder lebendig"

Sie reisen nach Italien in der Hoffnung, Gewissheit über den Verbleib ihrer Töchter, Söhne oder Eltern zu erlangen: Angehörige von Vermissten kommen nach Giglio, wollen die havarierte "Costa Concordia" sehen, in deren Bauch sie ihre Verwandten vermuten. 

Von Giglio berichtet


Ein freundlicher Mann mit Bart und schulterlangen Locken lächelt von den Hauswänden im Hafen von Giglio. "Wir sind die Familie von Giuseppe Girolamo, den ihr auf dem Foto seht", steht auf einem Zettel daneben, "wer immer ihn gesehen hat, rufe bitte eine der folgenden Telefonnummern an". Es folgen acht Zahlenkombinationen: drei private Rufnummern, die Kurzwahlen der Küstenwache, der Feuerwehr und der drei unterschiedlichen Polizeibehörden Italiens.

Rosa Girolamo hat die Zettel auf der Insel verteilt. Sie ist die Mutter des vermissten 30-jährigen Giuseppe, der, wenn man einem Hinweis auf Facebook Glauben schenkt, etwas Heldenhaftes getan hat, als die "Costa Concordia" in der Nacht zu Samstag Schiffbruch erlitt.

"Seine Freunde sagen, er habe einem Kind seinen Platz in einem der Rettungsboote überlassen", schreibt eine Frau, die angibt, eine alte Schulfreundin zu sein, in ihrem Blog. "Dann hat ihn niemand mehr gesehen."

Giuseppe Girolamo aus Albero Bello war Schlagzeuger in einer Band, die an Bord des havarierten Kreuzfahrtschiffs spielte. "Ich weiß, dass ich mit diesem Blogeintrag in keiner Weise helfen kann", schreibt seine Bekannte, "aber auf diese Weise fühle ich mich nicht so nutzlos in diesem Moment, der so schwierig ist für seine Familie, seine Freunde und für alle, die ihn lieben."

"Man hat sie aus den Augen verloren"

Mit diesem Satz bringt die Bloggerin auf den Punkt, was so manch einen Angehörigen dazu bringt, in diesen Tagen nach Giglio zu kommen: Drei Peruaner, ein Ungar, zwei US-Amerikaner und ein Inder sind am Mittwoch angereist, um sich den Ort anzusehen, an dem ihre Töchter, Brüder oder Schwestern Schiffbruch erlitten. Die Namen ihrer Angehörigen stehen auf der Vermisstenliste, die eine Zeitung veröffentlichte.

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Vermisste Passagiere: Die Verzweiflung der Angehörigen
Erika Soria ist eine von ihnen, sie arbeitete als Kellnerin im Restaurant der "Costa Concordia". "Wir sind gekommen, um sie zu finden - tot oder lebendig", sagte ihre Schwester Madeleine der italienischen Zeitung "Il Fatto Quotidiano". "Wir wissen, dass sie zusammen mit anderen Kollegen ins Wasser gesprungen ist." Erika habe versucht zu schwimmen, das sei ihr aber nicht gelungen. "Dann hat man sie aus den Augen verloren."

Mit der Fähre ist die dunkelhaarige Frau aus Peru an diesem Mittwoch nach Giglio gekommen. Man kann nur erahnen, wie schmerzhaft es für sie war, den Rumpf des Kreuzfahrtschiffs im Wasser näher kommen zu sehen.

Kaum noch Hoffnung, Lebende zu finden

Was bringt es den Angehörigen, sich diesen Ort anzusehen? Polizisten geleiten die Peruaner in einen abgesperrten Bereich im Hafen. Was hinter den Kulissen passiert, kriegt niemand mit. "Wir fordern von den italienischen Behörden und von Costa Crociere, alle nötigen Maßnahmen zu unternehmen, Erika zu finden", sagte ihr Vater Sartonino Soria in einem Fernseh-Interview. Er und seine Familie hatten einen weiten Weg aus Peru. Aber ob das allein auf die Behörden Druck ausübt, ist fraglich.

Auch der Inder Kevin Rebello kam am Mittwoch nach Giglio, um sich das Schiffswrack anzusehen. Sein Bruder Russel arbeitete seit Mitte Oktober als Kellner an Bord der "Costa Concordia". "Der Anblick des Schiffs ist nicht leicht zu ertragen", sagt Kevin Rebello SPIEGEL ONLINE, im Hintergrund ragt das vertikal stehende Schiffsdeck mit der Wasserrutsche und den Sonnenliegen in die Luft. "Aber hier vor Ort zu sein gibt mir neue Hoffnung, dass Russel noch lebt." Vielleicht sei er bei jemandem untergekommen

Und für den wahrscheinlicheren Fall, dass sein Bruder noch an Bord ist? Nun, er habe mit den Tauchern gesprochen, es seien "die besten der Welt". "Sie werden ihn finden."

Seit fünf Tagen bangt Rebello, der in Mailand wohnt, um einen Angehörigen. Und mit ihm viele andere. "Es ist ja nicht nur mein Bruder, der vermisst wird", sagt er, "sondern 21 weitere Menschen", darunter nach Angaben des Auswärtigen Amtes zwölf Deutsche.

Auch ihre Angehörigen sollen bereits nach Italien gereist sein. Nach Giglio sind sie noch nicht gekommen - vielleicht ist es eine gute Entscheidung. Wie nah kann man den Geliebten hier kommen? Muss man das Schiffswrack mit eigenen Augen sehen, um das volle Ausmaß der Katastrophe zu verstehen?

Inzwischen gibt es kaum noch Hoffnung, Lebende zu finden. Am Abend wurde bestätigt, dass es sich bei einer der am Dienstag gefunden Leichen um den vermissten Ungarn Feher Sandor handelt, der an Bord der "Costa Concordia" Geige spielte. Auch sein Bruder war am Mittwoch nach Giglio gekommen.

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