Zur Ausgabe
Artikel 105 / 165
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SEXUALITÄT Wahrheit in der Raserei

Frankreich hat, nach dem allgegenwärtigen Houellebecq, einen neuen kontroversen Literaturstar: Christine Angot. Sie schockt die Gesellschaft mit ungewöhnlich heftigen Enthüllungen über lesbische und inzestuöse Leidenschaften.
Von Romain Leick
aus DER SPIEGEL 12/2001

Sie gilt als die gefährlichste Autorin Frankreichs: eine schmale Frau mit wachen dunkelbraunen Augen, eine allein erziehende Mutter, die ihre Bücher der inzwischen acht Jahre alten Tochter Léonore widmet, sogar das, was sie ihr lieber nicht widmen sollte.

Christine Angot, 42, freundlich und verschmitzt, hält sich für explosiv. Sie macht Angst, manchmal sogar sich selbst, natürlich nur, wenn sie schreibt und dabei alle Verbote missachtet und auf ungeahnte Wahrheiten stößt. Oder vielleicht doch auch im wirklichen Leben, obwohl dieses, wie das jeder Mutter, aus banal geordneten Tätigkeiten besteht, etwa das Kind zum Tanzunterricht bringen?

Die Frage stellt sich im Grunde nicht, denn die Autorin Angot, die seit Beginn ihrer Karriere 1990 zehn Bücher veröffentlicht hat, kennt anscheinend nur ein Thema: Christine Angot. »Sujet Angot« heißt bezeichnenderweise einer ihrer Romane.

Jetzt ist ihr erstes Werk auf Deutsch erschienen, jener Schocker, der im Herbst 1999 in Frankreich mit 50 000 Exemplaren einen mittleren Bestseller-Erfolg erzielte und einen noch viel größeren Skandal verursachte: »Inzest"**. Das war ein Jahr nach der Aufregung um das Phänomen Michel Houellebecq und seine »Elementarteilchen«. Nun schien eine Frau zu versuchen, mit roher Erotik, hemmungslosem Narzissmus und schwärzester Verzweiflung in ähnlicher Weise zu provozieren. Die Missverständnisse, die sie damit auslöste, machten sie schlagartig berühmt oder vielmehr berüchtigt. Sie veränderten auch ihr Leben, denn Christine Angot musste Montpellier verlassen, die Stadt, in der sie damals wohnte.

Die Anprangerung und die Flucht nach Paris machte sie zum Thema ihres nächsten Buches ("Quitter la ville") - eine grotesk- komische und zugleich bittere Beschreibung der etablierten Literaturszene mit ihren Ritualen und Machtkämpfen, aber auch der gesellschaftlichen Ächtung einer Tabubrecherin.

»Drei Monate lang war ich homosexuell. Genauer, drei Monate lang, glaubte ich, dazu verurteilt zu sein.« So beginnt sie »Inzest«, als wäre Homosexualität eine Krankheit wie Aids: »Mich hatte es tatsächlich erwischt, ich machte mir keine Illusionen. Der Test bestätigte es.«

Drei Monate kämpfte sie gegen das tödliche Leiden, das sie gepackt hatte, gegen den »Prozeß, meines Untergangs«. Mit eigenwilliger Setzung der Kommata ("kleine Schwänze") vermehrt sie die Nuancen, Doppeldeutigkeiten und Anspielungen - zum Beispiel auf Kafkas »Prozeß«.

Es ist zugleich ein Kampf gegen das Versinken in den Wahnsinn, denn die Ich-Erzählerin ist wie eine Trinkerin abhängig geworden von ihrer Partnerin Marie-Christine - eine zehn Jahre ältere Ärztin, die sie bei jeder Begegnung »kraft der Blicke« unterwirft. Jedes Mal sagt sie sich, nun sei es das letzte Mal gewesen, und gleich einem Alkoholiker, der zum nächsten Glas greift, weil er nicht anders kann, ruft sie alsbald wieder bei der Geliebten an, die sie doch eigentlich gar nicht liebt, denn »im Grunde meiner selbst bin ich hetero geblieben«.

Sie verfolgt die Freundin (die keine ist) am Telefon, mehrmals pro Stunde, Tag und Nacht, droht und bettelt, bricht mit ihr und kommt nicht los. »Ich bleibe anfällig. Ihr Blick ist ungeheuerlich.« Natürlich nur für sie.

Die bedrängte Ärztin will selber Schluss machen, erklärt Christine für verrückt. Die erwidert, dass die andere feige sei: »Unausgeglichenheit macht mir keine Angst, es gibt andere, die das nicht aushalten. Darunter sie. Leute wie sie. Leute, die Grenzen haben. Ich habe keine.«

Natürlich gibt es krude Sex-Szenen: »Eines Tages hatten wir uns schließlich ausgezogen. Sie sagte zu mir ,berühr mich'' ... Niemals könnte ich das ... Nun gut, ich habe meinen Finger reingesteckt. Als ich fühlte, wie glitschig das war! Ich zog meine Hand zurück.«

Aber Christine Angot ist weit von Pornografie entfernt, anders als etwa ihre mehrere Klassen unter ihr spielende Kol-

legin Virginie Despentes. Die Verfilmung von deren Buch »Baise-moi« (Fick mich) rief sogar die Zensur auf den Plan. Dieses Buch handelt nicht von Begierde, Homo- oder Heterosexualität, auch nicht wirklich von Inzest. Es ist - wie andere Werke von Christine Angot - ein Buch über die Macht, die sich überall verbirgt und alles verbiegt, eine Kritik der Gesellschaft mit ihrer Entfremdung, ein Lüften der Normalität, um dahinter die Lügen der Konventionen sichtbar zu machen.

Natürlich schöpft die verstörende und deshalb bedrohliche Madame Angot aus ihrer Biografie. Welcher Schriftsteller tut das nicht? Aber die voyeuristische Frage, mit der sie ständig konfrontiert wird - »Haben Sie das wirklich gemacht? Ist das tatsächlich passiert?« -, bleibt unerheblich.

Denn Christine Angot legt kein »beschissenes Zeugnis« ab, obwohl sie weiß, dass es unweigerlich so verstanden werden wird. Sie denunziert keine Schuldigen und posiert nicht als Opfer. Das wäre leicht gewesen, eine Zeichnung in Schwarz und Weiß, Gut und Böse hätte ihr falsches Mitleid eingebracht, in Wirklichkeit niemanden aufgeschreckt und, wie sie erklärt, »das Gesetz des Schweigens nicht gebrochen«. Die binäre Logik, die alles einordnet und dadurch verharmlost, möchte sie durch ihr Schreiben außer Kraft setzen.

Als sie 14 war, hat Christine Angot - oder ihre Erzählerin, oder beide - zum ersten Mal ihren Vater kennen gelernt, in Begleitung ihrer Mutter, im Straßburger Bahnhofsrestaurant. Der Mann, verheiratet und zwei Kinder, hatte bis dahin Christine nicht anerkannt und ihre Existenz vor seiner Familie verschwiegen.

Und jetzt: »Ich fand ihn so klasse. Ich, die ich keinen Vater hatte, den ich meinen Freundinnen hätte vorstellen können, plötzlich konnte ich hingehen und ihnen erzählen, wie großartig er war.« Denn dieser Vater, der so spät ohne Entschuldigung in ihr Leben eintrat, war Übersetzer und Linguist, sprach 30 Sprachen und verfügte über eine unermessliche Bildung sowie äußerst elegante Manieren.

Eine Woche nach dieser Begegnung passierte es bei einem Besuch im Hotel: »Er kam in mein Zimmer, um gute Nacht zu sagen, und da küsste er mich auf den Mund. Schon allein das, die Entdeckung des Kusses auf den Mund, und dann tat er es mir an. Ich verstand es nicht, ich verstand es sehr gut, ich glaubte es nicht.«

Wie viele Jahre später in der zerstörerischen Beziehung mit der Ärztin Marie-Christine kämpft sie zwei Jahre lang gegen die inzestuöse Liaison an. Immer wieder bittet sie ihn aufzuhören, sagt ihm, dass sie ihn nur wieder sehen wolle, wenn er sie nicht anrühre, dass sie Angst habe, Störungen zu bekommen. Der Vater sichert bereitwillig alles zu und tut es dann doch.

Und wieder wird das Unsägliche, das Unerträgliche beschrieben, nüchtern und heftig zugleich. Anale Penetration, Fellatio im Beichtstuhl einer Kirche in Savoyen, »gebeugt über das Geschlecht meines Vaters, der dort dann doch nicht ejakulieren wollte, weshalb ich es im Wagen zu Ende bringen musste«. Oder: »Er legt Clementinen auf sein Geschlecht, damit ich sie davon abesse.« Der Vater weist sie zurecht wie ein dummes Kind und umschmeichelt sie wie eine wunderbare Geliebte, lobt ihre zarte Haut, ihre Brüste, die wie

Orangen seien. »Du wirst sehr schöne Männer haben können.«

Perversion, definierte der berühmte französische Psychoanalytiker Jacques Lacan, ist »la version du père«, die Version des Vaters. Die Autorin Angot entschuldigt sich beim stets in die Handlung miteinbezogenen Leser, der dadurch keine Chance einer eindeutigen Interpretation mehr hat: »Es tut mir Leid, Ihnen das alles erzählen zu müssen, ich würde Ihnen so gerne etwas anderes erzählen können. Aber genau das ist es, warum ich verrückt geworden bin.«

Ihr Schreiben, das sie lieber als »Ergreifen des Wortes« bezeichnet, wie ein Schauspieler auf der Theaterbühne, ist für sie eine Abwehr des Wahnsinns, eine Art Schutzwall: »Ich habe ja schon ein Wahnsinnsglück, Schriftstellerin zu sein, wenigstens diese Möglichkeit.«

Und so öffnet sie die Schleusen in sich, um die Wahrheit herauszulassen, die jenseits von Realität und Fiktion liegt, in einem inneren Monolog von der Wucht eines schäumenden Wildwassers und in einer Sprache, die zuweilen an den von ihr bewunderten Louis-Ferdinand Céline erinnert: »Céline hat die Emotion im geschriebenen Stil wieder sichtbar gemacht.« Auch Angot möchte Sprache inkarnieren, ihr Stil ist ihr Körper, ihr Atem, ihr Schmerz, ihr Zorn - also ihr Leben.

Das Dumme an so viel gewalttätigem Talent ist nur, dass die nach Liebe heischende Schriftstellerin Christine Angot keine Gegenliebe findet, gewiss nicht beim Publikum, allenfalls Faszination. Ihr »Inzest« hat sie notorisch gemacht, aber man mag die Leute nicht, die gelitten haben, man bedauert sie. Man mag auch die Verrückten nicht, man bedauert sie. »Man will keine Irrenanstalt in der Nachbarschaft haben. Das ist normal, ich verstehe das gut.«

Deshalb muss sie wieder büßen, diesmal zweifelsfrei in der Realität. In Montpellier, einer Universitätsstadt von 225 000 Einwohnern, wird die lesbische Ärztin Marie-Christine rasch unter ihrem richtigen Namen identifiziert, ebenso ihre im Buch nicht gerade schmeichelhaft figurierende Cousine aus der Welt des Films. Vater Pierre Angot leidet unter Alzheimer, er hat alles vergessen, zum Glück, könnte man meinen, und stirbt zwei Monate später.

Der Störenfried Angot wird gemieden. Man grüßt sie nicht mehr auf der Straße.

Wenn sie ein Café betritt, rücken die Gäste ab. Leserbriefe verlangten ihre »Internierung«. Von den ausschließlich weibli-

chen Juroren des Prix Femina droht die Hälfte mit Rücktritt, falls sie die Auszeichnung bekommen sollte.

Nach dem tumultartigen Start von »L''inceste« im September 1999 verkauft der Verlag täglich 1500 Exemplare . Das Fernsehen bittet die Autorin in Talkshows und Kultursendungen, etwa in das angesehene »Bouillon de culture« von Bernard Pivot. Aber da ist gleich »die Kacke am Dampfen«; provoziert, reagiert sie aggressiv, eine richtige »garce«, eine Verrückte eben. Einen Teilnehmer vom Großverlag Gallimard erklärt sie für eine Null, er hatte früher mal ein Manuskript von ihr abgelehnt. Ein andermal verlässt sie die Runde vor dem Ende, weil sie die »Verlogenheit« nicht erträgt.

Ein Star war geboren, aber um welchen Preis. Kurzum: »Der unerbittlichste Schriftsteller von Montpellier«, so ein Kritiker, musste die Stadt mit rauchendem Colt wie ein Western-Bösewicht verlassen, Léonores Vater, Großeltern und Schulfreunde zurücklassend.

In Paris lebt sie mit Léonore zwar nicht in Acht und Bann, aber einsam in der Menge, es fällt ihr schwer, sich Gehör zu verschaffen. Denn im Literaturbetrieb herrscht »das Schweigen der Gekauften, die Selbstzensur des eigenen Denkens«.

Sie fängt schon wieder an, Christine Angot. Hat sie vielleicht wirklich Paranoia? Das kann doch nicht sein, diese freundlich lächelnde Frau mit den blitzenden Augen, mit dem hübschen, artigen und aufgeweckten Kind, sie wirkt doch völlig normal. Wie wir alle. Oder?

Im Buch endet sie wie ein Hund: »Dumm sind sie, die Hunde, du lässt sie einen Plastikknochen lutschen, und dumm wie sie sind, die Hunde, glauben sie dir. Sie sehen nicht einmal, was sie lutschen.« Wirklich, wie wir alle, aber da es furchtbar ist, ein Hund zu sein, will das niemand einsehen. ROMAIN LEICK

* »Homo Faber« von Volker Schlöndorff, mit July Delpy, SamShepard, 1991.** Christine Angot: »Inzest«. Aus dem Französischen vonChristian Ruzicska und Colette Demoncy. Tropen Verlag, Köln; 192Seiten; 32 Mark.* John-Ford-Stück »Schade, dass sie eine Hure ist«, mit HaraldSchrott, Regine Zimmermann im Maxim-Gorki-Theater Berlin, 1999.* »Herzflimmern« von Louis Malle, mit Gila von Weitershausen,Benoît Ferreux, 1971.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 105 / 165
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel