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Russland: "Gebt das Dorf nicht auf"

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Waldbrandopfer in Russland "Gebt das Dorf nicht auf. Da sind noch Menschen"

Sieben Menschen tötete die Feuerwalze im Dorf Mochowoje bei Moskau. Die Überlebenden haben Furchtbares erlebt und gesehen. Doch sie wollen den Neuanfang wagen - und rebellieren gegen die Pläne der Regierung, ihren Heimatort dem Erdboden gleichzumachen.

Rauchschwaden verfinsterten plötzlich die Sonne, dann war das Feuer in Mochowoje, rund 150 Kilometer südöstlich von Moskau. Wladimir, 47, erinnert sich: "Am Abend tönte vom Wald ein Brausen herüber, wie von Turbinen eines Düsenfliegers. Binnen 15 Minuten jagte der Feuersturm über die Spitzen der Bäume auf das Dorf zu, und wir zur Straße. Tantchen Mascha und ihr Sohn Wolodja baten noch um Hilfe. Aber unser Auto war voll."

Tantchen Mascha, 69, und der 47-jährige Wolodja krochen in das winzige Kellerloch ihrer Hütte, ausgehoben, um ihre Vorräte kühl zu lagern.

Rote Plastikblumen liegen jetzt vor der Luke, und Kartoffeln. Die Blumen sind von Trauernden, die Kartoffeln von Plünderern, die sie aus dem Erdloch klaubten und fallen ließen, gleich neben dem angesengten Filzpantoffel.

Insgesamt sechs Tote bargen die Rettungstrupps aus den Trümmern von Mochowoje, die meisten waren wie Mascha und Wolodja in ihren Kellern erstickt. Ein freiwilliger Helfer der Feuerwehr starb beim Einsatz im Wald.

Mochowoje gleicht jetzt einer Mondlandschaft, der sandige Boden ist schwarz von der Asche. Von den Holzhäusern stehen nur noch die gemauerten Kamine, von den Steinbauten ausgebrannte Gerippe. Stickiger Qualm nimmt einem den Atem - der Torf ringsum brennt schon seit Wochen.

Putin stößt mit Sekt auf "Sieg über die Flammen" an

Katastrophengebiet

Derweil ist Premierminister Wladimir Putin schon wieder in Sektlaune. Im ganzen Land sind zwar noch immer rund 160.000 Feuerwehrleute und 62 Löschflugzeuge im Einsatz, doch der lang ersehnte Regen hat endlich eingesetzt. Die Niederschläge erleichtern jetzt vor allem die Löscharbeiten im rund um die Hauptstadt.

Putin stößt auf dem "Schukowski"-Flugfeld nahe Moskau mit handverlesenen Brandbekämpfern und den Spitzen des Katastrophenschutzministeriums an: auf den Sieg, den sie errungen hätten im Kampf gegen die Flammen.

Doch nicht die Feuerwehr hat das Häuschen des Rentnerpärchens Wiktor und Galina gerettet. Als sich die Feuer vom südlichen Waldrand durch das trockene Gras in Richtung ihres Dorfes Lesnoje fraß, musste der Katastrophenschutz erst einmal klären, welche Feuerwache wohl zuständig sei für den Ort. Ein erster Löschzug erreichte Lesnoje nach einer Stunde. "Mit halb leerem Tank", sagt Wiktor. Wagen zwei kam ganz ohne Wasser.

"Uns hat der Wind gerettet", sagt seine Frau Galina. Nachdem Garage und das Schwitzbad mit Dusche im Garten abgebrannt waren, trieben heftige Böen plötzlich das Feuer wieder weg vom Wohnhaus.

"Mich hat Gott gerettet", sagt die greise Alexandra von nebenan, die alle nur Großmütterchen Schura nennen.

"Moskau schert sich einen Dreck um uns"

Seit ihrer Geburt lebt sie in Lesnoje. "Nie wieder Gummi-Stiefel", hat sie gedacht, als in den siebziger Jahren die Moore trocken gelegt wurden, sie gab damals nichts auf die Mahnungen der Alten. Auch der Dorfteich wurde zugeschüttet.

Jetzt ist sie selbst alt. Und hatte Angst. Die Flammen kokelten Schuras blauen Zaun entlang, nach rechts, nach links. Sie legten das zwei Meter entfernte Nachbarhaus in Schutt und Asche, auch Schuras Stall steht nicht mehr, Hof und Brunnen wurden verwüstet. Das Häuschen aber blieb wie durch ein Wunder unversehrt.

Bekommt sie Hilfe vom Staat? "Ich bekomme meine Pension", sagt Schura. "Was soll man schon von unserem Staat erwarten? Moskau schert sich einen Dreck um uns."

Die alte Frau ist bei ihren Kindern in Moskau gemeldet, weil die Stadt eine höhere Rente zahlt, und weil die Gesundheitsversorgung dort besser ist und kostenlos. Das rächt sich jetzt: Die Behörden zählen sie zu den "Datschniki", den Sommerfrischlern ohne Recht auf Unterstützung.

Schura hat die Zisterne reinigen lassen, auf eigene Rechnung und für 10.000 Rubel, das entspricht einer Monatsrente. Auch Wiktor wohnt offiziell in Moskau. Er hat den Bulldozerfahrer bezahlt, der die Ruinen der Garage und des Stalls planiert hat: "Uns hilft niemand", sagt er. Also helfen sie sich hier selbst.

150 Dörfer wurden bei den schwersten Waldbränden seit Jahrzehnten in Russland ein Fraß der Flammen, 1875 Häuser sind zerstört, mehr als 2200 Dörfler obdachlos. 90.000 Menschen brachten Armee und Katastrophenschutz rechtzeitig in Sicherheit, 53 kamen ums Leben.

Die Regierung hat Hilfe zugesagt, unbürokratisch und schnell: Die Betroffenen brauchen neue Häuser, noch bevor der Winter anbricht.

Putin überwacht die Arbeiten per Web-Cam

Premierminister Putin lässt sich gar in Echtzeit über die Arbeiten unterrichten - per Web-Cam-Übertragung aus zwei Dutzend Siedlungen. Er hat Anweisung geben, gemäß "zeitgemäßen Technologien" neue Häuser zu bauen, soll heißen: schöner, größer, besser.

Dennoch wächst der Unmut im Katastrophengebiet, weil nur unmittelbare Brandopfer in den Genuss der Wohltaten des Kremls kommen.

So zieht der Staat etwa für die Bewohner 22 abgebrannter Häuser des Dorfes Kamenka im Umland der alten Fürstenstadt Wladimir nagelneue Siedlungen hoch. Doch zurück bleiben die Besitzer jener neun Gebäude, die das Feuer schonte.

"Die Menschen dort leben unter furchtbaren Bedingungen, es riecht nach Rauch, die Wasserleitungen sind zerstört", klagt Elena Topolewa-Soldunowa, Mitglied der Gesellschaftskammer, einem vom Kreml gegründeten loyalen Beratungsorgan der Regierung. "Alle denken an die Abgebrannten - helfen müssen wir aber auch jenen, die in den halb kaputten Dörfern zurückbleiben." Premier Putin räumte am Mittwoch ein, es gebe "Fälle, die noch nicht vom Regierungsbeschluss abgedeckt sind. Das müssen wir korrigieren."

Mochowoje soll von der Landkarte verschwinden

In Muchowje hat Wladislaw, 72, graue Augen, drahtige Gestalt, das Hemd aufgeknüpft und die Ärmel hochgekrempelt. Als der Katastrophenschutz abzog, flehte er: "Gebt das Dorf nicht auf. Da sind noch Menschen."

Jetzt sucht Wladislaw in der Asche seiner Heimat nach Brauchbarem, nach Werkzeug, Metall. "Ich fange hier neu an, mit großem Vergnügen", sagt er trotzig. "Mehr verlange ich nicht. Wir haben hier doch immer gut gelebt. Es ist unsere Heimat. Ich habe jedem gesagt: Ich bitte um nichts."

210.000 Rubel haben die überlebenden Familien bekommen, umgerechnet 5250 Euro, und das Versprechen, noch einmal neu anfangen zu können, an einem anderen Ort. Mochowoje, so wollen es die Behörden, soll von der Landkarte verschwinden, genauso wie 50 andere Dörfer.

"Alles, was ich je brauchte, ich hatte es hier", sagt Wladislaw.

Drüben, am Waldrand von Mochowoje, treiben die verkohlten Stämme der Bäume schon wieder aus. Sie tragen frisches Grün, knapp oberhalb des Bodens: Die Wurzeln haben überlebt. Die Natur erholt sich schnell. Die Menschen werden länger brauchen.

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