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»Viele nennen das Nihilismus«

Peter Brügge über den Dalai Lama in Oberbayern *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Der Hotelsaal am Fuße der Zugspitze war mehr als voll. Für mich war nur noch Platz am Boden. Doch der Dalai Lama ("Ozean der Weisheit"), dem zu Ehren solcher Andrang herrschte, duldete das nicht. Einen Stuhl verlangte er ließ ihn vor sich hinstellen und da sollte ich mich setzen. Tibets Gottkönig hat vielleicht gar nicht geahnt, wie sittenwidrig so etwas wäre. Eine seiner deutschen Anbeterinnen aber wußte das Schlimme zu verhindern. Sie zischte »Wie können Sie sich vor Seine Heiligkeit setzen«, und da haben der Dalai Lama und ich uns natürlich gefügt.

Fromme Verwirrung ging mit ihm einher. Ein katholischer Stadtpfarrer, von dem noch die Rede sein wird, hat die Heiligkeit in München einfach umarmt und war, ebenfalls regelwidrig, von ihr darauf geküßt worden. Andere nahten sich diesem erlauchten Heimatvertriebenen nur mit gefalteten Händen. Es gab viel Entzücken über die Anspruchslosigkeit der buddhistischen Majestät und deren ansteckende Lachlust. Viele Andächtige hinderte dies nicht, ihren Devotionaltrieb zu befriedigen.

Direkt neben oder vor Seiner Heiligkeit, versicherten sie einander, dürfe man nicht einmal stehen. So vernommen während des exklusiven Weekends einer um religiöses Recycling mit dem Buddhismus bemühten besseren Gesellschaft, bei dem man für rund 1500 Mark Spesen dem 14. Dalai Lama unbezahlbar nahe kommen konnte.

Diese Veranstaltung zu Füßen der Zugspitze war dementsprechend überbucht: Statt 150 vorgesehenen Teilnehmern hatten der Münchner Dianus-Verlag und die »Gesellschaft zur Förderung Tibetischer Kultur« 180 ins »Erlebnishotel« am Eibsee gepfercht und dazu noch einen vierzigköpfigen Troß.

Im ebenfalls ausverkauften Münchner Circus Krone hatte der Vertriebene vom Dach der Welt einem Konsumvolk zuvor noch handfeste Empfehlungen für Mäßigung und Selbstkontrolle erteilt. Vor der Zugspitze hob er auf Wunsch ins Metaphysische ab. So entsprach es dem Motto des Treffens: »Raum und Zeit«. Das Auditorium hier bestand aus Psychotherapeuten aller Behandlungsspielarten, aus Naturärzten und Esoterikern. Erlösung suchende Damen gab es zuhauf und sogar ein paar ordentliche Physikprofessoren. Denn gemeinsam mit dem Dalai Lama sollte Carl Friedrich von Weizsäcker allen zur Verfügung stehen der Atomphysiker und Philosoph.

Das Publikum erhoffte eher Mystik als ein regelrechtes Grübeln: einen mitnehmbaren Hauch jenes »Om mani padme hum«, wie es in den Gebetsmühlen des Lamaismus immer noch umgeht; eine Witterung jener Reinkarnation, die sich für Gläubige in der Person dieses exilierten Dalai Lama ja mit Händen greifen lassen müßte.

Denn er, der 1935 geborene Bauernsohn Lhamo Dhondrub, ist nicht nur der friedlichste Vertriebene der Gegenwart. Nach Überzeugung der Weisen Tibets verkörperte er das ebenso friedvolle erneute Dasein seines Vorgängers, des 13. Dalai Lama, der 1933 das Zeitliche vorübergehend gesegnet hatte.

Nach jahrelanger Fahndung galt dies für erwiesen. Als Zweijähriger wurde der Knabe Lhamo weg von seinen bäuerlichen Eltern in die Klosterstadt Lhasa geführt, unter dem Namen Tenzin Gyatso ins Mönchsleben und alsbald zum Herrscher Tibets erhoben. Als China das Land besetzte, war er 15. Neun Jahre später, als er über den Himalaja floh, sind ihm, der leibhaftigen Gottheit, 80000 Gläubige ins Exil gefolgt.

Dessenungeachtet wurde am Eibsee nichts Mystisches oder Okkultes oder auch nur Politisches geboten. Für die zahlenden Gäste sprach der Dalai Lama über die buddhistischen Begriffe von Raum und Zeit wie über eine religiöse Relativitätstheorie: dozierte über die unentwegte, vernetzte, allen Dingen innewohnende Veränderung; darüber, daß es bis hin zu den Galaxien nichts Bleibendes gibt und eigentlich gar keine Zeit, es sei denn in Verbindung mit den »Objekten« im Raum.

Gegenwart, sagte er, das sei für einen Buddhisten nur jener unfaßlich kurze Nullpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und: Jedwedes Objekt sei nur subjektiv wahrnehmbar. »Viele«, da mußte er wieder einmal herzlich lachen, »nennen das Nihilismus«. Dazu trank er wie überall, wenn es ihn dürstet, warmes abgekochtes Wasser.

Die Ansichten von Weizsäckers, wiewohl auf experimentelle Erfahrung gründend, schienen verwandt mit den Abstraktionen des »Ozeans der Weisheit«. Den Physik-Philosophen hatte es verlockt, seine Weisheit an der des Herrscher-Mönchs zu messen, der ihn einmal »mein Guru« genannt hat.

Für Weizsäcker, wie einst für dessen Lehrer Niels Bohr, existiert, das bekamen die Weekend-Gäste zu hören, eine Trennung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen dem »Wissenden und dem Gewußten« eigentlich auch nicht mehr. Wie sich aber damit die Fundamente des zeitgenössischen Selbstbewußtseins verflüchtigen, davon wurde, wohl in Angst vor der großen Leere, allseits geschwiegen. »Zerlegung der Wirklichkeit«, so erinnerte Weizsäcker, sei einerseits ja »Erfordernis des begrifflichen Denkens«, andererseits »immer falsch«. Woraus sich ergebe: »Begriffliches Denken ist strenggenommen immer falsch« Und sein logischer Nachsatz hieß: »Was ich dazu begrifflich gesagt habe, war ebenfalls falsch« Dazu trank er mit Anzeichen tiefen Genusses aus einem feierlich erhobenen Glas kaltes Wasser, nicht abgekocht.

Leider ergab sich aus einem solchen Rendezvous abgründiger Abstraktionen _(Beim »Raum und Zeit«-Treffen im ) _(Eibsee-Hotel. )

nicht das im Auditorium sehnlich erwartete Urbehagen einer bis in die Haarspitzen fühlbaren Einheit mit Erde oder All. Weizsäcker ahnte es wohl, wonach es in Wahrheit lechzte, und eine Warnung schien ihm angebracht: »daß es diesem Kreis wichtig sein muß, sich nicht zu verhalten wie eine heilsüchtige Sekte«.

Es rumorte unter diesen von morgens sechs bis in die Nacht hinein Bewegten: Gab es denn jetzt, wo einer seine Rohkost nur unter Strahlungsangst aufgabeln konnte, nicht geradezu eine Verpflichtung zu mehr Erregung im Ganzen? Sollte die für alle einzig mögliche Bewegung in den vom Veranstalter eingeplanten T''ai-Ji-Leibesübungen bestehen? In einem an »Glaube und Schönheit« erinnernden Schwenken von Bein und Arm bei dem einer am anderen im prallvollen Konferenzsaal körperlich Anstoß nehmen mußte?

Fragen über Fragen. Bestand etwa kein Zusammenhang zwischen den Raum-Zeit-Perspektiven eines Atomforschers und dem Fallout mit seinen nach Wochen, Jahren und Jahrmillionen gestaffelten Halbwertzeiten? Der Fernsehmoderator und Bestseller-Autor Franz Alt ("Liebe ist möglich") vermochte sich dem umgreifenden Drängen zur Emotion nicht zu entziehen. In Abwesenheit von Weizsäckers und des 14. Dalai Lama gewann er die Versammlung minutenschnell für eine an die Agenturen fortzureichende Solidaritätsadresse: Jene waghalsigen Tatmenschen aus der Vereinigung »Robin Wood«, welche nach letzten Meldungen beim Kernkraftwerk Stade einen Hochspannungsmast besetzt hielten, sollten vom Eibsee her geistigen Rückhalt erfahren.

Doch Carl Friedrich von Weizsäcker, der das zehn Minuten später hörte, wurde vor Zorn so rot und ungehalten, wie er es an sich nicht leiden kann, und er brüllte mit seiner milden Stimme. »Demagogie« nenne er derlei aus der Hüfte gezielte Spontaneität und wolle mit solch unnützer Windmache nicht in Verbindung geraten.

Später bereute er seine Heftigkeit hielt sich aber weiter im Allgemeinen. »Das Bewußtsein von Gefahr«, so räumte er ein, sei nun »allgegenwärtig«. Er hingegen glaubt sehr philosophisch: »Viel wichtiger als die Bereitschaft, richtige Dinge auszusprechen, ist die Bereitschaft zu leiden.«

Für ihn ist sicher: »Das Leiden wird uns nicht erspart bleiben« Nur so nebenbei hatte er bereits die Ansicht angedeutet, noch in diesem Jahrzehnt drohe ein nuklearer Krieg, bei welchem die Menschheit aber gewiß nicht ausgerottet würde. Er, wie man weiß, hat seinen Schutzraum fertig.

Was wohl hätte der Dalai Lama zu deutschem Kernkraft-Protest zu sagen gehabt? Er aß seinen Salat und sagte kein Wort. Ihm, dem Exilpolitiker, stand das gar nicht zu in einem Gastland wie der Bundesrepublik, der ihr Handel mit der Besatzungsmacht Rotchina mehr bedeutet als alle Sympathien für das besetzte Tibet.

Der »Ozean der Weisheit« lachte sein butterweiches Lachen und dekorierte I Carl Friedrich von Weizsäcker und die akademischen Mitläufer dieses Eibseer Denk-Joggings zum Abschied mit langen Glücksschleifen aus weißer indischer Seide. Dies ist seine Art von Orden.

In München hatte sich die Meinung I verbreitet, er selber sollte ebenfalls mit einer »Glücksschleife« aus weißer Seide bedacht werden. Damit hat er nichts anzufangen gewußt. Wie sollte er wissen, daß der katholische Stadtpfarrer Fritz Betzwieser, der sie ihm umgelegt hat, dazu erst einen Frackschal vom teuersten Schneider der Stadt hatte zweckentfremden müssen?

Der bayrische Monsignore Betzwieser, wie erwähnt, hat den Dalai Lama außerdem wie einen Amtsbruder geküßt, eine Körpernähe, zu der im strahlend blauen Blick des Herrn von Weizsäcker gewiß nichts einlud. Was aber in Betzwiesers Herz-Jesu-Kirche in München 19 (Neuhausen) jenseits aller Philosophie geschah, war wohl ein Spektakel nach der Herzenslust der heiteren Heiligkeit vom Dach der Welt.

Berge, Glocken und Weihrauch« seien wichtige Gemeinsamkeiten zwischen

Tibet und Bayern, wurde vom Pfarrherrn des selbstredend überfüllten Gotteshauses in bajuwarischem Englisch versichert: »Jetzt trinken wir erst Tee«, hieß es, »dann wird gebetet«

Mehr als ein bißchen Beten hatte das erzbischöfliche Ordinariat für einen Buddhisten auch nicht erlaubt. Andererseits sollte einem so erhabenen Gast das Beste zukommen. Kellner wie Verpflegung waren vom Party-Ausstatter Käfer bezogen worden, obschon der Dalai Lama hier ebenfalls nur warmes Wasser zu sich nahm.

Ihn amüsierte das volle Programm, durch das ihn dieser kindlich-frohe Seelenhirte Betzwieser zerrte: Bäumchenpflanzen im Pfarrgarten, Katzen streicheln, Ehrung durch die Pfarrjugend, von der er, weil sein leiblicher Vater angeblich ein Pferdenarr gewesen ist, ein Pferde-Relief bekam.

Wohin die Heiligkeit blickte, machten Würdenträger in Sonntagskleidung vor ihr den Bückling; manche trugen Ehrenzeichen und mehr noch. Einer hatte den großen Elefantenorden des Königs von Thailand um. Ist er doch ein Konsul Bhumibols. Zuvor noch hatte er seinen Pfarrer gefragt, wie denn derzeit, wer weiß, Thailand zu Tibet und Rotchina stehe. Der Pfarrer war ganz sicher, so ein schöner Orden schade auf keinen Fall.

Ihm lag am Gepränge. An hohen Masten flatterten vor der Kirche die Fahnen Tibets und Bayerns. Ein edler roter Läufer war vom Handel gestiftet worden, und der Trachtenerhaltungsverein Neuhausen stand zum Volkstanz bereit.

Und dann erst der Altar: Kostbare tibetanische Teppiche lagen davor, eine Leihgabe des nobelsten Münchner Antiquitätenhändlers. Dem hatte Don Camillo Betzwieser Angst eingejagt: »Wenn der Dalai Lama mit''m link''n Fuaß zuerst auf was tritt, dann g''hört ihm das fei«

Gottlob, der Gast hat stets den rechten Wandervogel-Schuh vorangesetzt und auch völlig darüber hinweggesehen, daß der andächtig neben ihm aufgebaute Dianus-Verleger Herbert Röttgen einmal als Verleger der Bibel von Mao berühmt gewesen ist.

In die Bayernhymne stimmten sie am Ende alle ein. Dazu erhob die Pfarrgemeinde sich euphorisch von den Betbänken. Tränenden Auges reichte der Pfarrer dem leibhaftigen Buddhisten-Gott auch ein Blatt mit Noten und Text. Und zumindest dieses »Gott mit dir, du Land der Bayern« hat der 14. Dalai Lama mit seinem recht vernehmlichen Bariton mitgesungen.

Danach zog eine junge Frau einen goldenen Ring vom Finger und steckte ihn verstohlen in seinen kleinen Reisesack. Er hat das nicht einmal bemerkt. Bloß der Pfarrer wandte sich im Gedränge der Spenderin zu und sagte: »Vergelt''s Gott!«

Beim »Raum und Zeit«-Treffen im Eibsee-Hotel.

Peter Brügge
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