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27. Juli 2018, 17:04 Uhr

Waldbrand in Fichtenwalde

Das Inferno nebenan

Aus Fichtenwalde berichtet

Einen Tag lang mussten die Einwohner Fichtenwaldes bangen: Ein Waldbrand bedrohte den Ort bei Potsdam. Nun haben Einsatzkräfte das Feuer unter Kontrolle - doch Funken sind noch immer eine Gefahr.

Es ist schwül und heiß. Seit Tagen steht die Hitze in Fichtenwalde. Wochenlang haben die Wiesen und Wälder rund um die kleine Ortschaft südwestlich von Potsdam kein Wasser gesehen. Als Meike Johannink am Donnerstagnachmittag aus ihrem Fenster sieht, freut sie sich zuerst. Der Himmel über den Kiefern, die an ihr Holzhaus grenzen, hat sich dunkel verfärbt. "Endlich kommt ein Gewitter", denkt die Heilpraktikerin.

Wenig später fällt ihr ein merkwürdiges Detail auf: Aschefetzen fliegen in ihren Garten, der Himmel leuchtet gelblich. Als die 52-Jährige das Fenster öffnet, riecht es, als ob ein Nachbar einen großen Ofen befeuern würde. Es brennt - und zwar nur einige hundert Meter hinter ihr.

Sofort ruft sie ihren Mann an. Tilo Köhn arbeitet an der Universität Potsdam, seit 2001 ist er Ortsvorsteher von Fichtenwalde. "Alarmier' die Feuerwehr, ich mache mich auf den Weg", sagt er zu seiner Frau. Seit 1995 lebt Köhn am Waldrand. Hinter dem Grundstück erstreckt sich ein riesiger, dichter Kiefernwald. Brände kennen die Menschen hier gut. Doch noch nie ist das Feuer ihren Häusern so nah gekommen.

Waldbrand-Experte: "Für Extremsituationen nicht richtig aufgestellt"

Als Meike Johannink die Feuerwehr alarmiert, sind die Einsatzkräfte bereits mit ersten Löschfahrzeugen unterwegs. An der Autobahn A9 brennt eine Böschung, schnell fressen sich die Flammen durch den Wald. Wegen der Trockenheit breitet sich das Feuer rasant aus. Bald brennen rund 50 Hektar, die dichten Rauchschwaden sind bis nach Potsdam zu sehen und hüllen die Häuser am Waldrand ein. Die Polizei sperrt Teilstücke der A 9 und A10. Das Innenministerium in Potsdam richtet einen Krisenstab ein.

Angela Fromhold-Treu kommt gerade von der Ostsee zurück, als sie von der Autobahn aus die riesige Rauchsäule sieht. Der Verkehr staut sich bereits, Polizisten stehen am Fahrbahnrand. "Wo brennt es denn genau?", fragt sie einen Beamten. "Bei Fichtenwalde, das geht so 400 Meter rein", antwortet er. "Da wohne ich", sagt die 56-Jährige.

An der nächsten Ausfahrt fährt sie ab und nimmt einen anderen Weg zurück. Kaum ist sie zu Hause, wirft sie ihre Urlaubstasche in die Ecke und packt einen neuen Koffer: Geld, Medikamente, wichtige Unterlagen und ein wenig Kleidung. Dann geht es zurück zum Auto. Koffer rein, Hoftor auf. Für den Notfall ist sie gewappnet. Sie ruft ihren Sohn in Potsdam an. Danach bleibt ihr nichts anderes übrig, als zu warten.

Im Nachbarhaus werden nicht nur Koffer, sondern auch Transportboxen bereitgestellt. Meike Johannink und Tilo Köhn haben drei Katzen und einen Hund. Sollte es zu einer Evakuierung kommen, wollen sie ihre Tiere mitnehmen. Bekannte, die gerade nicht zu Hause in Fichtenwalde sind, rufen an. Auch sie haben Katzen und sorgen sich. "Denkt ihr an unsere Tiere, wenn das Feuer näherkommt?", fragen sie. "Selbstverständlich", sagt Johannink.

Unterdessen kämpfen knapp 300 Einsatzkräfte gegen die Flammen - 200 Feuerwehrleute, dazu etwa 80 Polizisten. Nach einigen hundert Metern quert der Europaradweg die vielen Bäume. Hier bauen die Einsatzkräfte eine Wasserfront auf. Von beiden Seiten - von der Autobahn und dem Wald aus - wird das Feuer nun gelöscht. Schnell ist klar, dass der Einsatz die ganze Nacht über dauern wird, Kameraden aus benachbarten Landkreisen werden angefordert.

"Es herrschte eine gespannte Gelassenheit"

Am frühen Abend bemerkt das Ehepaar Johannink-Köhn, dass sich der Rauch verändert. Es qualmt nun nicht mehr grau, sondern weiß. Die Feuerwehr löscht, es gelingt ihr, die Flammen einzudämmen. Doch aufkommender Wind und Weltkriegsmunition im Boden erschweren die Arbeiten, an Ruhe ist für die Anwohner nicht zu denken.

"Es herrschte eine gespannte Gelassenheit", sagt Köhn. Der 59-Jährige ist stolz auf die Einwohner Fichtenwaldes. Die Freiwillige Feuerwehr unterstützte Einsatzkräfte, die sich vor Ort nicht auskannten. Bauern lieferten mit Güllewagen Wassernachschub, Bürger boten einander Schlafplätze an, und der Rest, der nichts ausrichten konnte, blieb ruhig. Mehr als 2900 Einwohner zählt der kleine Ort, 200 bis 300 von ihnen wären von einer Evakuierung betroffen gewesen.

Bei Ortsvorsteher Köhn und seiner Frau klingelt seit Ausbruch des Feuers ständig das Telefon. Aus Fichtenwalde und den umliegenden Orten und Gemeinden kommen pausenlos Hilfsangebote. "Wir sind nicht allein, das war ein sehr schönes Gefühl - trotz der Krisenstimmung", sagt Köhn. Am späten Donnerstagabend gibt es dann für die Bürger eine erste Entwarnung: Vorerst muss Fichtenwalde nicht evakuiert werden, die Löscharbeiten laufen weiter.

"Wir müssen darauf achten, dass keine Funken auf frisches Gras wehen"

Für Köhn und seine Frau wird es dennoch eine kurze Nacht. Am nächsten Morgen kreist über dem Ort immer noch der Hubschrauber der Bundeswehr, der Wasser auf die verbrannten Stellen abwirft. Den Brandgeruch bemerke er schon gar nicht mehr, sagt Köhn und lacht.

Mit seiner Hündin macht er sich auf den Weg zur Brandstelle. Nach wenigen Gehminuten durch den Wald hat er die ersten Einsatzwagen erreicht. "Gerade ist es relativ ruhig", sagt ein Feuerwehrmann. Mit seinen Kollegen ist er am frühen Freitagmorgen aus dem Landkreis Dahme-Spreewald nach Fichtenwalde gefahren. Drei Stunden haben sie wegen der Staus und Sperrungen für die Strecke gebraucht, nun löschen sie die Glutnester und behalten den Wald im Auge. "An den Brandstellen kann kein neues Feuer entstehen. Nun müssen wir darauf achten, dass keine Funken auf frisches Gras wehen."

Vor der Bärenbrücke, wo die Autobahn 9 an das Waldstück bei Fichtenwalde grenzt, ist ein Wasserwerfer im Einsatz. Während er langsam an der Leitplanke entlangfährt, schießt er seinen Wasserstrahl in den Wald. Vereinzelt dampft es noch. Doch Feuer ist nicht mehr zu sehen.

Im Video: Waldbrand bei Potsdam - "Einsatz läuft auf vollen Touren"

Die Gefahr für den kleinen Ort ist noch nicht komplett gebannt. Auch Wolfgang Blasing, Landrat des Landkreises Potsdam-Mittelmark, will noch keine Entwarnung geben. Bis Samstagmorgen will Blasing das Waldgebiet mit dem vollen Einsatz aller Kräfte kontrollieren. Danach werde entschieden, ob man langsam ein paar Leute abziehe. Doch damit ist es noch nicht überstanden. Die Brandwachen werden noch Tage dauern.

Tilo Köhn ist nach seinem Spaziergang in den Wald trotzdem ein wenig erleichtert. Die Einsatzkräfte haben Fichtenwalde vor dem Schlimmsten bewahrt. "Was diese Menschen geleistet haben, ist unglaublich."

Eigentlich hatte Köhn für dieses Wochenende eine Radtour mit Freunden geplant, von Freitag bis Sonntag. Köhn sagte ab. Er will Fichtenwalde erst wieder verlassen, wenn die Gefahr wirklich gebannt ist.

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