Verschwundene Motorrad-Touristen Rätsel in der Wüste

Im Süden Algeriens sind seit über vier Wochen elf Touristen verschollen. Von sechs Deutschen, vier Schweizern und einem Niederländer fehlt jede Spur. Die Behörden, inzwischen sind auch Interpol und Bundeskriminalamt eingeschaltet, sind ratlos.

"Gräberpiste" heißt die Strecke in der südalgerischen Sahara, zwischen den Wüstenstädtchen Illizi und Bordj Omar Driss: Eine Erinnerung an die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den einstigen französischen Kolonialherren und aufsässigen Tuareg-Rebellen. Hunderte von Gefallenen wurden hier begraben und vermachten dem Gebiet den düsteren Namen. Für Wüsten-Touristen ist es freilich eine der interessantesten und schönsten Passagen durch die grandiose Sand- und Steinlandschaft Nordafrikas.

Der Ruhm der "Gräberpiste" hatte auch die drei kleinen Reisegruppen angelockt, die sich am 21. Februar in der Nähe der Oueds (trockene Flussbetten) Samene und Ehane befanden. In einem Bus saßen zwei junge Frauen und zwei Männer aus der Schweiz, nicht weit davon quälte sich eine Dreiergruppe junger Deutscher auf Motorrädern durch das schwierige Gelände, und, kaum zehn Kilometer entfernt, fuhr noch eine Motorrad-Crew, drei Deutsche und ein Holländer. Die drei Reisegesellschaften kannten sich untereinander nicht – doch an diesem Tag wurde ihr Schicksal auf mysteriöse Weise verbunden: An jenem Nachmittag verschwanden sie, bis heute spurlos.

Möglicherweise wurden sie Opfer einer Naturkatastrophe. Das Oued Ehane ist stellenweise 400 Meter tief und nur 100 Meter breit. Wer darin von einer Flutwelle überrascht wird, die es nach Regenfällen auf einem nahegelegenen Bergplateau durchaus geben kann, hat wenig Chancen. Nur, dann wären Menschen, Motorräder und Bus wohl längst gefunden worden, denn diese Sturzfluten versickern nach wenigen Kilometern im Sand.

Auch könnte eine Felswand eingebrochen sein, die die Wüstenreisenden unter sich begrub, als die auf der Suche nach jahrtausendealten Steinmalereien im Steilhang herunterkraxelten. Auch das hätte freilich die algerische Gendarmerie oder das Militär längst entdecken müssen, die mit Geländewagen, Hubschraubern und Flugzeugen tagtäglich die Region absuchen.

Deshalb gehen die Experten inzwischen von zwei anderen Hypothesen aus: Entweder seien die elf – von Räuberbanden oder Islamistengruppen – entführt worden oder sie kamen ums Leben, weil sie zufällig "zur falschen Zeit am falschen Ort" waren.

Raubüberfälle in der Wüste kommen inzwischen verhältnismäßig häufig vor, vor allem in Mali und in Niger, aber auch im Süden Algeriens. Den Tätern geht es dabei allerdings um die Autos und deren Equipment, um Navigationsgeräte, Kameras und Geld. Das nehmen sie den Opfern weg, zu Gewaltanwendung kommt es nur äußerst selten. Oft werden die Beraubten sogar recht nahe an eine Siedlung gebracht, die sie – aller Werte bar, aber lebend – zu Fuß problemlos erreichen können. Noch seltener werden Motorradfahrer überfallen, weil die – das weiß jeder Räuber – meist nicht viel bei sich haben. Dass sieben Biker und vier Busfahrer in verschiedenen Gruppen in unterschiedlicher Richtung unterwegs, am selben Tag Opfer einer oder mehrerer Räuberbanden wurden, gilt Kennern der Szene als unwahrscheinlich. Es sei denn, die elf wurden vorsätzlich, eine Gruppe nach der anderen, eingesammelt – und entführt.

In der Nacht vom 21. auf den 22. Februar registrierten Reisende heftigen Verkehr in diesem Gebiet. Früh am Morgen wurden Fahrzeuge mit bewaffneten Männern gesehen, von denen Augenzeugen – die selbst unentdeckt blieben – sagen, sie hätten "wie Mullahs" ausgesehen. Haben Islamisten die Touristen entführt?

Auch eine andere Hypothese wird von Reiseberichten genährt. Im Oued Samene stellten verschiedene Wüstenfahrer in den letzten beiden Jahren seltsame Aktivitäten fest: Lastwagen und Jeeps mit Zivilisten und Uniformierten, auch Ambulanzen, fuhren in das, zuvor menschenleere, Trocken-Flussbett. Bei ihren Versuchen, gleichermaßen das Oued zu befahren, seien sie aggressiv abgedrängt worden, behaupten die Sahara-Fans. Alle kehrten um und mieden das unheimliche Tal. Befuhren die elf das Oued und sahen etwas, das sie nie hätten sehen dürfen?

Wirklich schlüssig ist keine dieser Theorien. Lösegeldforderungen oder Bekennerschreiben gebe es nicht, sagen die algerischen Behörden, die sich allerdings selbst – für manchen Experten – seltsam gebärden: Sie suchen mit Flugzeugen das halbe Land ab, aber in den engen Oueds haben sie bislang noch nicht nachgesehen, sagen sie.

Für den Süden Algeriens verdüstert sich damit die gerade keimende Hoffnung, dass wieder mehr Touristen ins Land kommen und – wie bis zum Ausbruch des blutigen Gemetzels zwischen Islamisten und Militärs – den Oasenstädten einen bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung bringen. Gerade schien der Wintertourismus dort neu anzulaufen, nun warnt das Auswärtige Amt vor Fahrten in jene Region – zumindest bis zur Klärung des Schicksals der elf verschollenen Reisenden.

Die Oasenbewohner hoffen, wie die Freunde und Verwandten der Verschollenen, weiter auf eine glückliche Auflösung des Wüstenrätsels: Dass sich alle verirrt haben, zum Beispiel, unbemerkt die Grenze zum nahen Nachbarland Libyen überquerten und dort irgendwo, in einer Polizeibaracke eingesperrt, hocken. Oder sie hoffen, hat doch Libyen diese Theorien heftig dementiert, auf ein anderes Wunder.

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