Waldbrand-Katastrophe Russland kämpft gegen den Feuersturm

Hunderte Waldbrände geraten außer Kontrolle, die Ölindustrie ist bedroht, Moskau versinkt im Smog: Die Waldbrände in Russland wachsen zur nationalen Katastrophe - auch weil die Behörden geschlampt haben. Die Feuerwehr ist schlecht ausgerüstet, die Forstwirtschaft wurde kaputtgespart.

Von Ann-Dorit Boy, Moskau


Der Wind war gnädig in der Nacht zum Donnerstag. Aus dem Zentrum der russischen Hauptstadt hat sich der dichte, beißende Qualm etwas zurückgezogen. "Schauen Sie, man sieht sogar den Himmel", sagt Zeitungsverkäuferin Natascha Iwanowa. Einen Tag zuvor um diese Zeit konnte sie an ihrem kleinen Stand vor der Metrostation Paweletskaja nicht einmal hundert Meter weit schauen.

Die Hochhäuser sind auch jetzt noch hinter einer Smogwand verborgen und schon wieder wehen heiße Böen durch die Straßen. In ihrer Tasche trägt Natascha eine der Schutzmasken, die man im Supermarkt kaufen kann. Sie weiß, dass jederzeit wieder Qualm nach Moskau ziehen kann. Die Feuer rund um die Hauptstadt sind längst nicht unter Kontrolle. Auch in weiten Teilen Zentralrusslands und weiter im Osten lodern die Flammen.

Spätestens am Mittwoch bekam man das Ausmaß der russischen Waldbrand-Katastrophe auch in Moskau zu spüren. Der schlimmste Smog des vergangenen Jahrzehnts hüllte die Zehn-Millionen-Metropole in einen weißen Rauchschleier. Sogar durch die tief unter der Erde liegenden U-Bahn-Stationen zogen stinkende Wolken. Die Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda" berichtete von apokalyptischen Szenen, wie man sie nur aus Horrorfilmen kenne.

Masken und feuchte Tücher

Menschen drückten sich Masken und feuchte Tücher vor Mund und Nase, auch wenn diese gegen die Gifte nichts ausrichten können. Ärzte warnten vor einer zehnfach erhöhten Luftverschmutzung. Die Konzentration des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids, so hieß es, habe ein Niveau erreicht, das auch für gesunde Menschen gefährlich sei.

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Waldbrände in Russland: Eine Stadt versinkt im Rauch
Behörden forderten die Moskauer auf, zu Hause zu bleiben und sich die brennenden Augen mit Kamillentee auszuwaschen. Russlands oberster Amtsarzt, Genadi Onischenko, legte Arbeitgebern nahe, ihren Angestellten, wo immer möglich ist, freizugeben.

Davon kann Zeitungsverkäuferin Natascha nur träumen. Die Mittdreißigerin muss ihren kleinen Stand auch im dichtesten Nebel aufbauen, sonst kann sie ihre Miete nicht bezahlen. Natascha hat gelesen, dass sie innerhalb weniger Stunden so viele Schadstoffe aufnehme, als rauche sie 40 Zigaretten. "Schrecklich ist das", stöhnt die rothaarige Frau, "aber es gibt kein Entkommen."

Außer Kontrolle

Seit beinahe zehn Tagen brennen in weiten Teilen Russlands Wälder und, besonders in der Region um Moskau, auch trockengelegte Torfböden. Die Feuer geraten mehr und mehr außer Kontrolle.

Am Mittwochabend stand noch eine Fläche von 172.000 Hektar in Flammen, am Donnerstagmorgen war sie nach Angaben der Behörden bereits auf fast 190.000 Hektar angewachsen. Die offizielle Zahl der Todesopfer stieg auf 50, mindestens 500 Menschen sollen verletzt worden sein. In sieben Regionen Russlands gilt weiterhin der Notstand.

Gegen die Flammen kämpfen mittlerweile 200.000 Menschen, die meisten Freiwillige, einige tausend Feuerwehrleute und inzwischen auch 10.000 Soldaten. Sie sollen mit schwerem Gerät Schneisen in den Boden schlagen, um die Feuerwalze zu stoppen.

Entwarnung für das Atomzentrum

Entwarnung konnte die russische Regierung am Mittwoch für das Atomforschungszentrum nahe der Stadt Sarow, knapp 500 Kilometer östlich von Moskau, geben. Die Flammen waren bis auf 4000 Meter an den Komplex herangerückt. Alles explosive und radioaktive Material sei abtransportiert worden, sagte der Chef der Staatlichen Agentur für Atomenergie Rosatom, Sergei Kirijenko.

Rund 90 Ölraffinerien sind allerdings weiterhin in Gefahr. Sie verfügen über keine automatischen Feuerlöschanlagen. Von einigen muss das Erdöl schnellstens weggebracht werden, um Schlimmeres zu verhindern.

Mehrere Tage lang hatte die russische Regierung nicht eingestanden, dass die Lage höchst dramatisch war. Erst am Dienstag akzeptierte sie Hilfe aus dem Ausland, Löschflugzeuge aus der Ukraine und Aserbaidschan trafen ein, am Mittwoch auch aus Italien.

Auch Kanzlerin Angela Merkel bot dem russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew deutsche Hilfe im Kampf gegen die Waldbrände an. Medwedew habe sich für "dieses Zeichen der Solidarität" bedankt und die Prüfung des deutschen Hilfsangebots zugesagt, teilte die Bundesregierung am Mittwochabend mit.

Ungewöhnliche Hitzewelle

Die Ursache der Brände ist die für Russland ungewöhnliche Hitzewelle. Bereits seit Beginn des Monats Juli herrschen vor allem im europäischen Teil des Landes konstant über 30 Grad, auch in den nächsten Tagen ist keine Abkühlung in Sicht.

Dafür, dass sich die Flammen so rasant ausbreiten konnten, trägt die russische Regierung aber mindestens einen Teil der Verantwortung. Während der Präsidentschaft Wladimir Putins wurde das Forstwesen praktisch abgeschafft. 70.000 Waldhüter, die Brände hätten melden und möglicherweise sogar löschen können, wurden entlassen.

Auch die Brandbekämpfung wurde zuletzt vernachlässigt. Das System einer freiwilligen Feuerwehr, für das sich in Deutschland mehr als eine Millionen ehrenamtliche Brandschützer engagieren, kennt man in Russland nicht. Fahrzeuge und Material der verbleibenden Feuerwehren sind häufig veraltet. So mussten in der russischen Provinz viele Menschen ihre Dörfer und Häuser ganz allein und teilweise mit bloßen Händen gegen die Flammen verteidigen.

Zorn der Verzweifelten

Den Zorn der verzweifelten Opfer bekam der russische Premierminister Wladimir Putin persönlich zu spüren, als er die kleine Industriestadt Wyksa besuchte. Eine tobende Menge stürzte sich auf den Politiker und forderte schreiend Hilfe. Putin versprach dafür zu sorgen, dass schnellstens neuer Wohnraum gebaut werde. Später kündigte er an, den Bau sogar höchstpersönlich per Videoübertragung überwachen zu wollen. Auch Entschädigungszahlungen sagte der Premier zu, um dem Volkszorn zu entgehen: Die Angehörigen von Todesopfern sollen rund 33.000 Euro erhalten, Menschen, die ein Dach über dem Kopf verloren haben, rund 5000 Euro. Russische Medien fürchteten, dass angesichts dieser Summen mancher ohne Not seine Habe anzünden könnte.

Präsident Medwedew begann unterdessen in typisch russischer Manier nach Schuldigen zu suchen. Er entließ mehrere ranghohe Angehörige der Streitkräfte, unter ihnen den Chef der Marineflieger und mindestens sieben weitere Offiziere, nachdem ein Militärstützpunkt nahe Moskau niedergebrannt war. Nach Angaben russischer Medien waren dort 200 Hubschrauber und Flugzeuge beschädigt worden. Medwedew sprach von krimineller Fahrlässigkeit.

Auch auf Ebene der Regionen ermittelt die Staatsanwaltschaft nach eigenen Angaben in mehreren Fällen. Die regierungskritische Online-Zeitung gaseta.ru kommentierte dieses Vorgehen am Mittwoch bitter. "Wenn es nach der üblichen russischen Praxis läuft, dann kann man sicher sein, dass die ersten Männer im Staate keine Verantwortung übernehmen werden."

Mit Material von AFP



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Seite 1
Mohnblut 05.08.2010
1. ...Katastrophenschutz
...ich stelle mal die Frage: Gerade in Pakistan die Flut in Rußland die Hitze und das Feuer....endlos verlängerbar..! Wann kapieren Regierungen endlich das der Nationale Feind nicht mehr die Nachbarstaaten sind. Armeen müssen in Katastrophenschutz-Armeen umgerüstet werden. Tausende Kampfflugzeuge haben die Armeen, aber kaum ein paar Hundert Löschflugzeuge. Atombomben und Militäranlagen haben die Länder, aber keine Lager mit zig-Tausenden Zelten, Wolldecken...Hausgeräten und Fertighäusern. Wo wollen die ganzen Menschen im Winter unterkommen? Ob nun in Rußland oder in Pakistan
karsten112 05.08.2010
2. Merkelin
Mich würde mal interessieren welche Hilfe die Merkelin den Russen angeboten hat? Bestimmt eines von den zahlreichen deutschen Löschflugzeugen...
io_gbg 05.08.2010
3. Opfer
Merkwürdig, dass bei SPON so niedrige Opferzahlen genannt werden. Dienstag waren es nach Zeitungsberichten (Mittwoch) schon rund 100 Menschen: - mindestens 40 Opfer des Feuers - 58 Menschen, die ertranken beim Versuch, sich durch ins Wasser zu werfen vor dem Feuer zu retten. Dazu zahlreiche Verletzte.
heuwender 05.08.2010
4. ganz genau...
Zitat von Mohnblut...ich stelle mal die Frage: Gerade in Pakistan die Flut in Rußland die Hitze und das Feuer....endlos verlängerbar..! Wann kapieren Regierungen endlich das der Nationale Feind nicht mehr die Nachbarstaaten sind. Armeen müssen in Katastrophenschutz-Armeen umgerüstet werden. Tausende Kampfflugzeuge haben die Armeen, aber kaum ein paar Hundert Löschflugzeuge. Atombomben und Militäranlagen haben die Länder, aber keine Lager mit zig-Tausenden Zelten, Wolldecken...Hausgeräten und Fertighäusern. Wo wollen die ganzen Menschen im Winter unterkommen? Ob nun in Rußland oder in Pakistan
Dem braucht man nichts hinzuzufügen,da ist alles auf den Punkt gebracht worden,wenn in China der Dreischluchtendamm noch bricht,dann aber gnade Gott
baschy 05.08.2010
5. nein, nein...
Gott kennt keine Gnade. Den interessiert das hier alles schon lange nicht mehr, warum auch. Der Zug ist abgefahren, es geht mittlerweile um Schadensbegrenzung. Ich hoffe nur, daß die Russen das Feuer sehr schnell unter Kontolle bringen und daß keiner mehr sterben muß/verletzt wird. Eine Frage stelle ich hier dennoch in den Raum. Warum so viele Feuer, gibt es hier evtl. Brandstiftung (ohne Putin jetzt eine Steilvorlage zu bieten). Oder ist das ganze Problem und diese derart massive Brandausweitung hausgemachte Umweltpolitik. Ich denke hier liegt eine deutliche Mitursache drin.
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