Verschollene Boeing Vom Himmel verschluckt

Ein Kondensstreifen war die letzte Spur. Zwei Männer kapern in Angola eine Boeing 727 und verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Jetzt fürchten Terrorfahnder, dass die zum Treibstofftransporter umgebaute Maschine zur fliegenden Superbombe umfunktioniert wird.

Von Lars Langenau


Ein Flugzeug diesen Typs ist verschollen. Nach der Boeing 727 fahndet mittlerweile auch Interpol
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Ein Flugzeug diesen Typs ist verschollen. Nach der Boeing 727 fahndet mittlerweile auch Interpol

Die Aktion war ziemlich dreist: Am 25. Mai betreten zwei Männer den Flughafen der angolanischen Hauptstadt Luanda. Auf dem Abstellplatz entern sie das Cockpit einer Boeing. Dort schalten sie erst einmal den Transponder zur Radarerkennung ab. Dann starten sie die Maschine, rumpeln über die Startbahn und fliegen los. Nachfragen und selbst Warnungen vom Tower werden ignoriert.

Ein Kondensstreifen über dem Himmel Afrikas war die letzte Spur der mehr als 40 Meter langen, 30 Meter breiten und rund 100 Tonnen schweren Maschine. Das in die Jahre gekommene Flugzeug wird auf einen Marktwert von rund 200.000 Dollar geschätzt. Aber eine Boeing ist schließlich keine 3er-Klasse von BMW und kann nicht einfach mit einem gefälschten Nummernschild über die grüne Grenze verschoben werden. Doch diese Maschine scheint wie vom Himmel verschluckt. Und warum dieses Flugzeug gestohlen wurde - darüber schießen die Spekulationen mittlerweile ins Kraut.

Ängste vor einem Terroranschlag

Vor allem in den USA löste ihr Verschwinden Ängste aus. Schließlich waren Zivilflugzeuge die Waffe, mit denen die Anschläge am 11. September ausgeführt wurden. Mit den bekannten traumatischen Auswirkungen auch auf die amerikanische Außenpolitik.

Und dann entdeckten amerikanische Terrorbekämpfer vor einiger Zeit angeblich einen Plan des Terrornetzwerks al-Qaida, nachdem ein mit Sprengstoff beladenes Kleinflugzeug auf das US-Konsulat im pakistanischen Karatschi gelenkt werden sollte. Wenn die Terroristen den Plan nun etwas modifiziert und nun einfach ein größeres Flugzeug und ein anderes Ziel verwenden würden?

US-Ermittler und Behörden afrikanischer Staaten glauben, dass das Flugzeug mit der Registriernummer N844AA wohl eher geklaut wurde, damit es künftig dem Schmuggel von Drogen oder Waffen dienen kann. Vielleicht wurde es aber auch entführt, um einen Streit zwischen Gläubigern und vermeintlichen Eigentümern zu regeln. Möglicherweise geht es ganz banal um Versicherungsbetrug.

Und selbst in einem deutschen Internet-Auktionshaus will ein Pilot die Maschine für einen Verkaufspreis von 4,5 Millionen Euro entdeckt haben.

Weitere Spekulationen lauten, die Maschine sei in Somalia zwischengeparkt, um sie für ein Attentat in Kenia einzusetzen. Das hört sich alles ziemlich wirr und unwahrscheinlich an, da es dort wohl schon längst aufgespürt worden wäre.

Trotzdem schließen die US-Behörden die Möglichkeit einer terroristischen Attacke mit dem dreistrahligen Jet bis heute nicht aus. Schließlich wurde die Passagiermaschine schon vor einiger Zeit in eine Art Treibstofftransporter umgebaut. Und laut einem Bericht der "Washington Post" wurde sie noch kurz vor dem Start mit fast 53.000 Liter Treibstoff beladen. Mit dieser Fracht könnte sie tatsächlich als riesige fliegende Bombe dienen.

Kürzlich teilten US-Beamte mit, dass selbst die unzähligen Möglichkeiten von Geheimdiensten zu keinen Hinweisen auf den Verbleib des Jets geführt hätten. Nach Angaben von Experten ist es selbst im Zeitalter von Satelliten und anderen hochtechnologischen Suchmethoden fast unmöglich, selbst eine Maschine mit einer Spannbreite von 30 Metern zu entdecken, wenn zuvor zwei einfache Regeln befolgt wurden: Man streiche die Maschine neu und verändere die Registriernummer. Immerhin düsen von dieser frühen Boeing-Baureihe noch mehr als 1100 Stück in allen Gegenden der Welt umher.

Sicheres Versteck im Hangar?

Es könnte aber auch sein, dass das Flugzeug in Nigeria landete, dort für ein paar tausend Dollar den Besitzer wechselte und die Maschine nun in einem Hangar versteckt wird, meint Chris Yates, Sicherheitsexperte des Londoner Fachmagazins "Janes's Aviation". Das würde so schnell gehen, dass Satelliten das gar nicht mitbekommen würden.

Außerdem, sagt Richard Cornwell vom Institute for Security Studies im südafrikanischen Pretoria, existiere eine Radarüberwachung des afrikanischen Luftraums eigentlich nicht. Für Piloten sei der Luftraum zwischen Süd- und Nordafrika ein ziemliches Durcheinander. Flüge seien dort mit einem Spießrutenlauf zu vergleichen.

Angeblich gab es den letzten Kontakt zu der Maschine mit dem Flughafen der Seychellen im Indischen Ozean. Gelandet ist die Maschine dort aber nie, deshalb wird auch ein Absturz für möglich gehalten.

Die Boeing gehörte einem Leasing-Unternehmen in Miami, gegen dessen Besitzer in den achtziger Jahren wegen der Einfuhr von fast 2300 Kilo Haschisch ermittelt wurde, berichtet die "Washington Post". Zuvor soll sich die Boeing in Besitz von American Airlines befunden haben.

Helder Preza, Direktor der zivilen angolanischen Luftfahrtbehörde, sagt, die Maschine sei von der nicht-staatlichen Fluggesellschaft Air Angola geleast worden. Allerdings sei sie 14 Monate am Boden geblieben, weil die notwendigen amtlichen Papiere fehlten, nach denen das Passagierflugzeug in einen Tankfrachter umgewandelt werden durfte.

Seinen Angaben zufolge habe ein Amerikaner namens Ben Padilla sich einen Monat vor dem Verschwinden der Maschine an die Behörden seines Landes gewendet und sich als Vertreter der Leasingfirma aus Miami ausgegeben. Dieser Padilla habe im Namen der Firma Ansprüche an dem Flugzeug angemeldet, sagt Preza. Damit habe er kein Problem gehabt, fügt er hinzu.

Allerdings müsse Padilla 50.000 Dollar bezahlen, auf die sich die Stellgebühren summiert hätten. Nun heißt es, dass es sich bei dem 51-jährigen Padilla möglicherweise aber um einen ehemaligen Geschäftspartner der Firma handeln soll, der sich mit dem Unternehmen zerstritten hatte.

Darüber sei man sich anfangs aber natürlich noch nicht klar gewesen und habe sogar noch einige Instandsetzungswünsche von ihm umgesetzt.

Kurz darauf sei die Maschine auf Nimmerwiedersehen gestartet - und auch Padilla und sein südafrikanischer Begleiter namens John Mikel Mutantu verschwanden auf Nimmerwiedersehen.



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