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SACHBUCH Verzauberte Welt

aus DER SPIEGEL 2/2003

Der Wunderglaube des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit gebar seltsame Wesen. Überliefert sind höfliche Kannibalen, die mit jedem Forschungsreisenden in seiner Sprache kommunizierten, bevor sie ihn verspeisten. Oder (interessant für Verliebte) eine bei Neapel wachsende Bohnenpflanze, die jeden Esser die Gefühle des Menschen empfinden ließ, der sie gepflückt hatte. Wie solche Seltsamkeiten gedeutet wurden, trugen zwei Wissenschaftlerinnen in über 20 Jahre währender Arbeit zusammen. Außernatürliche Phänomene, entdeckten Lorraine Daston, Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, und die Medizinhistorikerin Katharine Park, prägten die Naturforschung bis ins 17. Jahrhundert - am Außerordentlichen erkannte man stets auch die Ordnung in der Natur. Erst die Aufklärung wertete das Unerklärbare ab und bezeichnete die vorher hoch angesehene Verwunderung nun als vulgäre Leichtgläubigkeit, die man nur beim ungebildeten Volk finde. Das Staunen über die Vielfalt der Schöpfung passte nicht mehr ins Weltbild der Eliten. Max Webers »Entzauberung der Welt« hatte begonnen.

Lorraine Daston, Katharine Park: »Wunder und die Ordnung derNatur«. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 554 Seiten; 29,90 Euro.

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