Fotostrecke

Furcht vor Geheimdienst: "Arctic Sea"-Experte flieht aus Russland

Foto: STR/ REUTERS

Vorwürfe gegen russische Marine "Arctic Sea"-Entführer berichten von Scheinexekution

Psycho-Folter auf einer Fregatte? Die mutmaßlichen Piraten, die den Frachter "Arctic Sea" entführt haben sollen, erheben schwere Vorwürfe gegen das russische Militär. Marinesoldaten hätten zum Schein ihre Hinrichtung inszeniert - die Flotte dementiert.

Moskau - Es gibt Aufnahmen, die den ruppigen Umgang russischer Sicherheitskräfte mit den mutmaßlichen Entführern des Frachters "Arctic Sea" zeigen. Da lagen die Männer mit entblößten Oberkörpern nach ihrer Festnahme, die Gesichter auf den Boden gepresst. Die acht Verdächtigen wurden im schmerzhaften Polizeigriff den Fotografen vorgeführt.

Doch die Anschuldigungen, die sie jetzt gegen russische Militärs erheben, klingen abenteuerlich: An Bord der Fregatte "Ladnij" sollen Angehörige der russischen Marine eine Scheinexekution inszeniert haben. "Man hat sie aus ihrer Zelle geholt, sie mussten sich an der Reling des Schiffes aufstellen, das Gesicht zum Meer gewandt", sagte der Anwalt Omar Achmedow SPIEGEL ONLINE. Achmedow vertritt Dmitrij Sawins vor Gericht, dem vorgeworfen wird, den Frachter "Arctic Sea" am 24. Juli in schwedischen Gewässern entführt zu haben.

Hinter sich hörten die Männer die Vorbereitungen der Soldaten, dann habe das Erschießungskommando gefeuert. "Zum Glück nur in die Luft", sagt Achmedow - doch sein Mandant habe Todesängste ausgestanden. Ein Besatzungsmitglied, das von der "Ladnij" ebenfalls an Bord genommen wurde, betonte hingegen, nichts von einer Scheinexekution zu wissen.

Ungeheuerliche Vorwürfe

Diese ungeheuerlichen Vorwürfe gegen die Marine sind eine neue Wendung im Verwirrspiel um die "Arctic Sea". Zwar teilten russische Ermittler bereits Mitte September mit, die Untersuchungen des spektakulären Falls seien abgeschlossen, und auf den Kanaren beteuerte ein gut gebräunter Staatsanwalt, an Bord des knapp hundert Meter langen Frachters hätte sich lediglich Holz im Wert von rund 1,3 Millionen Euro befunden. Dennoch wird in Moskau weiter über eine geheime Fracht an Bord des Schiffes spekuliert - S-300 Raketen etwa für Teheran zum Schutz iranischer Atomanlagen?

Die russische Marine bestreitet die Vorwürfe. "Hier werden jeden Tag neue Anschuldigungen erhoben, die völlig haltlos sind", sagte ein Specher der Flotte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Befeuert durch eine geheime Blitzvisite des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, kursieren in Moskau abenteuerliche Theorien. So könne es der israelische Geheimdienst Mossad gewesen sein, der eine geplante Waffenlieferung nach Afrika oder an Iran vereitelt habe, heißt es.

Selbst eine halb im Scherz von dem angesehenen Moskauer Politologen Stanislaw Belkowski geäußerte Räuberpistole findet Anhänger: Auf Weisung des Kreml sei es der Milliardär und Eigner des Londoner Fußball-Clubs Roman Abramowitsch gewesen, der auf den Kanaren ein Grundstück erworben habe.

Dorthin habe man die Raketen von der "Arctic Sea" gebracht - nur das könne erklären, weshalb der Frachter wochenlang unweit des Kanaren-Hafens Las Palmas dümpelte. Später habe man die S-300 verschwinden lassen, spekulierte Belkowski.

Seltsames Vorgehen

Tatsächlich wundern sich Beobachter in Moskau über das seltsame Vorgehen russischer Behörden in dem Fall. Denn noch immer hat die "Arctic Sea" keinen Hafen angelaufen, noch immer befindet sich ein Teil der Besatzung an Bord, darunter der Kapitän. Am 18. September verfassten die Männer ein Bittschreiben an den russischen Generalstaatsanwalt Jurij Tschaika, er möge sich für ihre baldige Heimkehr einsetzen.

Doch auf dem Schiff mangelte es an Kommunikationsmitteln, die mutmaßlichen Piraten hatten Funk- und Navigationsgeräte zerstört. Deshalb wandten sich die Seeleute an einen Staatsanwalt mit der Bitte um Übermittlung. Bevor er das Schiff verließ, lehnte er das Anliegen jedoch barsch ab und raunzte, er sei "kein Postbote".

"Bemerkenswert ist auch", sagt Konstantin Baranowski, "dass sich die Anklage offiziell zunächst nur auf einen Artikel in der Zeitung 'Rossiskaja Gaseta' berief." Baranowski, 32, wurde als Pflichtverteidiger für Dmitrij Bartenew berufen, auch er wird der Piraterie verdächtigt.

Berühmtes Gefängnis

Seit Stunden harrt der schmächtige Anwalt nun schon vor dem roten Stahltor des berüchtigten Lefortowo-Gefängnisses aus. Er hofft, dass man ihn endlich zu seinem Mandanten vorlässt. In dem ehemaligen Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes KGB saßen schon prominente Untersuchungshäftlinge, beispielsweise der in Ungnade gefallene Oligarch Michail Chodorkowski.

"Manchmal warte ich hier den ganzen Tag vergeblich", sagt Baranowski und zieht die schwarze Schirmmütze tiefer ins Gesicht. Dann erzählt er mit müdem Blick die Version des Verschwindens der "Arctic Sea", wie sie die Inhaftierten verbreiten. "Dmitrij und die anderen sind Umweltschützer, deshalb sind sie in ihrem Motorboot auf die Ostsee gefahren." Aus einem aufkommenden Sturm habe sie die "Arctic Sea" aus Seenot gerettet - in der Folge sei man zu Trinkgenossen der Besatzung geworden.

Besatzungsmitglieder weisen diese Darstellung zurück. Nach ihren Angaben sollen die Kidnapper in schwarzen Masken und schwarzen Kampfanzügen das Schiff gekapert und die Besatzung mit alten Gewehren und Waffen des Typs AK-47 bedroht haben. Auf Bildern, die das federführende "Ermittlungskomitee bei der Staatsanwaltschaft" veröffentlichte, sind sogar Einschusslöcher an Bord zu sehen - Folge eines Schusses auf den Kapitän, behauptet ein Seemann.

Auch Baranowski mag nicht sagen, welcher Umweltschutz-Organisation sein Mandant denn eigentlich angehört hätte. "Anwaltsgeheimnis", sagt Baranowski. "Ich weiß, es hört sich komisch an: Acht erwachsene Männer, die sich in ein Schlauchboot setzen und aufs Meer hinaus fahren", sagt der Anwalt. "Auf der anderen Seite habe ich noch nie von Verbrechern gehört, die Holzbretter stehlen wollten."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.