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09. September 2010, 21:18 Uhr

Vermisster Junge

Polizei stellt Großsuche nach Mirco S. ein

Von Simone Utler

Tagelang suchte die Polizei in Nordrhein-Westfalen nach dem verschwundenen Mirco aus Grefrath. Nun ist die großflächige Aktion mit tausend Beamten eingestellt worden. Ab Freitag sind weniger Polizisten im Einsatz - sie geben die Hoffnung nicht auf, den Jungen doch noch zu finden.

Hamburg - Auch am Donnerstag waren wieder rund tausend Beamte am Niederrhein im Einsatz, durchkämmten die Gegend rund um die Landstraße 39 westlich von Grefrath, durchsuchten mit Spezialgeräten Böschungen, sammelten mögliche Beweisstücke. Doch sie fanden wieder keine heiße Spur, die zu Mirco S. führt, dem zehnjährigen Jungen, der seit einer Woche verschwunden ist.

Wegen des anhaltenden Regens kamen die Suchtrupps nur langsam voran. "Vieles steht unter Wasser, es ist modderig und sumpfig", sagte eine Polizeisprecherin. Konkrete Hinweise, dass Mirco hier gefunden werden könnte, gebe es nicht.

Und so entschied die Polizei am Abend, die Suche in diesem großen Rahmen zu beenden. "Geplant ist, dass wir nicht mehr mit der Masse der Kollegen suchen, sondern am Freitag mit deutlich weniger Beamten anfangen werden", sagte Polizeisprecher Peter Spiertz SPIEGEL ONLINE am Abend. Die Einsatzkräfte sollten dann an gezielten Stellen suchen, an denen Mirco sich möglicherweise noch aufhalten könnte, zum Beispiel in leerstehenden Gehöften, Waldgebieten oder Feldern, die bisher noch nicht durchsucht worden waren.

Allerdings betonte Spiertz, dass auch in den nächsten Tagen Hundertschaften in Bereitschaft stünden, falls es eine neue Spur gebe, und dass am Abend noch eine Lagebesprechung stattfinde, auf der auch eine andere Entscheidung zum Einsatz getroffen werden könnte: "Das ist eine fließende Lage." Es gebe aber am Wochenende sicherheitsrelevante Großereignisse, für die Einsatzkräfte benötigt würden.

Mirco war am vergangenen Freitagabend auf dem Heimweg mit seinem Fahrrad verschwunden. Zuletzt war der Zehnjährige im knapp fünf Kilometer entfernten Oedt gesehen worden, als er nach 21 Uhr die Johannes-Fruhen-Straße entlangradelte. Die Polizei geht davon aus, dass er Opfer eines Verbrechens wurde.

"Wissen nicht, ob etwas tatrelevant ist"

Bei der Suche tappen die Ermittler weiter im Dunkeln. Auch eine erneute Ausweitung des Einsatzgebietes brachte am Donnerstag zunächst keine heiße Spur. Bisher durchkämmte die Polizei rund 30 Quadratkilometer. Dabei fanden die Beamten viele Gegenstände, die möglicherweise mit dem Verschwinden des Jungen im Zusammenhang stehen könnten - aber nicht müssen. "Wir haben zahlreiche Messer gefunden, Werkzeuge, Kleidungsstücke, von Kindern, von Erwachsenen - wissen aber noch nicht, ob irgendetwas davon tatrelevant ist", so Spiertz.

Die Gegenstände müssten nun auf Spuren untersucht werden. "Das kostet allerdings Zeit", sagte der Polizeisprecher. Die Kleidungsstücke seien größtenteils durchnässt und müssten nun erst getrocknet werden. Und dann würden auch die eigentlichen Untersuchungen noch Zeit in Anspruch nehmen. "Aber der Fall hat zurzeit beim Landeskriminalamt oberste Priorität", so Spiertz.

Außerdem arbeitet die Polizei Hinweise aus der Bevölkerung ab: Ingesamt gingen rund 300 Tipps bei den Ermittlern ein. Jedoch fehlte weiterhin der entscheidende Hinweis auf den Typ des dunklen Wagens, der am Freitagabend am Ortsausgang von Grefrath am Feldrand von Zeugen gesehen worden war. An dieser Stelle wurde später Mircos Fahrrad gefunden.

Erste Hinweise aus den Niederlanden

Inzwischen gingen auch erste Hinweise aus den nahegelegenen Niederlanden ein. Seit Mittwoch hält die Polizei nach eigenen Angaben intensiven Kontakt zu dortigen Medien, verteilte Flugblätter und Plakate.

Auch mit Hilfe des Internets wird inzwischen intensiv nach dem Kind gesucht. Die Initiative "Vermisste Kinder" aus Hamburg ruft auf der eigenen Seite und im sozialen Netzwerk Facebook unter dem Titel "Deutschland findet Euch" zur Mithilfe auf. Mehr als 3000 Nutzer haben sich das Profil des Jungen bereits angesehen. Auch ein Such- Portal aus den Niederlanden hat auf seiner Internetseite ein Foto von Mirco veröffentlicht.

Die Polizei hat noch nicht aufgegeben. "Solange wir keine gesicherte Erkenntnis haben, dass der Junge tot ist, gehen wir davon aus, dass er noch lebt. Und das bedeutet, dass wir alle Abläufe beschleunigen müssen", so Spiertz.

Es werde auch im näheren Umfeld der Familie ermittelt, aber auch hier gebe es noch keine Spur. "Hier sehen wir überhaupt keinen Anhaltspunkt für einen Vorwurf", sagte Spiertz. Die Eltern des Hauptschülers und seine drei Geschwister werden von der Christengemeinde Krefeld, der sie angehören, betreut. Am Abend fand in der Grefrather St. Laurentius-Kirche ein ökumenischer Gebetsgottesdienst statt.

mit Material von dpa und apn

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