Sorry, aber der Bulli-Kult ist völlig außer Kontrolle geraten

Dieser Beitrag wurde am 14.06.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Als Teenies sind viele von uns mit ihren Eltern im Wohnmobil in den Süden gefahren – nach Italien, Kroatien, Frankreich. Die Fahrt dauerte etwa einen Tag, man lag auf der Rückbank und hat sehr viel geschlafen und sich gelegentlich beschwert. "Sind wir schon da?" Viel lieber wären wir mit den Freunden nach Lloret geballert, statt in der muffigen Kabine unsere Sommerferien zu verbringen.  

Was wir damals noch nicht ahnten: Wenige Jahre später ist der Bulli-Kult außer Kontrolle geraten. 

Für den wohlhabenderen Millennial (kein Geld für ein Eigenheim, wohl aber für ein fahrendes 90cm-Klappbett) ist der personalisierte Kleinbus nach dem moralischen Tod der Avocado DAS Statussymbol. Das spießige Wohnmobil 2.0 vereint den Wunsch nach Freiheit, Natur und Reisen mit der Sicherheit, nie so wirklich weit weg von der eigenen Wohnung zu müssen und möglichst selten mit fremden Menschen oder nicht selbst zubereiteten Speisen in Berührung zu kommen. 

Jede Kleinigkeit wird bei Instagram dokumentiert: Die Zubereitung des handgepflückten Löwenzahnsalats vom Straßenrand, der Reifenwechsel oder die nackten Füße auf dem Amaturenbrett – weichgezeichnet vom malerischen Sonnenuntergang über der A5. Hashtag "#Vanlife" dazu und man reiht sich in die 5,2 Millionen anderen Posts  ein wie ein einzelner Bulli im Stau vor dem Gotthard-Tunnel.

Da die Busse von VW gerade so begehrt sind, wird gerade selbst jeder schimmlige Kastenwagen aus dem Nachlass von kettenrauchenden Schrotthändlern zum "Sammlerstück" für "Bastler". Für den Preis eines durchschnittlichen Original-Bullis könnte man auch in Richtung Südostasien auswandern, zwei Jahre Sabbatical nehmen oder einen alten Bauernhof in Sachsen kaufen. 

Vor allem aber kann man sich – nach dem Studium von Design-Magazinen und YouTube-Tutorials – kreativ austoben. Eine kupferfarbene Wasserfalldusche? Kein Problem! Handgeschmirgelte Staufächer für den E-Scooter? Na logo! Heb einfach den Kleiderschrank an, schiebe den Tisch zur Seite, den Flatscreen klappst du nach unten und schon kannst du, allerdings nur auf den Zehenspitzen, in das Fach greifen! Jeder Arbeitsschritt wird online dokumentiert und von der Bulli-Community eifrig beklatscht. #customize

Und oh ja, wie sehr man sich darüber austauschen kann! Von den Fenstern ("Isolierfenster oder Schiebefenster?") über Sonnenschutz ("Hand-Markise oder E-Markise?") bis zur Stromversorgung ("Eine Batterie? Zwei? Strom aus einer kleinen Solaranlage?"). 

Was seltener gezeigt wird? Die Realität. Etwa wie Besitzerinnen eines Bullis mangels Lokus in den Wald hocken, um ihr Geschäft zu erledigen. Oder wie die Nobelschröders  ihre miefige Chemietoilette ausleeren. 

Und weil inzwischen jeder Gauner mitbekommen hat, wie sehr Millennials auf die Schrottmühlen abfahren, muss man jeden rostigen Kleinbus sichern wie einen Goldschatz. Weil er einem sonst nach 1,5 Stunden am Straßenrand weggeklaut wird. Also muss ein Garagenplatz her – anschließend noch Parkkralle und Lenkradschloss dran, dann alle Türschlösser dreimal checken. 

In der Zeit wärst du schon längst wieder am See. Ach nee, du fährst ja nen Bulli und der schafft nur 30 km/h auf der Autobahn. Und schluckt dabei genau so viele Liter Benzin.


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