Afrika-Wanderung "Ich weiß jetzt, was Wassermangel heißt"

Benjamin Adrion ist gerade 550 Kilometer durch Uganda und Ruanda gewandert. Er will auf den Mangel an sauberem Wasser in Afrika aufmerksam machen - und hatte bei seiner Aktion eine einzigartige Perspektive auf wunderschöne Landschaften.

Timon Koch

Ein Interview von


ZUR PERSON
  • Timon Koch
    Benjamin Adrion, Jahrgang 1981, ist ehemaliger deutscher Profi-Fußballer und Gründer der gemeinnützigen Wasserinitiative Viva con Agua de Sankt Pauli e.V. Der Verein will Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser verschaffen. Jüngst organisierte Viva con Agua deshalb den Water! Walk - Wassermarsch - von Kigali in Ruanda nach Kampala in Uganda. Mit dem 24-tägigen Marsch wollten die Läufer Spenden sammeln - etwa indem Menschen ihnen pro gelaufenen Kilometer Geld zahlten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind zusammen mit rund 35 anderen Läufern aus Europa und Ostafrika knapp vier Wochen durch Uganda und Ruanda gelaufen. Wie war es?

Adrion: Die Füße tun langsam nicht mehr ganz so weh, aber ansonsten bin ich noch völlig beeindruckt von diesem Lauf. Ich weiß jetzt, was Wassermangel bedeutet. Wir mussten Wasser pumpen und filtern, damit es sauber wird. Wir hatten nur Plumpsklos und haben nur jeden dritten Tag geduscht - trotz Hitze. Aber ich will nicht jammern. Ich habe jetzt selbst erlebt, was ich vorher nur vom Hörensagen als Problem kannte.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Adrion: Wir wollten mit unserem Marsch auf den Mangel an sauberem Wasser aufmerksam machen, und zwar nicht als Europäer, die Afrikanern mal ihre Probleme erklären, sondern gemeinsam mit Menschen aus Uganda, Ruanda, Äthiopien und Kenia. Deshalb sind wir nicht nur gelaufen, sondern haben unterwegs oft Schulen oder Universitäten besucht und Workshops zum Thema Wasser angeboten. Das hat viel Spaß gemacht, aber das Wandern war auch anstrengend. Ich habe die Aktion vorher nicht ganz zu Unrecht für eine verrückte Idee gehalten.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit sind Sie im Schnitt gelaufen?

Adrion: 25 Kilometer pro Tag, einmal auch 38 Kilometer, und wir haben insgesamt 5600 Höhenmeter überwunden. Das ging schon an die Schmerzgrenze. Wir sind alle keine Profisportler, sondern Lehrer, Künstler, Journalisten - normale Leute. Meine Fußballzeit ist auch vorbei. Ich hätte vielleicht vorab mehr trainieren müssen. Ich habe etwas unterschätzt, wie anstrengend es wird.

SPIEGEL ONLINE: Was war noch anders, als Sie es erwartet hatten?

Adrion: Bei Uganda und Ruanda denken die meisten Menschen in Europa sicher nicht zuerst an Wanderurlaub. Sie haben vielleicht mal vom Genozid gehört, sie wissen, der Kongo ist in der Nähe. Sie sind skeptisch und stellen sich eine gefährliche Gegend vor. Aber das habe ich so überhaupt nicht erlebt. Die Landschaft ist mit ihren Bergen und Wasserfällen wunderschön, und die Menschen haben mich sehr beeindruckt.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Adrion: Natürlich gibt es Probleme, aber uns sind überall sehr freundliche, friedliche Menschen begegnet. Das galt auch für die Gebiete, vor denen wir vor Ort gewarnt worden sind: Zum Beispiel eine Gegend, in der angeblich gefährliche Stämme leben, und ein Gebiet mit knapp zwei Millionen Flüchtlingen, die in großer Armut leben. Wir haben uns einmal von der Polizei begleiten lassen, als wir die ugandische Grenze überquert haben - auch aus Sorge, dass unser Wanderpulk als politische Versammlung gelten könnte, die aufgelöst wird. Ob das wirklich nötig war, weiß ich nicht. Es gab bei dieser Wanderung jedenfalls keine einzige brenzlige Situation, dafür aber sehr viele schöne Begegnungen.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Adrion: Wir waren inklusive Begleitcrew mit fast fünfzig Menschen und Dutzenden Zelten unterwegs und hatten die Tour vorab nicht vollständig durchorganisiert. Wir haben öfter in der freien Natur gecampt, sind aber auch mal unangemeldet in einem Dorf angekommen. Dann gab es immer Menschen, die uns spontan bei sich oder auf einem Sportplatz haben campen lassen. Wir waren überall willkommen, alle haben sich gefreut, dass wir da sind und waren neugierig, was wir machen. Ich vermute, eine so unfassbare Gastfreundschaft würde man in Deutschland nicht erleben.

SPIEGEL ONLINE: Was bleibt von der Wanderung?

Adrion: Wir möchten mit der Aktion so viele Spenden wie möglich sammeln. Bisher sind es rund 30.000 Euro. Damit fördern wir jetzt Trinkwasser- und Sanitärprojekte in Ruanda und Uganda. Außerdem sind wir ja nicht nur gelaufen, sondern haben vor, während und nach der Wanderung Ausstellungen und Konzerte in beiden Ländern organisiert. Insofern war das Ganze ein Gesamtkunstwerk - und davon bleibt neben den Bildern im Kopf auch eine Galerie in Kampala bestehen, in der jetzt ein Mal pro Jahr afrikanische Künstler ihre Werke verkaufen.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
ichliebeeuchdochalle 14.11.2018
1.
Am 10.11.2018 gewann Benjamin Adrion 100.000 Euro in der ARD-Quizshow "Ich weiss alles" und spendete den gesamten Betrag dem Projekt, das im Artikel vorgestellt wurde: "Viva con Agua".
jamguy 17.11.2018
2.
Zitat von ichliebeeuchdochalleAm 10.11.2018 gewann Benjamin Adrion 100.000 Euro in der ARD-Quizshow "Ich weiss alles" und spendete den gesamten Betrag dem Projekt, das im Artikel vorgestellt wurde: "Viva con Agua".
Afrika ist einfach geographisch nicht erschlossen weshalb es an Wasser und Stromversorgung mangelt man weiss einfach kaum das hier und da menschliche Siedlungen existieren.
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