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NITRIBITT-AUTO Von zarter Hand

aus DER SPIEGEL 43/1958

Bei der Kraftfahrzeug-Zulassungsstelle

des Hamburger Amtes für Verkehr trägt die Karteikarte eines silbergrauen Merdedes-Cabriolets vom Typ 190 SL mit dem amtlichen Kennzeichen HH - AW 600 seit einiger Zeit den handschriftlichen Vermerk: »Keine Auskunft! gez. Bosse.« Aus der Karteikarte ist außerdem ersichtlich, daß der Wagen von seinem Besitzer vorübergehend stillgelegt wurde.

Jeder, der Auskunft über den Besitzer dieses Fahrzeugs begehrt, wird von dem Karteiordner daher an den Leiter der Kraftfahrzeug-Zulassungsstelle, Regierungs-Amtmann Hans Bosse, verwiesen. Bosse hat sich alle Auskünfte über dieses Fahrzeug persönlich vorbehalten. Er begründet diese ungewöhnliche Auskunftsbeschränkung: »Eine so delikate Sache kann ich nicht meinen Beamten überlassen.

Die delikate Sache, der silbergraue Mercedes 190 SL, hat in den vergangenen Monaten über ein halbes dutzendmal seinen Besitzer gewechselt. Das ungewöhnliche Interesse, das Kraftfahrzeughändler und Liebhaber schneller Wagen dem Fahrzeug entgegenbrachten, erklärt sich aus dem Namen der im Kraftfahrzeugbrief als Erstbesitzerin aufgeführten Person: Rosemarie Nitribitt. Das Schicksal ihres in Frankfurt einst stadtbekannten - damals noch schwarzen - Mercedes hängt eng mit der Popularität der blonden Rosie zusammen.

Nach dem gewaltsamen Ende der Geschäftsfrau war zunächst der Frankfurter Autohändler Hans Satursky Eigentümer des skandalumwitterten Mercedes 190 SL geworden. Für 12 000 Mark hatte er das Fahrzeug, das mit echten Lederpolstern, Radio und Weißwandreifen ausgestattet war und einen Neuwert von rund 19 000 Mark besaß, von der Mutter des Fräuleins Nitribitt erworben. Mit einem Aufpreis von 1300 Mark verkaufte Autohändler Satursky den Wagen weiter an den Hamburger Reedereikaufmann Windheim.

Nachdem der Reedereikaufmann das Fahrzeug bereits 15 000 Kilometer gefahren hatte, widerfuhr ihm das Mißgeschick, beim Überholen eines verkehrswidrig fahrenden Lkw auf der Autobahn Köln-Berlin beim Kilometerstein 301,5 ins Schleudern und gegen einen Baum zu geraten. Kaufmann Windheim blieb unverletzt. Der Mercedes mußte abgeschleppt werden.

Welchen Wert der nächste Käufer des Wagens, der Hamburger Autofachmann Ernst August Hasselbusch, dem stark beschädigten SL beimaß, ergibt sich aus der Kaufsumme, die er dem Reedereikaufmann Windheim zu zahlen bereit war. Für 6700 Mark wechselte das Nitribitt-Auto den Besitzer.

Nachdem er die ärgsten Blechschäden an dem Mercedes behoben hatte, fand Ernst August Hasselbusch auch sogleich einen neuen Interessenten für den schwarzen SL. Für nunmehr 7200 Mark wollte der Hamburger Autohändler Hans Eilken Rosies ehemaliges Gefährt übernehmen. Ernst August Hasselbusch überstellte das Fahrzeug in Eilkens Garage.

Doch zehn Tage später, als er von Autohändler Eilken noch immer kein Geld bekommen hatte, holte Hasselbusch das Fahrzeug bei Eilken wieder ab und verkaufte es an den Tankstellenbesitzer Gerhard Kenzler weiter. Die Kaufsumme belief sich bereits auf 8550 Mark.

Dem Gerhard Kenzler schien es geraten, den Nitribitt-SL zwecks höheren Verkaufs -Erlöses aufzumöbeln. Alle Unfallschäden wurden behoben. Der schwarze Mercedes wurde silbergrau gespritzt.

Trotz der äußeren Verwandlung blieb aber das Fluidum knisternder Erotik in den Polstern des Mercedes haften und rechtfertigte einen Liebhaberpreis. Kenzler hatte bereits zahlreiche Interessenten an der Hand, die ohne Umschweife erklärten, 12 500 Mark sei ihnen dieser pikante Wagen wert. Indes, Gerhard Kenzler geriet in Bedrängnis.

Der Autohändler Eilken erschien bei Kenzler mit seinem Rechtsanwalt und drohte mit einer einstweiligen Verfügung, falls Kenzler sich weigern sollte, den Wagen herauszugeben. Hasselbusch, so argumentierte Eilken, habe mit ihm - was Hasselbusch jedoch bestreitet - einen mündlichen Kaufvertrag abgeschlossen, der nun auch erfüllt werden müsse. Um sich prozessuale Scherereien zu ersparen - »ich habe noch nie mit Gerichten zu tun gehabt« -, rückte Tankstellenbesitzer Kenzler den Wagen heraus. Allerdings mußte Autohändler Eilken, dem Rosies Wagen zunächst für 7200 Mark angeboten worden war, nun 11 300 Mark auf den Tisch legen, um den Tankstellenbesitzer für einen Teil des entgangenen Verkaufsgewinns und die Reparaturen zu entschädigen. Hans Eilken zahlte mit Barscheck.

Hans Eilken, der ursprünglich geplant hatte, den Wagen auf der 14. Gebrauchtwagen-Verkaufsschau in Hamburg abzustoßen, hatte keine Not, das Fahrzeug

an den Mann zu bringen. Bereits vor Beginn der Ausstellung meldete sich bei ihm ein »nicht in Hamburg ansässiger Kaufmann«, dem Eilken schriftlich versprechen mußte, seinen Namen nicht preiszugeben. Der Preis für den Wagen war inzwischen auf 13 300 Mark geklettert und war mithin genauso hoch wie zu jener Zeit, als der Hamburger Reedereikaufmann Windheim den SL in Frankfurt erwarb. Der neue Besitzer ließ das Fahrzeug zunächst bei Autohändler Eilken stehen, weil der Mercedes als Renommier-Wagen noch für die 14. Gebrauchtwagenschau benötigt wurde.

Um das historische Gefährt bei dieser Schau gebührend herauszustellen, fertigte Autohändler Hans Eilken ein Standplakat. Darauf war, von Arabesken umrahmt, zu lesen: ROSEMARIE. Den letzten Zweifel suchte Eilken durch den Zusatzvermerk »Von zarter Hand aus Frankfurt« auszuschließen. Mit Denkmalpfleger-Pietät ersetzte er schließlich für die Dauer der Ausstellung das prosaische Hamburger Kennnzeichen durch die - freilich ungestempelte - Frankfurter Original-Nummer des frühvollendeten Erstbesitzers: Unter H 70-6425 (siehe Bild) war der SL am 18. Mai 1956 auf den Mannequin Rosemarie Nitribitt zugelassen worden. Alle Interessenten wehrte der Autohändler jedoch ab: »Der Wagen ist bereits verkauft.«

Indes, das Auto steht noch heute in Eilkens Garage am Poelchaukamp 33. Der »nicht in Hamburg ansässige Kaufmann« hatte nämlich seiner Ehefrau verschwiegen, wer der Erstbesitzer des Wagens war. Sie erfuhr dies erst aus Presseberichten, denen sie entnahm, daß der von ihrem Mann für 13 300 Mark in Hamburg gekaufte Mercedes eben dieses Gefährt sein mußte. Offenbar fürchtete die Frau des Kaufmanns, ihr Mann könne am Volant von der pikanten Vergangenheit des Fahrzeugs irritiert werden. Der Kaufmann gab dem Drängen seiner Frau nach, bat Eilken, den Nitribitt-Wagen zurückzunehmen, und kaufte sich ein amerikanisches Modell. Um weiteren Enttäuschungen vorzubeugen, will Hans Eilken den Mercedes 190 SL jetzt nach Übersee verkaufen.

Rosemarie-Roadster: Liebhaberpreise

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