Verseuchte Infusionen Dritter toter Säugling in Mainz wird obduziert

Ein drittes Baby, das eine mit Darmbakterien verseuchte Infusion erhalten hat, ist in der Uniklinik Mainz gestorben. Die Leiche des Säuglings soll nun obduziert werden, der Zustand der anderen infizierten Kinder ist stabil. Die Ursache der Kontaminierung ist noch immer unklar.

DPA

Hamburg - "Ich trete mit dem Gefühl großer Betroffenheit und Trauer vor Sie", sagte der ärztliche Direktor des Mainzer Uniklinikums, Norbert Pfeiffer, die Stimme gedämpft. Binnen vier Tagen musste der Mediziner den dritten Tod eines Säuglings in dem Krankenhaus bekanntgeben. Um 19.58 Uhr am Montagabend war das nur wenige Tage alte Kind auf der Intensivstation gestorben. Das Frühchen hatte eine mit Bakterien verseuchte Infusion erhalten.

Bereits am Samstag waren zwei Babys in der Klinik gestorben. Sie waren zwei und acht Monate alt. Noch ist allerdings unklar, ob die verunreinigte Infusion zum Tod der drei Kinder führte. "Auch zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir nicht, wie die Todesursache genau lautet", sagte Pfeiffer. Auch eine weitere entscheidende Frage ist offen: Wie konnten die Keime in die Nährlösung gelangen? "Wir stehen im Moment noch vor einem Rätsel, wie, wann und an welcher Stelle die Verkeimung vonstatten gehen konnte." Nach dem "Leck" im Herstellungsprozess werde fieberhaft gefahndet.

Das am Montagabend gestorbene dritte Frühgeborene habe ein sehr niedriges Geburtsgewicht gehabt, sagte Pfeiffer. Es sei in der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen. Durch seine körperliche Unreife sei das Kind extrem gefährdet gewesen und habe intensivmedizinisch betreut werden müssen.

Pfeiffer betonte, dass man dem Recht der Familie und des Kindes auf einen würdigen Abschied in Ruhe Vorrang vor der Informierung der Öffentlichkeit gegeben habe, weswegen der Tod des Säuglings erst am Dienstag mitgeteilt worden sei. Die Kriminalpolizei sei aber bereits am Montagabend informiert worden.

"Frühgeburtlichkeit ist keine Krankheit"

Die Leiche des Säuglings solle in der Rechtsmedizin in Frankfurt obduziert werden, um Aufschluss über die Todesursache zu erhalten. Die Leichenschau soll im Laufe des Tages stattfinden.

Der zunächst kritische Zustand von vier weiteren Frühgeborenen habe sich in der Nacht zum Dienstag gebessert, sagte Pfeiffer weiter. Mit weiteren Todesfällen werde nun nicht mehr gerechnet.

Laut Pfeiffer wurden in der verunreinigten Infusion bislang zwei verschiedene Fäkalkeime identifiziert. Normalerweise stellen sie keine Gefahr für den Menschen dar - für die ohnehin stark geschwächten Frühchen waren sie aber tödlich. Der Direktor der Kinder- und Jugendmedizin der Mainzer Klinik, Fred Zepp, wies darauf hin, dass bei Frühgeborenen das Immunsystem noch nicht voll ausgebildet ist, minimale Keimmengen könnten zu tödlichen Infektionen führen. "Frühgeburtlichkeit ist keine Krankheit, es ist ein Risiko", sagte Zepp.

Die Uniklinik hat für die betroffenen Mitarbeiter eine psychologische Betreuung eingerichtet, die auch für die Eltern der erkrankten und verstorbenen Kinder zur Verfügung steht. "Es ist furchtbar, wenn Patienten sterben, das ist nur ganz schwer zu ertragen und auszuhalten", so Pfeiffer.

Die Klinikleitung wies darauf hin, dass die Vorfälle nicht im Zusammenhang mit der Debatte über Klinikhygiene stünden. "Wir haben es hier nicht mit diesem Sujet zu tun", betonte Pfeiffer.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt. "Wenn wir den Keim isoliert haben, dann haben wir auch eine Chance, den tatsächlichen Verursacher zu erwischen", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Klaus-Peter Mieth.

Die Ermittler stellten in der Klinikapotheke die von externen Herstellern gelieferten Grundstoffe für die Nährlösung in Originalverpackungen sicher, sagte Mieth. Außerdem werden auch die Lösung selbst sowie das Schlauchsystem an der Mischautomatik genau untersucht. Möglicherweise gerieten die Bakterien an die Schläuche, als diese per Hand an die Maschine angeschlossen wurden. Die Klinik habe den speziellen Reinraum geschlossen, in dem die mit Darmbakterien verschmutzten Lösungen für Säuglinge hergestellt wurden, sagte Mieth.

Die Klinik hält es selbst für möglich, dass es in der hauseigenen Apotheke zur Verschmutzung gekommen ist.

Die Regierungskoalition hat schon vor der neuerlichen Todesnachricht aus Mainz auf den Skandal reagiert - und bundesweite Hygienevorschriften gefordert. Es gebe im Bereich der Krankenhaushygiene ein großes Problem, auf das der Gesetzgeber dringend reagieren müsse, sagte FDP-Fraktionsvize Ulrike Flach der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Bis zu 600.000 Menschen würden sich in deutschen Kliniken jährlich mit Krankheitserregern infizieren, bis zu 40.000 Patienten würden jedes Jahr an diesen Infektionen sterben. Diese Zahlen seien erschreckend. Die FDP-Fraktion werde daher im September die Initiative für eine bundesweite Regelung ergreifen. Die eigentlich für diesen Bereich zuständigen Länder hätten bislang bis auf wenige Ausnahmen keine Hygieneverordnungen für Krankenhäuser erlassen, kritisierte Flach.

Auch der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn, kritisierte, sowohl die zuständigen Länder als auch die Kliniken hätten ihre Hausaufgaben nicht ausreichend gemacht. Die Union wolle daher gemeinsam mit der FDP eine bundeseinheitliche Lösung für Kliniken auf den Weg bringen. Er sei zuversichtlich, dass sich dies trotz der Länderkompetenz für diesen Bereich durch eine Erweiterung des Infektionsschutzgesetzes des Bundes verfassungskonform umsetzen lasse, sagte der CDU-Politiker.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler will ebenfalls aktiv werden. "Die Vorfälle in Mainz werden vom Bundesgesundheitsministerium sehr ernst genommen", so dessen Sprecher am Dienstagvormittag zu SPIEGEL ONLINE. Der Minister sei tief betroffen, dass ausgerechnet Präparate, die eigentlich dazu da seien, Menschen zu helfen, Leiden zu lindern und sie gesund zu machen, wahrscheinlich zu den tragischen Fällen geführt hätten. "Als Familienvater gilt sein volles Mitgefühl den betroffenen Angehörigen", so Röslers Sprecher.

Da die Maßnahmen und Kontrollen der Krankenhaushygiene Sache der Bundesländer seien, möchte das Bundesgesundheitsministerium die Initiative ergreifen und bei der nächsten Gesundheitsministerkonferenz gemeinsam mit den Länderministerien zusätzliche Regelungen für eine bessere Hygiene erörtern, so sein Sprecher.

han/sev/dpa/APD/Reuters

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