Kater Blaudi war erst ein paar Wochen alt, als er Teil unserer Familie wurde.
Kater Blaudi war erst ein paar Wochen alt, als er Teil unserer Familie wurde.
Foto: Benjamin Maack

Schwere Entscheidung Wann darf ich meine Katze töten?

Wer ein Tier in sein Leben holt, übernimmt Verantwortung. Aber was, wenn wir bei Unfall oder Krankheit plötzlich über Leben und Tod entscheiden sollen? Wie tut man das Richtige? Und was zählt mehr: Geld oder Liebe?
Von Benjamin Maack

Dieser Text könnte ein Nachruf auf unseren Kater sein. Oder eine Selbstbeschimpfung. Ich habe den Artikel geschrieben, als noch nichts entschieden war. Nun ist es seit ein paar Tagen vorbei, und ich weiß noch immer nicht, was ich darüber denken soll. Deshalb geht es in diesem Text wohl am ehesten darum, zu verstehen, wie man den Wert eines Lebens bemisst. Und wie viel Verantwortung wir für ein Tier haben, das wir in unser Leben lassen.

Unser Kater hieß Blaudi. So hat unser damals zweijähriger Sohn Wolf ihn genannt, weil Blau seine Lieblingsfarbe war.

Kein Jahr später brachte ich Blaudi in eine Tierklinik.

Blaudi war ein außergewöhnlich flauschiger Kater.

Blaudi war ein außergewöhnlich flauschiger Kater.

Foto:

Benjamin Maack

Ein paar Tage davor war er meiner Frau heimlich zum Kino gefolgt und fand nicht mehr zurück. Drei Tage war er fort, als jemand anrief und ich bis oben hin voll mit Erleichterung und Glück ins Tierheim fuhr.

Blaudi erwartete mich mit Schmerzen. Ein Auto hatte ihn angefahren, und er konnte seine Hinterläufe nicht mehr bewegen. Wir fuhren direkt ins Krankenhaus. An jeder roten Ampel steckte ich einen Finger durch das Gittertürchen seiner Transportbox, irgendwann legte er schüchtern seine Pfote darauf. Als er sich in seinem Käfig bewegte, miaute er schrill auf. Schmerzensschreie waren das, wie ich sie noch nie von ihm, von irgendeinem Lebewesen gehört hatte.

Ein Tisch für Tote

Vor der milchgläsernen Tür zu den Behandlungsräumen gab ich Blaudi ab, ein paar Minuten später kam die Transportbox zurück. Ohne Blaudi. Da saßen wir dann, die Transportbox und ich. Beide allein, beide leer.

Irgendwann wurde ich in einen der Behandlungsräume geholt. Ein Tisch in der Mitte. Zu klein für einen Menschen, aber sonst genau wie die aus der Gerichtsmedizin im "Tatort", silberfarben und mit einem Abflussloch am Rand. Ein Tisch für Tote.

Blaudi würde am Schmerztropf liegen, sagte die Ärztin und zeigte mir Röntgenbilder, so erschreckend eindeutig, dass ich sie auch ohne Erklärung verstand. Blaudi hatte sich die Hüfte gebrochen, der Schwanz war innerlich abgerissen. Außerdem habe er etwas Blut in der Lunge und sei deshalb zu schwach für eine OP.

Wie viel ist Liebe wert?

Operation und Aufenthalt sagte sie - und begann, mir die einzelnen Posten der Behandlung vorzurechnen – würden sich auf 2000 bis 3000 Euro summieren. Vielleicht mehr. Ich sagte sofort, dass Geld egal sei, dass Blaudi zur Familie gehöre und dass es vor allem wichtig sei, dass er wieder gesund werde. Zugleich überlegte ich, wo wir einen Kleinkredit aufnehmen können. Ob er dadurch wieder ganz gesund würde, könne sie auch mit Operation nicht mit Sicherheit sagen, erklärte die Ärztin dann. Aber die Chancen lägen laut einer Studie bei 70 Prozent.

Als ich ins Auto stieg, liefen mir Tränen über die Wangen.

Ein paar Mal habe ich mir in den Tagen danach kurz, nur für Momente, gewünscht, dass er bei dem Unfall gestorben wäre. Ich schäme mich sehr dafür. Aber jetzt sollten wir über Leben und Tod entscheiden? Aufgrund von was? Von Zahlen, von Prozenten oder Kosten? Wie viel ist Liebe wert? Ab wie viel Prozent lohnt es, um ein Leben zu kämpfen? Diese Fragen waren mir einfach zu schwer, zu groß.

Mama und Papa sollen entscheiden

Am nächsten Tag rief ein Arzt an. Blaudi sei noch immer zu schwach für eine Narkose. Wenn es ginge, würde man morgen ein CT und ein MRT machen. Dann könne man vielleicht auch erkennen, wie stark die Nerven beschädigt, welche durchtrennt und welche nur von dem Unfall gereizt waren. Außerdem stünde sein Anus offen und er könne nicht allein urinieren. Auch bei dieser Sache wisse man nicht, ob sich das je bessern würde.

Ich sagte: okay.

Ich fühlte mich taub.

Ich googelte "Katzenwindel".

Ich rief meine Frau Friederike an, wir sprachen über die "Möglichkeiten", wir versuchten, das "Problem" mit unseren Köpfen in denkbare Portionen zu zerteilen. Aber das ging nicht, weil das hier kein Problem war, sondern eine Tragödie. Ich sprach mit Kollegen. Ich weinte vor Kollegen. Ich weinte vor Ärzten und Tierarzt-Sprechstundenhilfen.

Ein Bild aus guten Tagen.

Ein Bild aus guten Tagen.

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Benjamin Maack

Am zweiten Morgen redete ich mit Theodor, unserem älteren Sohn. Ich sagte, dass wir am Abend vielleicht darüber reden müssten, ob Blaudi weiterleben soll oder nicht. Ob er sich zu sehr quält, wie seine Chancen sind, wieder richtig gesund zu werden. Ich fragte ihn, ob er mitentscheiden möchte. Er ist sieben Jahre alt. Er ist ein kluger Junge. Er entschied, dass Mama und Papa entscheiden sollen.

Die schlimmsten Fragen

Wir sprachen mit Blaudis Tierärztin und schrieben uns Fragen für das Tierkrankenhaus auf. Sie sagte, dass die Ärzte in der Klinik mit diesen kostspieligen Operationen natürlich auch ihr Geld verdienen würden. "Wenn man eine ehrliche Antwort will", sagte sie, "fragt man den Chirurgen am besten: 'Was würden Sie tun, wenn es Ihr Tier wäre?'" Außerdem sollten wir fragen, wie hoch die Chancen in Prozent seien, dass er sich wieder "richtig" erholt. Bei 50 Prozent, würde sie dem Tier eine Chance geben, bei 20 oder 30 Prozent würde sie dem Tier die Prozedur ersparen.

50 Prozent, 20 Prozent, 30 Prozent. Ätzende Zahlen, ätzende Fragen, wenn es um ein Leben geht. Aber die Fragen, die wir für uns selbst aufgeschrieben hatten, waren schlimmer:

Was bedeutet "richtig erholen" für uns? Was wäre, wenn Blaudi nicht mehr selbstständig pinkeln könnte, wenn sein Anus gelähmt bliebe und er wirklich Windeln bräuchte? Könnten wir das leisten, als Familie mit zwei Kindern und zwei Eltern mit Jobs? Was würde das bedeuten? Wir würden diese Verantwortung wohl keinem anderen überlassen können. Wir würden vermutlich nicht mehr in den Urlaub fahren können. Zumindest nicht mehr gemeinsam. Und was würde das mit unseren Nerven machen? Schon ohne einen kranken Kater sind meine Frau und ich manchmal am Ende unserer Kräfte. Manchmal schreien wir schon jetzt herum, manchmal sind wir schon jetzt ungerecht zu unseren Kindern. Würde das schlimmer werden?

Und dann: Was ist ein lebenswertes Leben für unseren Kater? Was kann Blaudi ertragen? Würde er bei einer Lähmung ständig Schmerzen haben? Ab wann halten wir unseren geliebten Kater nur noch für uns selbst am Leben? Und: Woran können wir das erkennen?

Die letzten Fragen waren für mich die schlimmsten. Weil sie mir vorkamen wie feige Ausreden, um die anderen Fragen nicht stellen zu müssen. Die zum Beispiel, ob wir bereit sind, jemanden zu töten, weil sein Überleben unsere Lebensqualität zu sehr beeinträchtigen könnte.

Ich hatte Angst, ihn umzubringen

Ich fragte mich, was Blaudi und uns unterscheidet, dass wir es wagten, darüber nachzudenken, ihn zu töten, weil er "nicht mehr richtig funktioniert". Auch ich war mal schwer verletzt, auch ich habe - sogar ein paar Mal - über Monate nicht "funktioniert". Und wir haben zusammengehalten. Na ja, nicht die ganze Zeit, aber am Ende haben wir es gemeinsam geschafft. Ist mein Leben mehr wert als das von Blaudi?

Wir ließen die Operation machen, eine Woche später holten wir Blaudi nach Hause. Acht Wochen dauere es, bis die Nerven sich beruhigt und einigermaßen regeneriert haben, sagte der Chirurg am Telefon. Dann könne man sehen, was noch kaputt sei. Aus den 70 Prozent vom Anfang wurde ein "aber Sie sollten sich keine allzu großen Hoffnungen machen".

Nach der Operation war Blaudis Becken mit zwei Schrauben zusammengefügt. Die beim Unfall auseinandergerissenen Schwanzwirbel, wurden mit einem Faden zusammengezogen.

Nach der Operation war Blaudis Becken mit zwei Schrauben zusammengefügt. Die beim Unfall auseinandergerissenen Schwanzwirbel, wurden mit einem Faden zusammengezogen.

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Benjamin Maack

Das Ausdrücken der Blase, die Gabe der Medikamente und Schmerzmittel wurde zur Qual für Blaudi und mich. Zwei Mal fuhr ich mit ihm zum Tierarzt, einmal ins Tierkrankenhaus, weil ich Angst hatte, dass ich ihn umbringe, weil ich zu blöd bin, seine Blase auszudrücken und der Urin seine Nieren vergiftet. Irgendwann fanden wir heraus, dass es besser geht, wenn Friederike und ich uns gemeinsam kümmern. Das gemeinsame Kümmern wurde von einer auslaugenden Prozedur zu einem Akt voller Zärtlichkeit. Wir kümmerten uns, wir waren für ihn da.

Eine Landkarte für die Krankenecke

Und wir fragten uns: Wie lange noch? Unsere gemeinsame Absprache lautete, dass wir ihn acht Wochen lang pflegen, ihn kuscheln, mit ihm leben würden und dann entscheiden. Wenn er wieder eigenständig seine Ausscheidungen kontrollieren könnte, würden wir weiter eine Familie sein. Wenn nicht, würden wir entscheiden, dass unser geliebter Kater umgebracht wird.

Friederike versetzte jede Verbesserung in Euphorie. "Schau mal, wie gut er sein eines Bein schon wieder benutzen kann!" "Guck mal, wie hingebungsvoll er sich putzt." Theo malte Blaudi eine Landkarte für seine Krankenecke, damit er seinen Futternapf und sein Katzenklo leichter findet.

Und ich? Ich war der Blödmann, der die Erwartungen bremste und sich trotzdem darüber freute, dass Blaudi immer geschickter darin wurde, seine Tabletten wieder auszuspucken. Wenn das kein Zeichen der Gesundung war!

Ein kleines Grab im Garten

Wir haben viel geweint in den letzten Tagen. Da sind jetzt viele schöne, viele traurige Erinnerungen und ein kleines Grab im Garten.

Zwei Bilder und ein Fotoalbum zur Erinnerung auf dem Trauerkaffeetrinken für Blaudi.

Zwei Bilder und ein Fotoalbum zur Erinnerung auf dem Trauerkaffeetrinken für Blaudi.

Foto: Benjamin Maack

Vor zwei Wochen saß ich noch bei Blaudi: Er lag mit dem Kopf zur Heizung, hatte an dem Tag noch nichts gegessen, seit Tagen warfen wir kaum angerührtes Futter weg und stellten ihm neues hin. "Blaudi", sagte ich. "Hey Blaudi, mein lieber alter Bär." Er schaut mich an, er sah unglaublich müde aus. Vorsichtig kraulte ich seinen Kopf, und langsam, ganz langsam drehte er sich zu mir um, zog sich mit seinen Vorderpfoten zu mir hin, hoch auf meinen Schoß. So saßen wir, und ich streichelte sein unvorstellbar weiches Fell, bis ich in die Küche musste, aufräumen.