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Suche nach Wiesn-Wirt: Der Kampf ums Hippodrom

Foto: Felix Hörhager/ dpa

Wahl von neuem Wiesn-Wirt Wer wird Millionär?

Auf dem Oktoberfest wird ein Traumjob frei: Das Promi-Zelt Hippodrom braucht einen neuen Wirt, weil der alte Steuern hinterzogen hat. Nun entscheidet der Stadtrat, welcher Gastronom in den Wirte-Olymp aufsteigt. Dort herrscht helle Aufregung.

Noch begehrter und härter umkämpft als der Job des Landesvaters oder eine Dauerkarte in der Allianz-Arena ist in München nur eines: ein Bierzelt auf dem Oktoberfest. Um den feierwütigen Menschenmassen das Erleben und Überleben im Zelt möglich zu machen, müssen die Wirte eine logistische Meisterleistung vollbringen. Entschädigt werden sie durch das Geschäft ihres Lebens.

Der Handel mit dem Rausch bringt den Zeltbetreibern laut einer Studie der Münchner Tourismusbehörde 120 Millionen Umsatz pro Oktoberfest ein. Die wohlhabenden Mitglieder der "Vereinigung der Wiesnwirte" sind nicht nur die folkloristischen Aushängeschilder der Stadt, sondern auch Teil eines exklusiven Zirkels, Mitglieder einer verschworenen Gemeinschaft.

Doch nun bebt diese Gemeinschaft: Das Hippodrom, eines der ältesten Münchner Oktoberfest-Zelte, sucht einen neuen Wirt. Der alte Wirt Sepp Krätz wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt, er erhielt neben einer Geldstrafe 22 Monate Haft auf Bewährung, woraufhin ihm die Stadt die Lizenz entzog.

Die Maßkrüge, mit denen sich die aufgebrezelte ABC-Prominenz im Hippodrom gerne zuprostet, wird diesen Oktober jemand anderes füllen. Am Montag entscheidet der Wirtschaftsausschuss des Münchner Stadtrats, wer in die Gruppe der selbsternannten "Päpste der Gastronomie" aufsteigen wird.

Seltener Wechsel

Nun ist die Aufregung groß. Lokalzeitungen berichten beinahe täglich über mutmaßliche Mauscheleien. Harte Diskussionen und eine Entscheidung, die "so noch selten in der Geschichte des Oktoberfests" getroffen wurde, erwartet SPD-Stadtrat Alexander Reissl am Montag.

Das Bewertungssystem, mit dem die Stadt über die Zulassung zur Wiesn entscheidet, wurde 1980 vom Stadtrat beschlossen und 2007 das letzte Mal aktualisiert. Es gehört zu den bestgehütetsten Geheimnissen der Stadt. "Dieses Jahr haben wir besonders gründlich geprüft", sagt Dieter Reiter, der noch bis Ende nächster Woche Referatsleiter des Amtes für Arbeit und Wirtschaft und damit Wiesn-Chef ist, bevor er am 2. Mai das Amt des Münchner Oberbürgermeisters antritt.

20 Bewerber gab es dieses Jahr für die fünf Zeltplätze, die die Stadt München jedes Jahr an freie Wirte vergibt. Bei vier Plätzen allerdings werden die Zuschläge wie in jedem Jahr an die alteingesessenen Bewerber gehen. Nur ihnen gelingt es, die strengen Kriterien zu erfüllen. Wichtigste Kategorie im Bewertungssystem: "Erfahrung als Wiesn-Wirt". Ein Wechsel innerhalb der handverlesenen Riege der Wiesn-Wirte kommt nur alle paar Jahrzehnte vor. Platz Nummer fünf aber, das Hippodrom, ist nun tatsächlich vakant.

Reiter will weder "bestätigen noch dementieren", dass der Gastronom Siegfried Able die meisten Punkte bekommen hat und somit am Montag dem Stadtrat als neuer Wiesn-Wirt vorgeschlagen wird. Able betrieb auf den Oktoberfesten der letzten Jahre mehrere Imbissbuden und ein kleines, "Kalbskuchl" genanntes Zelt. Außerdem gehört ihm in München ein Biergarten und im Winter eine Schlittschuhbahn am Stachus.

Im Kreise der alteingesessenen Wiesn-Wirte wird Able als "Kiosk-Betreiber" verspottet. Ihr Favorit wäre wohl der im Punktesystem offenbar zweitplatzierte Wirt Lorenz Stiftl gewesen, der die Traditionswirtschaft "Spöckmeier" beim Münchner Rathaus betreibt.

Verschwörungstheorien blühen

Offiziell will von den Wiesn-Wirten niemand mit der Presse sprechen, aber hinter vorgehaltener Hand kursieren abenteuerliche Verschwörungstheorien. Es heißt, Able habe schon im November den Bau eines Zelts in Auftrag gegeben, also zu einem Zeitpunkt, da weder die Punkte ausgezählt noch Sepp Krätz verurteilt war. Und er soll schon seit Monaten Bedienungen aus anderen Zelten abwerben. Zudem sollen seine Bewerbungsunterlagen perfekt auf die Anforderungen der Stadt gepasst haben - die muss ihm womöglich jemand verraten haben!

Siegfried Able will sich vor Montag nicht zu den Vorwürfen äußern. Als sicher gilt aber: Er hat sich zum Stichtag Ende Dezember 2013 nur für ein großes Wiesn-Zelt beworben. Die kleine "Kalbskuchl" schickte Able gar nicht erst ins Rennen. Das lässt Verschwörungstheoretiker glauben, Able habe schon lange vor dem offiziellen Punktezählen die Zusage für ein Wiesn-Zelt in der Tasche gehabt.

Wiesn-Chef und SPD-Mann Dieter Reiter bezeichnet die angebliche Vorzugsbehandlung Ables als "völligen Nonsens". Die Beweise der Klatschpresse für angebliche Mauscheleien seien frei erfunden: "Weder bin ich persönlich mit Siegfried Able befreundet, noch ist der Mann mit der stellvertretenden Oberbürgermeisterin verwandt." Auch die kolportierte Verbindung, Able habe Weihnachtsfeiern der SPD ausgerichtet, dementiert Reiter deutlich: Er könne sich nicht erinnern, "je auf einer SPD-Weihnachtsfeier gewesen zu sein, die Able organisiert haben soll".

Der Machtkampf zwischen den Chefwirten von der Wiesn und dem Wiesn-Chef aus der Stadtverwaltung spaltet auch den Münchner Stadtrat. Vielen Mitgliedern des Wirtschaftsausschusses missfällt, dass der neue Wirt offenbar nicht vorhat, seinem Vorgänger das Hippodrom abzukaufen. Able will ein eigenes Zelt aufstellen lassen, das laut Recherchen des "Münchner Merkurs" "Marstall" heißen soll. Damit wäre die 111-jährige Geschichte des Hippodroms, in dessen Mitte noch bis in die siebziger Jahre ein Reitparcours aufgebaut war, beendet. Die Reservierungen im Hippodrom für das kommende Oktoberfest wären hinfällig.

Kampf für das Hippodrom

Von Lorenz Stiftl, der wohl Zweitplatzierte, der sich ebenfalls nicht vor Montag öffentlich äußern möchte, heißt es, er wollte Sepp Krätz das Hippodrom abkaufen. Denn das Zelt ist sein Eigentum, er erwarb es 1995 von seiner Vorgängerin.

SPD-Stadrat Alexander Reissl hält Able und Stiftl beide für "gleich gut qualifiziert". Es könnte eine spannende Diskussion geben am Montag. Reissl weist allerdings darauf hin: "Das Punktesystem garantiert, dass das Vergabeverfahren rechtssicher ist." Entscheidet sich der Stadtrat nicht für Able, sondern für einen Kandidaten mit weniger Punkten, könnte Able vor Gericht ziehen. Der nach Punkten Beste hätte, so Reissl, "gute Chancen, zu gewinnen".

Mitte Juli beginnt auf der Theresienwiese bereits der Aufbau der Wiesn-Zelte. Käme es zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung um die Vergabe der Lizenzen, würde der Zeltplatz direkt hinter dem Haupteingang womöglich unbesetzt bleiben. Der Stadtrat hat am Montag, strenggenommen, gar keine andere Wahl, als das Votum aus der Verwaltung abzunicken.

Damit wollen sich die Hippodrom-Fans freilich nicht abfinden. Eine laut Münchner Medienberichten von Sepp Krätz und seiner Familie initiierte und an den Stadtrat gerichtete Online-Petition  fordert: "Das Hippodrom darf nicht sterben". Die Tradition werde von Dieter Reiter "mit Füßen getreten und den Münchnern und Gästen ein Kulturgut und eine Heimat geraubt", heißt es in der Petition. 6500 Unterstützer haben die Petition unterzeichnet, allerdings erheben auch einige Kritiker ihre Stimme. Mit dem alten Hippodrom habe die heutige Promi-Bude schon lange nichts mehr zu tun: "Die Wiesn ist ein gemütliches Bierfest und kein Prickelwasser-Schaulaufen der deutschen C-Prominenz sowie den Neu-Münchner Möchtegerns."

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