Waldbrände in Kalifornien "Es sieht aus wie das Ende der Welt"

Rauch, Flammen, sengende Hitze: In Kalifornien kämpfen Tausende Einsatzkräfte gegen die gigantische Feuersbrunst. Die deutsche Familie Jordan steckt mitten im Alptraum. Vor fünf Monaten sind sie in die USA ausgewandert, jetzt bangen sie um ihr neues Zuhause.
Von Mikaela Wolf

Los Angeles - Die Tasche mit den wichtigen Papieren steht griffbereit an der Tür. Darin stecken das Hochzeitsalbum, Familienfotos, ein Stoffbär und die Medizin für Kinny, den Schäferhund. Tanja Jordan und ihr Mann Herbert sind auf das Schlimmste gefasst. Darauf, dass sie doch noch evakuiert werden und sich ihr US-Traum in einen Alptraum verwandelt.

Das deutsche Ehepaar wohnt im kalifornischen Irvine, 50 Kilometer südlich von Los Angeles. Und Irvine brennt. Von ihrem Wohnzimmer aus konnte Tanja Jordan tagelang die Flammen sehen, erst weit weg im Gebirge, dann plötzlich direkt vor der Stadt. "Wir fragten sofort unsere Nachbarn, ob wir lieber das Apartment verlassen sollen", erzählt die ehemalige Chefsekretärin. "Aber die haben erst mal abgewunken und sind ganz ruhig zum Essen gefahren."

Heute ist niemand mehr auf der Straße. Die Polizei hat die Bewohner der Nachbarschaft aufgefordert, in ihren Wohnungen zu bleiben. Bloß nicht rausgehen. Bloß keine Türen, keine Fenster öffnen. Die Jordans haben sich daran gehalten. Trotzdem liegt ihre Einrichtung unter einer dicken Staubschicht. "American Engineering", scherzt Herbert Jordan etwas gezwungen. Die Flammen sind einer enormen Rauchwolke gewichen, die Fenster haben den Ruß nicht draußen halten können.

Vor fünf Monaten wanderte das Ehepaar aus Schacht-Audorf (Schleswig-Holstein) nach Kalifornien aus, in den US-Bundesstaat, der sich selbst den "goldenen" nennt. Die beiden hatten in der Greencard-Lotterie gewonnen und wollten in der Sonne leben. "Wir hatten durchaus Angst vor Erdbeben", sagt Tanja Jordan. "Aber auf so etwas waren wir nicht vorbereitet." Das Atmen fällt ihr schwer. "Meine Lunge tut mir richtig weh", erzählt die 37-Jährige. "Auch meine Arbeitskollegen klagen über Atembeschwerden. Wir werden uns wohl noch richtige Mundschutz-Masken zulegen." Bisher muss ein Baumwollkopftuch herhalten, das sie sich vor Mund und Nase gebunden haben. Ihre Kleidung stinkt nach Rauch. Aber die beiden sind froh, dass es sie nicht schlimmer erwischt hat. Bisher.

"Mein Arbeitskollege Joe wollte am Donnerstag in sein neues Haus hier in Irvine einziehen", erzählt Tanja. "Als die Flammen immer näher kamen, wollte er nach dem Haus sehen. Doch die Polizei hatte alles abgesperrt. Erst einen Tag später kam die Entwarnung." Die Mutter ihrer Nachbarin Christel hatte weniger Glück. Sie musste ihr Haus verlassen und ist nun bei ihrer Tochter untergekommen. Niemand weiß, ob das Haus noch steht.

Und keiner kann sagen, wann die Gefahr vorüber sein wird. Die Feuerwehr von Orange County, dem Gebiet südlich von Los Angeles, rechnet damit, das Feuer in 15 Tagen gelöscht zu haben. 15 Tage - wenn nicht ständig neue Brandherde entstehen. Denn es sind die teuflischen Santa-Ana-Winde, warme und trockene Wüstenwinde, die sich immer wieder völlig unberechenbar drehen und die Flammen von einer Richtung in die nächste peitschen. Bis zu 130 Stundenkilometer schnell.

Zu den Winden kommt die sengende Hitze. Es herrschen 35 Grad Celsius, bei einer Luftfeuchtigkeit von vier Prozent. Es regnet, doch kein Wassertropfen berührt den ausgetrockneten Boden. Stattdessen bedeckt eine dicke Schmutzschicht Autos, Häuser, Bürgersteige. Die Menschen hoffen, dass kein Funke herübergeweht wird.

"Wir haben hier den perfekten Feuersturm"

Christy Jackson war auf dem Weg von Los Angeles zu ihrer Mutter in San Clemente, als sie in den Ascheregen bei Irvine geriet. Sie hielt kurz bei Freunden, um nach ihnen zu sehen. "Es war unglaublich, meine Augen brannten, als ich wieder ins Auto stieg", so die 33-Jährige. "Mein ganzes Gesicht war fast grau. Wir sahen aus, als wären wir im 'Desert Storm' gewesen." Sie fuhr weiter Richtung Süden. San Clemente liegt genau zwischen den Feuern in Irvine und San Diego und blieb von den Flammen bisher verschont.

Es ist die Küstenstadt San Diego, die es am härtesten getroffen hat. Wieder einmal. Schon 2003 verschlangen die Flammen hier Häuser, Bäume. Damals starben 23 Menschen - die Einsatzkräfte waren nicht auf das Ausmaß der Katastrophe vorbereitet. Auch heute können sie nichts gegen die Übermacht der Flammen ausrichten. "Wir haben hier den perfekten Feuersturm", sagte Ron Roberts, San Diego County Supervisor, der Zeitung "Daily Breeze". "Wir sind weit davon entfernt, ihn unter Kontrolle zu bekommen, wenn man sich die Winde anschaut."

Die Feuerwehr ist längst überfordert, hat Nachbarstaaten um Hilfe gebeten. "Es ist wie in einem nuklearen Winter. Wie Armageddon", sagte San-Diego-Feuerwehrmann Mitch Mendler der "Los Angeles Times", "es sieht aus wie das Ende der Welt". Sein Einsatzleiter John Tomson fürchtet, dass sich das Feuer durch San Diego bis an den Pazifik frisst, wenn der Wind nicht abflaut. "Wir werden das Feuer nicht stoppen", sagte er. "Ich hab keine Ahnung, wo der Hauptherd zurzeit ist. Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt jemand weiß."

Zurzeit brennen 17 Feuer in Südkalifornien. Von San Diego bis Malibu, 150 Meilen entlang der Pazifikküste. Über 900 Häuser wurden bereits völlig zerstört, über 90.000 Hektar Land. Allein in San Diego mussten mehr als eine halbe Million Menschen ihr Zuhause verlassen und in Notunterkünfte flüchten. Kliniken und Gefängnisse werden evakuiert. Wildpferde, Kojoten und Waschbären flüchten vor den Flammen immer näher an Wohngebiete.

"Es ist eine tragische Zeit für Kalifornien", sagte Governeur Arnold Schwarzenegger, der den Notstand ausgerufen hat und erst eine abgebrannte Kirche in Malibu besuchte, bevor er durch das Football-Stadion in San Diego stampfte und viele Hände schüttelte. 10.000 Evakuierte haben hier Unterschlupf gefunden. Viele sitzen draußen auf dem Parkplatz mit ihren Haustieren, die nicht ins Stadion dürfen.

Die Menschen versuchen, tapfer zu sein. Sie kennen diese Art von Gefahr. "Wir haben das schon mal durchgemacht", erzählt Karen Royer aus Foothill Ranch in Orange County, "Ich glaube an Gott, und ich weiß, dass alles gut wird." Minuten später zieht eine tiefschwarze Rauchwolke über das Gebiet. "Kann ich das zurücknehmen? Jetzt habe ich Angst."

Nicht kampflos aufgeben

Viele Bewohner der Krisengebiete wollen ihre Häuser aber nicht kampflos aufgeben, bewaffnen sich mit Gartenschläuchen und behindern so sogar die Arbeit der Feuerwehr. In Fallbrook schauten sich zahlreiche Anwohner das Feuer an, statt, wie von der Polizei aufgefordert, das Gebiet zu verlassen. Als die Flammen dann immer näher kamen, brach Panik aus. Statt den Brand zu bekämpfen, mussten die Feuerwehrmänner der fünf angerückten Löschfahrzeuge erst einmal die Menschen in Sicherheit bringen.

In der Promi-Metropole Malibu räumten Stars wie Mel Gibson, Victoria Principal und Kelsey Grammer ihre Villen. Nur wenige Kilometer weiter, in den anderen Stadtteilen von Los Angeles wie Hollywood, West Hollywood und Beverly Hills ist von der ganzen Katastrophe nichts zu spüren. Die Menschen gehen ihrem Alltag nach.

An der Kasse eines Supermarktes fragt ein Afroamerikaner im Basketball-Outfit den Kassierer, ob er das Feuer in den Nachrichten gesehen hätte. Ja, klar, antwortet er knapp. Dann scannt er weiter die Coladosen ein. Cool, gelassen, unerschrocken. Im Süden Kaliforniens können die Menschen nur eines tun - warten.

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