Peter Schmidt*

Vorerkrankter Vater Schulpflicht wäre lebensgefährlich

Peter Schmidt*
Ein Gastbeitrag von Peter Schmidt*
In der Debatte um die Wiederöffnung der Schulen fürchtet unser Autor den Tag, an dem seine Kinder wieder zum Unterricht müssen: Infizieren sie sich und er sich bei ihnen, könnten sie ihren Vater verlieren.
Schulpause (Archivbild)

Schulpause (Archivbild)

Foto: Ute Grabowsky/ photothek/ imago images

Ich war 19 Jahre alt, als ich eine Woche lang auf der Intensivstation an ein Beatmungsgerät angeschlossen war. Eine geplante Operation, aber eine schwere, die zu einer vorübergehenden, massiven Beeinträchtigung meiner Atemfunktion führte. Im Unterschied zu schwer kranken Covid-19-Patienten, die sich in einem medizinisch derzeit kaum zu kontrollierendem Zustand befinden, wusste ich, dass ich wieder genesen würde. Das machte die Härte des Zustands erträglicher. Ich weiß auch, wie sich eine Lungenentzündung anfühlt, ich hatte mehrmals welche. Wie mir Ärzte sagten, ist eine Lungenentzündung immer eine schwere, lebensbedrohliche Krankheit. Jedem, dem das bisher erspart geblieben ist, sei gesagt: Das spürt man.

Zum Glück sind die meisten Lungenentzündungen mit Antibiotika behandelbar, weil sie von Bakterien verursacht wurden. Auch das ist bei Covid-19 anders. Noch gibt es nicht genug gesicherte Daten, aber wenn sich Angaben darüber bewahrheiten, dass circa 20 bis 30 Prozent der Corona-Infizierten eine Lungenentzündung entwickeln, und zwar nicht nur alte und vorerkrankte Menschen, dann gibt es allen Grund, vorsichtig zu sein. Dieser Gedanke hat sich zum Glück durchgesetzt. Fast die gesamte Welt befindet sich seit Wochen in einem beispiellosen Ausnahmezustand.

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Obwohl viele Länder (darunter Deutschland) noch immer am Anfang der Pandemie stehen und obwohl weder ein Impfstoff noch zuverlässige Therapeutika für bereits Erkrankte zur Verfügung stehen, werden die Stimmen immer lauter, die ein schrittweises Zurückfahren der Schutzmaßnahmen fordern. Ihre Argumente sind nachvollziehbar. Selbstverständlich sind die ökonomischen Folgen dieser Maßnahmen gigantisch, und natürlich gehen die aktuellen Einschränkungen auch und gerade zulasten der ökonomisch Schwachen und Schwächsten. Und wahr ist auch, dass die Einsamkeit der Isolation wieder neue psychologische und gesundheitliche Nöte mit sich bringt.

Und doch weiß ich, dass alle diese Sorgen und Probleme für ausnahmslos jede und jeden völlig unbedeutend werden, die oder der im Krankenhaus liegt und um Luft ringt - oder eben mit dem Tod. Vom einen zum anderen ist es kein weiter Weg. Dass es Momente gibt, die einen auf die absolut grundlegende menschliche Regung zurückwerfen: den Wunsch zu überleben. Darum geht es - auch wenn das pathetisch und für viele abstrakt klingen mag.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Jetzt sollen also bald die Schulen wieder geöffnet werden, fordern viele. Auch dafür gibt es nachvollziehbare Gründe. Aber für mich, einen Menschen mit Vorerkrankungen und Vater zweier schulpflichtiger (Grundschul-)Kinder, sind geöffnete Schulen ein Horrorszenario. Denke ich daran, kann ich nicht mehr schlafen.

Alles, was ich in den letzten Wochen zum Schutz meiner selbst und meiner Familie unternommen habe, würde sinnlos in dem Moment, in dem ich meine Kinder wieder zur Schule schicken müsste, wo sie einer völlig unkontrollierbaren Anzahl an sozialen Kontakten ausgesetzt wären. Es gibt zwar Forscher, die davon ausgehen, dass der Nutzen von Schulschließungen wenig zur Eindämmung der Pandemie beiträgt – aber das scheint mir wenig plausibel. Zumal die Forscher ja selbst angeben, dass die Datenlage derzeit noch zu schwach ist, um verlässliche Aussagen zu treffen. Und heißt es nicht immer, dass es eine Vielzahl von unentdeckten, symptomlosen Infektionen gibt - gerade bei Kindern? Wenn Kinder infiziert sind, aber nur leicht oder gar nicht erkranken, werden sie auch nicht getestet und tauchen somit nicht in der Statistik auf. Noch immer muss man wohl davon ausgehen, dass auch symptomlos Infizierte Überträger sein können.

Solange das so ist, darf die Debatte um die Wiederöffnung der Schulen nicht nur unter bildungspolitischen, ökonomischen und eben epidemiologischen Aspekten geführt werden, sondern vor allem auch unter moralischen und menschlichen. Mein Sohn ist zehn Jahre alt. Er versteht, warum er derzeit nicht mit seinen Schulkameraden und Freunden spielen kann. Er versteht, dass er bei einer Infektion nicht selbst gefährdet wäre, aber mich anstecken könnte. Er versteht, dass für mich diese Infektion ein viel höheres Risiko bedeuten würde als für ihn und viele andere. Sogar meine sechsjährige Tochter spricht mich fast jeden zweiten Tag darauf an, seit wir das erste Mal darüber gesprochen haben - obwohl wir versuchen, das Thema so klein zu halten wie möglich.

Wie viel Verantwortung wollen wir unseren Kindern aufbürden? Es geht um viel: Keinem Kind würde etwas Lebensentscheidendes fehlen, wenn es ein paar Monate zu Hause von den Eltern beschult würde. Wohl aber würde ihm im schlimmsten, aber nicht unrealistischen Fall, sein Elternteil fehlen. Nicht nur wäre der Vater oder die Mutter tot - das Kind müsste mit dem Gefühl weiterleben, daran Mitschuld zu tragen. Niemand kann so etwas wollen.

Ein möglicher Ausweg, die berechtigten Interessen derer, die ihre Kinder möglichst bald wieder zur Schule schicken möchten oder müssen, und denen, für die das ein unzumutbares Risiko darstellt, wäre die temporäre Aufhebung der Schulpflicht für einige Monate. Der mögliche Schaden kann in diesem Fall kaum größer sein als der Nutzen.

*Name von der Redaktion geändert, der Autor möchte unerkannt bleiben

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