Waldbrand-Katastrophe Smog zieht bis in Moskaus U-Bahn

Die Feuerkatastrophe in Russland weitet sich aus: Mehr als 400 neue Flammenherde wurden entdeckt, mehrere Brände sind außer Kontrolle. Dichter Qualm hüllt Moskau ein, Atom- und Erdölanlagen sind in Gefahr. Auch Autobauer VW musste die Produktion in einem seiner Werke einstellen.

REUTERS

Moskau - Die Wald- und Torfbrände in Russland weiten sich aus: Die Hauptstadt Moskau leidet unter dem bislang schlimmsten Smog, die Stadtverwaltung warnt vor Gesundheitsgefahren. Die Zahl der Todesopfer in den Waldbrandgebieten stieg nach offiziellen Angaben auf 48. Mehr als 400 neue Flammenherde seien entdeckt worden, teilte das Zivilschutzministerium an diesem Mittwoch mit. Damit lodern landesweit mehr als 900 Brände. Weitere 293 konnte die Feuerwehr den Angaben zufolge löschen. Sergej Schoigu, Minister für Zivilschutz, räumte nach tagelangen gegenteiligen Beteuerungen der Behörden ein, einige Feuer seien "außer Kontrolle".

Im Zusammenhang mit den verheerenden Waldbränden hat Präsident Dimitrij Medwedew mehrere ranghohe Angehörige der Streitkräfte entlassen. Neben dem Chef der Marineflieger verloren mindestens sieben weitere Offiziere ihren Job. Die Behörden hatten bestätigt, dass ein Militärstützpunkt nahe Moskau niederbrannte und etliche Ausrüstungsgegenstände zerstört wurden. Zeitungsberichten zufolge wurden bis zu 200 Flugzeuge und Hubschrauber zerstört. Sollte sich so etwas wiederholen, werde er auf genau die gleiche Weise reagieren, erklärte Medwedew bei einem Treffen des nationalen Sicherheitsrats und sprach von krimineller Fahrlässigkeit.

Rat an Moskau-Touristen: Im Hotel bleiben

Der stechende Smog in Moskau drang bis in die U-Bahn vor. Meteorologen erklärten, die Schadstoffbelastung habe einen kritischen Wert erreicht, und auch gesunde Menschen sollten sich vor dem Rauch schützen. Einwohner klagten über Reizungen der Augen und der Atemwege. Die 62-jährige Jadwiga Paschkowa sagte, sie sei am frühen Morgen aufgewacht und habe das Gefühl gehabt, zu ersticken.

Moskau-Reisende sollten laut Deutschem Feuerwehrverband ihr Hotel in der russischen Hauptstadt derzeit besser nicht verlassen - bei Rauch aus Bränden entwickeln sich vor allem Kohlendioxid und Kohlenmonoxid. "Drinnen bleiben, Klimaanlagen nutzen und Gegenden mit höherer Schadstoffkonzentration meiden", so der Rat der Organisation. Infektionsschutzmasken filterten nur Partikel aus der Luft heraus, schützten aber nicht vor den giften Gasen, die derzeit Moskau und Umgebung belasten.

Der dichte Smog rund um Moskau lässt auch immer mehr Vögel qualvoll verenden. Vor allem Exoten wie Papageien und Kakadus würden derzeit in großer Zahl sterben, schrieb die Zeitung "Moskowski Komsomolez" unter Berufung auf Tierärzte. Der Leiter der Moskauer Vogel-Klinik, Wladimir Romanow, sagte, dass Tierbesitzer zu Dutzenden ohnmächtiges Federvieh einlieferten. Bei einigen Tiere seien Blutgefäße geplatzt und schwere Kohlenmonoxidvergiftungen festzustellen.

Nur wenige Papageien hätten noch in speziellen Sauerstoffkammern gerettet werden können. In freier Wildbahn seien besonders Bussarde und Milane betroffen. Auch sonst fielen in der Stadt, in der seit Wochen eine Hitze um die 35 Grad herrscht, viele Vögel einfach tot vom Himmel, schrieb das Blatt. Gründe seien der Sauerstoffmangel in der Luft und der hohe Gehalt an giftigen Schadstoffen.

Feuerwalze bedroht 89 Erdölanlagen und Atomanlage in Sarow

Die Feuer bedrohen nach Angaben der Regierung in Moskau auch 89 erdölverarbeitende Betriebe. "Diese meist kleineren Unternehmen stehen in der Risikozone, daher müssen sie ihren Betrieb unterbrechen", sagte Vize-Regierungschef Igor Setschin. Die Raffinerien verfügen über keine automatischen Feuerlöschanlagen und auch nicht über Giftgas-Warnsensoren. Die technische Aufsichtsbehörde Rostechnadsor werde das Erdöl schnell abtransportieren, kündigte Setschin an. Zudem seien die Rettungskräfte angewiesen worden, diese Objekte besonders zu schützen.

Die Produktion im russischen VW-Werk Kaluga ist wegen der Brände ebenfalls gestoppt worden. Das bestätigte ein VW-Sprecher am Mittwoch in Wolfsburg. Es sei eine Vorsichtsmaßnahme zum Schutz der Beschäftigten. Wann der Betrieb wieder aufgenommen werde, sei offen. Zum Schaden für VW machte der Sprecher keine Angaben.

Die russische Regierung hat wegen der heranrückenden Waldbrände zudem alles radioaktive Material aus seiner berüchtigten Atomanlage in Sarow abgezogen. Es bestehe damit kein Risiko eines atomaren Unfalls mehr in dem etwa 500 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Komplex, betonte der Chef der russischen Atomenergiebehörde Rosatom, Sergej Kirjenko.

Die Anlage in Sarow, bekannt unter dem Tarnnamen Arsamas-16, wurde unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg als geheimes Atomwaffen-Forschungszentrum errichtet. In ihm werden noch immer russische Atomwaffen gebaut. Die Flammen befanden sich am Mittwoch etwa vier Kilometer vor den ersten Einrichtungen des Riesenkomplexes.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Fahrlässigkeit

Durch die Feuer wurden bereits zahlreiche Wälder und Dörfer im Westen Russlands zerstört. Ein Großaufgebot an Soldaten und Freiwilligen hilft rund 10.000 Feuerwehrleuten dabei, die Flammen in mehr als einem Dutzend westrussischen Provinzen unter Kontrolle zu bringen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte nach eigenen Angaben in mehreren Regionen wegen Fahrlässigkeit. Präsident Medwedew kündigte am Mittwoch eine Sitzung des nationalen Sicherheitsrats an, um strategische militärische Einrichtungen besser zu schützen.

Russland leidet seit Wochen unter einer Hitzewelle und Dürre. Der Juli war der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 130 Jahren, und auch in den kommenden Tagen sollen die Temperaturen bis zu 38 Grad Celsius erreichen.

han/APD



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
rkinfo 04.08.2010
1. Wetterextreme ...
Zitat von sysopDie Wald- und Torfbrände in Russland weiten sich aus: Mehr als 400 neue Flammenherde wurden entdeckt, mehrere sind außer Kontrolle. Die Hauptstadt Moskau leidet unter dichtem Smog, die Zahl der Todesopfer stieg auf 48. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,710157,00.html
Zitat daraus: "Der Juli war der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 130 Jahren, und auch in den kommenden Tagen sollen die Temperaturen bis zu 38 Grad Celsius erreichen." Weder wir noch Rußland sind geeignet um die Klimaerwärmungsexperimente per CO2 weiter laufen zu lassen. Natürlich gibt aktuelle keinen Grund diese Extremwerte dem Klimawandel unter zu schieben. Wobei der Verschiebebahnhof der Temperaturen schon im Winter auftrat. Bei uns zu kalt, in der Arktis zu warm. Mal abwarten ob doch eine Systematik dahinter steht.
zakajew 04.08.2010
2. Putinismus abgebrannt
Der Putinismus hat Rußland in Brand gesetzt, und zwar nicht erst seit ein paar Tagen. Energisch fordert Putin Taten gegen die Waldbrände. Doch er trägt Mitschuld, weil er alle Staatsgewalt auf Moskau konzentriert hat. http://www.fr-online.de/politik/meinung/das-versagen-des-oberlehrers/-/1472602/4529766/-/index.html 7 000 Brände wüten in großen Teilen des Landes. Ganze Dörfer liegen in Schutt und Asche. Die Zahl der Todesopfer steigt - und die Wut der Menschen über die Unfähigkeit ihrer Politiker. http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0803/tagesthema/0035/index.html
HirzelsPurzel 04.08.2010
3. Gewaltige Ausmaße
Ist die Natur in Zentralrussland eigentlich seit jeher immer mal wieder von ausgedehnten Waldbränden betroffen? Oder sind solche ausgedehnten Brände etwas ganz Neues, was es so früher nie gab? Ich frage mich bei den jetzigen Nachrichten auch, wie die Lage wohl im Sommer in 30 oder 50 Jahren aussehen mag, wenn die Erwärmung und Trockenheit weiter zunimmt. Schon in diesem Jahr waren gestern laut Pressemeldungen mindestens 560 000 Hektar Wald von Bränden betroffen, vor allem im Osten und Südosten von Moskau (Tula, Woronesh, Wladimir, Jaroslawl, Rjasan, Nischni Nowgorod).
dirkgruenwald 04.08.2010
4. Vollkommen richtig
Zitat von zakajewDer Putinismus hat Rußland in Brand gesetzt, und zwar nicht erst seit ein paar Tagen. Energisch fordert Putin Taten gegen die Waldbrände. Doch er trägt Mitschuld, weil er alle Staatsgewalt auf Moskau konzentriert hat. http://www.fr-online.de/politik/meinung/das-versagen-des-oberlehrers/-/1472602/4529766/-/index.html 7 000 Brände wüten in großen Teilen des Landes. Ganze Dörfer liegen in Schutt und Asche. Die Zahl der Todesopfer steigt - und die Wut der Menschen über die Unfähigkeit ihrer Politiker. http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0803/tagesthema/0035/index.html
Und die Posse um das Marine-Depot zeigt das wieder ganz deutlich!!! Erst heißt es auf erste Informationen von unabhängigen Quellen: alles Lüge,es gibt gar keine Lager und nun werden sie alle gefeuert!!! Und die "armen" Bürgermeister und Gouverneure erst einmal: ohne Erlaubnis dürfen die nicht auf das Klo, sollen aber alles managen - ohne einen Rubel ausgeben zu dürfen. Die Machtvertikale ist total zusammengebrochen und damit auch das System Putin. Spannend werden daher die nächsten Wahlen. Schröder und Konsorten können sich schon einmal neue Jobs suchen!
kushi 04.08.2010
5. abgeschafft
Zitat von HirzelsPurzelIst die Natur in Zentralrussland eigentlich seit jeher immer mal wieder von ausgedehnten Waldbränden betroffen? Oder sind solche ausgedehnten Brände etwas ganz Neues, was es so früher nie gab? Ich frage mich bei den jetzigen Nachrichten auch, wie die Lage wohl im Sommer in 30 oder 50 Jahren aussehen mag, wenn die Erwärmung und Trockenheit weiter zunimmt. Schon in diesem Jahr waren gestern laut Pressemeldungen mindestens 560 000 Hektar Wald von Bränden betroffen, vor allem im Osten und Südosten von Moskau (Tula, Woronesh, Wladimir, Jaroslawl, Rjasan, Nischni Nowgorod).
Seitdem Putin 2006 auf die glorreiche Idee kam, die staatliche Waldagentur aufzulösen und die Forstwirtschaft ganz der Privatwirtschaft zu überlassen. Und die macht zumeist gemeinsam mit dem korrupten Zoll kriminelle Geschäfte, verkauft illegal Holz ins Ausland. In diesen Tagen brennt nicht nur der russische Wald, es brennt auch der Putinismus lichterloh. Na ja, vielleicht lernen die Leute in Rußland ja dazu und sorgen dafür, daß der schwerstkriminelle Putin vor Gericht landet. Es ist überfällig. Wenn nicht, dann gehen die Katastrophen in Rußland weiter und das Land wird es in seinen heutigen Grenzen in ein paar Jahren nicht mehr geben.
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