Volksabstimmung Brasilianer lehnen Waffenverbot ab

In Brasilien sterben mehr Menschen jährlich durch Waffengewalt als durch Krebs oder Verkehrsunfälle. Dennoch hat sich überraschenderweise die Mehrheit der Brasilianer gegen ein Verkaufsverbot ausgesprochen.


Rio de Janeiro - Brasilien liegt bei der Zahl der Toten durch Schusswaffengebrauch weltweit auf Platz zwei. 39.000 Menschen sterben jährlich durch eine Kugel, mehr als durch Krebs und Verkehrsunfälle. Nur in Venezuela gibt es, gemessen an der Bevölkerungszahl, mehr Opfer durch Schusswaffen.

Protest gegen Schusswaffen in Brasilien: Mehr Tote durch Kugeln als durch Krebs
AP

Protest gegen Schusswaffen in Brasilien: Mehr Tote durch Kugeln als durch Krebs

Die Linksregierung des Landes unterstützte einen Vorstoß der Organisation "Viva Rio", den Waffenhandel zu verbieten. Bürgerrechtler und die katholische Kirche warben ebenfalls für die Initiative, die bis vor wenigen Wochen noch großen Zuspruch in der Bevölkerung gefunden hatte.

Bis zu 80 Prozent der Befragten sprachen sich in Umfragen für ein Verbot aus, dann jedoch kippte die Stimmung. Die Befürworter des Waffenhandels, vor allem die Waffenhersteller selbst, setzten auf die Ängste der Menschen. In einer der jüngsten Umfragen vor dem Referendum sagten 57 Prozent der Befragten, sie glaubten nicht, dass ein Waffenverbot die hohe Kriminalitätsrate reduzieren würde; 59 Prozent gaben an, sie würden sich ohne Waffen wehrlos gegen Verbrecher fühlen.

Die Neuregelung hätte den Kauf von Schusswaffen und Munition auf Streitkräfte und Polizei, private Sicherheitskräfte, Jäger, Waffensammler und Sportschützen beschränkt. Amtlichen Angaben zufolge gibt es in brasilianischen Haushalten mehr als 17 Millionen Schusswaffen. Davon sind neun Millionen nicht angemeldet. Zwischen 1979 und 2003 wurden nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als eine halbe Million Menschen in Brasilien ermordet. Im Jahr 2003 hatte die Regierung bereits strengere Waffengesetze erlassen.

Im Juli 2004 wurde eine Kampagne zur Entwaffnung der Zivilbevölkerung gestartet: Für jedes abgegebene Sturmgewehr zahlte die Regierung bis zu 100 Dollar. Bis September dieses Jahres wurden 440.000 Gewehre eingereicht. Die Zahl der Waffenläden ging seit Beginn der Kampagne von landesweit 1500 auf 250 zurück. Die Industrie erklärte, es seien schätzungsweise 7000 Arbeitsplätze verloren gegangen.

Die Abstimmungsniederlage sei ein Ausdruck des Protests gegen die Regierung und den Mangel an einer nationalen Sicherheitspolitik, sagte der Koordinator der Viva-Rio-Kampagne, Antonio Rangel. Hingegen sagte der Abgeordnete Alberto Fraga, das Ergebnis bedeute, dass die Brasilianer ihr Recht behaupten wollten, sich selbst zu verteidigen. In Washington sprach die einflussreiche US-Waffenlobby von einem "Sieg für die Freiheit".

Bei der gestrigen Abstimmung sprachen sich 64 Prozent der Stimmberechtigten gegen ein Verbot aus, 36 Prozent waren dafür. An der Volksabstimmung nahmen etwa 120 Millionen Brasilianer teil. Die Teilnahme war für alle Bürger zwischen 18 und 70 Jahren verpflichtend. Stimmberechtigt waren aber auch Jugendliche im Alter von 16 und 17 Jahren.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.