"Versteckte Kamera" im Irak Bombiger Humor

Ein TV-Sender in Bagdad macht Quote mit einer Extremvariante von "Versteckter Kamera": Als Soldaten verkleidete Schauspieler stoppen Promis an Checkpoints, finden angebliche Bomben in ihren Autos und schikanieren sie als Terrorverdächtige. Witzig? Die Reaktionen sind gespalten.

albaghdadia.com

Von , Jerusalem


Autofahrten durch Bagdad sind eine nervenaufreibende Angelegenheit: Alle paar hundert Meter ein Checkpoint, an dem Schwerbewaffnete misstrauisch in die Wagen spähen. Immer die Angst, dass ein Selbstmordattentäter den Stau vor den Straßensperren nutzt, um möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen.

Für irakische Staatsangehörige kommt noch eine Sorge hinzu: Zigtausende sind in den vergangenen sieben Kriegsjahren an Checkpoints verhaftet worden. Die meisten der Festgenommenen landen kurzerhand für Wochen oder Monate in Iraks berüchtigten Gefängnissen - dass viele völlig unschuldig sind, tut dabei nichts zur Sache.

Furcht vor der Willkür der Sicherheitskräfte, kaum Möglichkeiten, sich gegen falsche Anschuldigungen zu verteidigen: Eine irakische Reality-TV-Show spielt nun mit brutaler Lust auf der Klaviatur der irakischen Ängste.

Mit Hilfe einer versteckten Kamera, Dutzenden Schauspielern in Uniformen und einer falschen Bombe stellt der Sender Al-Baghdadia irakischen Prominenten dabei eine perfide Falle: Im Glauben, zu einem Live-Interview eingeladen zu sein, machen sich Bagdads Stars und Sternchen auf den Weg zu den Studios des Privatsenders. Neben vielen echten Checkpoints passieren sie dabei auch einen falschen: Dort filzen als Soldaten verkleidete Mimen das Auto des Prominenten und finden prompt eine von Helfern platzierte Bombenattrappe.

Von da an folgt hauptsächlich Geschrei. Auf Seiten der vermeintlichen Soldaten wird es immer aggressiver, auf Seiten der Opfer der Kamerafalle immer verzweifelter. "Warum willst Du uns in die Luft sprengen?", ruft einer der falschen Soldaten in einer Folge, "du bist ein Terrorist!" Die zaghaften Einwände der Berühmtheiten - deren Fahrer dann meist schon in Handschellen auf dem Boden knien - werden niedergebrüllt. "Du arbeitest sicher für al-Qaida! Du wirst hingerichtet!"

Bucca - ein Ort, über den man nun wirklich keine Scherze macht

Erst nach vielen bangen Minuten werden die Männer und Frauen aufgeklärt, dass sie Opfer eines Scherzes geworden sind: Die meisten fallen den falschen Soldaten daraufhin erleichtert in die Arme - doch der Schreck steht ihnen auch bei den im Anschluss gedrehten Interviews noch ins Gesicht geschrieben.

"Bring ihn nach Bucca!" heißt die Show, mit der Al-Baghdadia seine Zuschauer zum Fastenmonat Ramadan erfreuen wollte. Dass dabei derbster Humor zum Einsatz kommen sollte, machte schon der Titel klar: Camp Bucca ist das Hochsicherheitslager im Südirak, in dem die US-Streitkräfte bis Ende 2009 Zigtausende irakische Gefangene festhielten: Für Iraker steht Bucca in der Schreckenskala gleich hinter Guantanamo, ist also ein Ort, über den man nun wirklich keine Scherze macht.

Doch in gewisser Weise ist Al-Baghdadias Rechnung aufgegangen: Auch wenn die meisten irakischen Kommentatoren und zahllose Leserbriefschreiber die "Bucca"-Show als Geschmacksverirrung verdammten, haben die täglich ausgestrahlten Episoden dem Sender reichlich Gratiswerbung beschert. Keine andere der jährlich zum Ramadan ausgestrahlten Serien hat derart von sich reden gemacht - und das irakische Volk in Fans und Gegner des Programms gespalten.

In den Streitkräften scheint der Galgenhumor des Senders anzukommen

Auf der Internetseite des Senders machten sich in den vergangenen Wochen viele Zuschauer Luft: "Ich hätte gehofft, dass euer Sender nicht auf dem Blut des irakischen Volkes tanzt", heißt es dort, oder "Wenn du ein Lächeln auf die Lippen eines Menschen zaubern willst, tue das nicht auf Kosten anderer". Was, schreibt ein Zuschauer, wenn einer der hinters Licht Geführten an Bluthochdruck oder Diabetes leide und aufgrund des Stresses am falschen Checkpoint einen Herzinfarkt erleide? "Wäre eine Entschuldigung dann genug?"

Andere Zuschauer konnten sich die Schadenfreude angesichts der Prominenten in der Bredouille nicht verkneifen: "Selten so gelacht", schrieb einer, ein anderer lobte, die als Soldaten verkleideten Schauspieler hätten sich sehr realistisch verhalten. Auch in den Streitkräften scheint der Galgenhumor des Senders anzukommen: Ganz offiziell war der Firma dort die Genehmigung erteilt worden, die Show zu drehen.

Man mag den Humor der "Bucca"-Macher für fehlgeleitet, geschmacklos oder schlicht unterirdisch halten: Derbe Späße dieser Art werden nicht nur von Irakern gemacht. Im April sorgte ein auf die Internetplattform YouTube gestelltes Video aus dem Irak für Aufsehen. Dabei filmt ein grinsender US-Soldat, wie sein Kamerad an einem Checkpoint erst eine Granate im Kofferraum eines Irakers platziert und diese dann "findet". Barsch befragt, was es mit dem Geschoss auf sich habe, signalisiert der irakische Autobesitzer, er habe keine Ahnung, wie die Granate in seinen Kofferraum gelangt sei. Bange Sekunden vergehen, bis der US-Soldat den Scherz lachend aufklärt. Der Iraker lacht - sichtlich angestrengt - mit.



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Seite 1
rabuba, 10.09.2010
1. war witzig!
Zitat von sysopEin TV-Sender in Bagdad macht Quote mit einer Extem-Variante von "Versteckter Kamera": Als Soldaten verkleidete Schauspieler stoppen Promis an Checkpoints, finden angebliche Bomben in ihren Autos und schikanieren sie als Terrorverdächtige.*Witzig? Die Reaktionen sind gespalten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,716806,00.html
Ich habe die Sendung zufälligerweise im irakischen Fernsehen gesehen. Ich habe das als herrliche Persiflage auf die amerikanische Hysterie verstanden und auch meine irakischen Freunde, die mir übersetzten, haben gelacht.
jellicoe 10.09.2010
2. titel
Würde ein Schriftsteller sich sowas ausdenken würde man bloß mit den Augen rollen. Ich weiß nicht ob ich das als ein Symptom deuten soll für eine beginnende Normalisierung im Irak oder ein Symptom dafür, dass die Iraker durch das Trauma der Diktatur, des Krieges und der Besatzung kollektiv übergeschnappt sind.
Haio Forler 10.09.2010
3. .
Zitat von sysopEin TV-Sender in Bagdad macht Quote mit einer Extem-Variante von "Versteckter Kamera": Als Soldaten verkleidete Schauspieler stoppen Promis an Checkpoints, finden angebliche Bomben in ihren Autos und schikanieren sie als Terrorverdächtige.*Witzig? Die Reaktionen sind gespalten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,716806,00.html
rofl ;) Ideen haben sie ja.
rabuba, 10.09.2010
4. war witzig!
Zitat von sysopEin TV-Sender in Bagdad macht Quote mit einer Extem-Variante von "Versteckter Kamera": Als Soldaten verkleidete Schauspieler stoppen Promis an Checkpoints, finden angebliche Bomben in ihren Autos und schikanieren sie als Terrorverdächtige.*Witzig? Die Reaktionen sind gespalten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,716806,00.html
Ich habe die Sendung zufälligerweise im irakischen Fernsehen gesehen. Ich habe das als herrliche Persiflage auf die amerikanische Hysterie verstanden und auch meine irakischen Freunde, die mir übersetzten, haben gelacht.
rabuba, 10.09.2010
5. war witzig!
Zitat von sysopEin TV-Sender in Bagdad macht Quote mit einer Extem-Variante von "Versteckter Kamera": Als Soldaten verkleidete Schauspieler stoppen Promis an Checkpoints, finden angebliche Bomben in ihren Autos und schikanieren sie als Terrorverdächtige.*Witzig? Die Reaktionen sind gespalten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,716806,00.html
Ich habe die Sendung zufälligerweise im irakischen Fernsehen gesehen. Ich habe das als herrliche Persiflage auf die amerikanische Hysterie verstanden und auch meine irakischen Freunde, die mir übersetzten, haben gelacht.
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