Verstrahltes Gebiet Japan will kurze Rückkehr in Sperrzone erlauben

Mit dem Einsatz von Stickstoff versuchen die Rettungskräfte, neue Explosionen im AKW Fukushima zu verhindern. Die Regierung erwägt, den Anwohnern eine kurzzeitige Rückkehr in das Evakuierungsgebiet zu erlauben - um Wertgegenstände aus den verlassenen Wohnungen zu sichern.

Greenpeace-Strahlenmessungen in der Präfektur Fukushima: Rückkehr in die Sperrzone?
AFP/ Greenpeace

Greenpeace-Strahlenmessungen in der Präfektur Fukushima: Rückkehr in die Sperrzone?


Tokio - Sie mussten ihre Heimat wegen der Strahlung aus dem Unglücks-AKW Fukushima verlassen, nun dürfen die Menschen aus der Evakuierungszone darauf hoffen, wenigstes noch ein paar persönliche Gegenstände zu retten: Rund einen Monat nach Ausbruch der Atomkatastrophe überlegt die Regierung, den Flüchtlingen eine kurzzeitige Rückkehr in die Sperrzone zu erlauben. "Ja, es ist wahr, dass wir das erwägen", sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Donnerstag auf Nachfrage. Atomexperten prüften derzeit, wie die Sicherheit zu gewährleisten sei, damit die Menschen an ihren früheren Wohnorten schnell Wertgegenstände und andere Dinge herausholen können.

Zuvor waren Menschen auf eigene Faust in die Sperrzone eingedrungen. Ihre Heimat müssen sie wohl dauerhaft aufgeben: Die Evakuierung sei langfristig angelegt, hatte Edano Anfang April gesagt. Die Regierung hatte einen Umkreis von 20 Kilometern um das havarierte Kernkraftwerk evakuiert. Bewohner, die zwischen 20 und 30 Kilometer von der Atomruine entfernt leben, sollen in ihren Häusern bleiben oder das Gebiet freiwillig verlassen.

Im Unglücks-AKW haben die Rettungskräfte am Donnerstag weiter Stickstoff in das Reaktorgehäuse von Block 1 gefüllt. Damit wollen sie neue Wasserstoff-Explosionen verhindern, wie sie sich mehrmals kurz nach der Havarie ereignet hatten. Die Arbeiten sollen in den kommenden Tagen fortgesetzt werden, teilte Betreiber Tepco mit.

Die Brennstäbe im Reaktorblock 1 hatten zeitweise aus dem Kühlwasser geragt und sich gefährlich erhitzt. Dadurch könnte sich das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff getrennt haben. In diesem Fall stiege das Risiko einer Knallgasexplosion. Mit Stickstoff lässt sich das gefährliche Gemisch verdünnen. Neben Block 1 wird daher laut Tepco auch in den Reaktorblöcken 2 und 3 Stickstoff eingefüllt. Eine unmittelbare Explosionsgefahr besteht nach Einschätzung der Atomsicherheitsbehörde Nisa aber nicht. Es handele sich um eine Präventionsmaßnahme.

US-Drohne soll Strahlung messen

Dennoch gab die Nisa zu bedenken, dass durch die Zuführung des Gases radioaktive Substanzen aus dem Reaktorsicherheitsbehälter entweichen könnten. Die Behörde wies Tepco an, die Strahlung in der Umgebung genau zu beobachten. In den Tagen nach dem Tsunami war es in den Blöcken 1, 3 und 4 zu Wasserstoff-Explosionen gekommen, die das Kraftwerk schwer beschädigten.

Die japanische Regierung erwägt nun den Einsatz eines unbemannten Flugzeugs zur Messung der radioaktiven Strahlung. Wie die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf Regierungskreise berichtete, soll die kleine ferngesteuerte US-Maschine vom Typ T-Hawk die Strahlenkonzentration an Abklingbecken für gebrauchte Brennstäbe messen. Um die Brennstäbe zu kühlen, werden die Becken mit Wasser geflutet.

Die kontaminierten Wassermassen im AKW behindern die Einsatzkräfte jedoch bei ihrer eigentlichen Arbeit, dem Wiederherstellen des Kühlsystems. Mit Hochdruck arbeiten die Einsatzkräfte daher daran, das verseuchte Wasser zu entsorgen. 11.500 Tonnen schwach kontaminiertes Wasser werden ins Meer geleitet, um in den Tanks Platz zu schaffen für stärker verstrahlte Brühe. Zudem ist ein riesiges Stahlfloß auf dem Weg nach Fukushima, um kontaminiertes Wasser aufzunehmen und abzutransportieren.

Zentralbank beschließt Milliardenkredit

Zum Abschluss zweitägiger Beratungen hat die japanische Zentralbank am Donnerstag ein Kreditprogramm für die Banken in der Katastrophenregion beschlossen. Mit der Finanzspritze werden den betroffenen Geldhäusern Kredite in Höhe von insgesamt einer Billion Yen (8,2 Milliarden Euro) angeboten. Zugleich ließ die Zentralbank den Leitzins unverändert bei nahe null.

Laut der Nachrichtenagentur Kyodo will US-Außenministerin Hillary Clinton nächste Woche Japan besuchen. Als erster ausländischer Staatsgast nach der Katastrophe war Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy nach Japan gereist. Am vergangenen Wochenende war Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle (FDP) in in dem Land zu Gast.

hut/dpa



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dbx 07.04.2011
1. Wertgegenstände
Inweit erlaubt die Verstrahlung denn "Wertgegenständen" das weitere "Wertgegenstände-sein-können"?
vostei 07.04.2011
2. RQ-16 T-Hawk
Bei der T-Hawk handelt es sich um eine Drohne, die mittels eines von einem Kolbenmotor angetriebenen Van senkrecht startet - gesteuert wird sie mit vier beweglichen, kreuzförmig unterhalb des Vans angebrachten Luftleitblechen in Kombi mit Gyroskopen. Gespickt mit Sensorik und Kameras wird das von Honeywell gebaute Ding u.a. dazu eingesetzt, um Sprengfallen dadurch ausfindig zu machen, indem es vor kurzem bewegte Erde neben einer Straße herauszisselieren kann. Ein Bläserich vor dem Herren sozusagen. Ob es in Fuk dann die Radioaktivität des selbst aufgewirbelten Staubs misst, oder die effektiv wirkende des direkten Umfelds, der zu untersuchenden freiliegenden Abklingbecken, scheint also sekundär zu sein. Daher ist zu vermuten, dass man den baulichen Sachstand aus unmittelbarer Nähe prüfen will - die Abklingbecken, die Bereitstellungsbecken, welche wenig bis gar keine Erwähnung finden im algemeinen. Die Anwohner kurz zurück in ihre Häuser zu lassen ist verständlich, wobei das allerdings einen ganz schönen Organisationsaufwand geben wird. Da es ziemlich deutlich wird, dass die Ärmsten wohl sehr lange nicht mehr zurück können, wird der eine oder die andere wohl eher bleiben wollen, wenn erstmal zu Hause... Die kommenden Tage, Wochen und Monate werden also davon geprägt sein, sich für vier verschieden stark angeschlagene Reaktoren Strategien auszudenken, wie man der Situation Herr wird. Das Ganze ist, Harrisburg und Tschernobyl zum Trotz, eine Premiere. Ausgestanden ist noch lange nichts und es wird aufgrund der harten Strahlung an den, für eben diese Strategien wichtigen Stellen sehr schwierig werden. Bleibt nur noch Daumen drücken - und sich wundern. Ich wundere mich über falbulierende Onkologen - German Angst -, die dann in derselben Minute von der American Fear vor der Realität keiner neuen, sondern vollkommen klaren Explosionsgefahr wiederlegt werden. Und ich wundere mich über die Art der Berichterstattung. Ein im Außenbereich gestopftes Leck als Erfolg ohne Nachfrage, woher das strahlende Wasser kommt - Logik, wo bist du geblieben?? Daumen drücken.
hr_schmeiss 07.04.2011
3. ...riiiiisieges Floss
Zitat von sysopMit dem Einsatz von Stickstoff versuchen die Rettungskräfte, neue Explosionen im AKW Fukushima zu verhindern. Die Regierung erwägt, den Anwohnern eine kurzzeitige Rückkehr in das Evakuierungsgebiet*zu erlauben - um Wertgegenstände aus den verlassenen Wohnungen zu sichern. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,755543,00.html
...immer dieses "riesige Stahlfloss". Es ist ein umgebauter Angelteich, etwa 100x40m und grade mal 3m hoch, eher ein Planschbecken. Soll 12.000 Tonnen Wasser fassen, nicht gerade viel, bei geschätzten 60.000 Tonnen Strahlensuppe im Keller. Ein ausgedienter Öltanker war wohl zu teuer? Und was macht man dann mit der Brühe im Floss? Rausschippern und verklappen, oder was?
koganei 07.04.2011
4. Tonnen und Liter, Millionen und Tausend
---Zitat--- 11,5 Millionen Tonnen schwach kontaminiertes Wasser werden ins Meer geleitet ---Zitatende--- Das ist wohl gegen Ende der Nachtschicht passiert. Millionen Liter oder Tausend Tonnen, aber nicht Millionen Tonnen.
vostei 07.04.2011
5. nicht einfach
Zitat von hr_schmeiss...immer dieses "riesige Stahlfloss". Es ist ein umgebauter Angelteich, etwa 100x40m und grade mal 3m hoch, eher ein Planschbecken. Soll 12.000 Tonnen Wasser fassen, nicht gerade viel, bei geschätzten 60.000 Tonnen Strahlensuppe im Keller. Ein ausgedienter Öltanker war wohl zu teuer? Und was macht man dann mit der Brühe im Floss? Rausschippern und verklappen, oder was?
Die Gewässer direkt an der Küste scheinen recht flach zu sein - sonst hätten die wohl doch einen Tanker benutzt - ich vermute das nur, genauso, wie ich vermute, dass der Küstenabschnitt vor dem AKW bald mit Arbeitspontons versehen wird. Und das Wasser? Mehrere Isotope / Partikel - mehrere Verfahren: das gute alte Einkochen in Kombi mit Filtern, sowohl mechanisch, als auch chemisch und physikalisch - Ionenaustausch. Teuer und es bleiben verglaste, pulverförmige und auch flüssige Produkte, welche entsorgt werden müssten...
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