Zelllinien aus abgetriebenen Föten Warum sich die katholische Kirche zu Covid-19-Impfstoffen äußert

Bis heute helfen Zelllinien bei der Impfstoffentwicklung, die ursprünglich von abgetriebenen Föten aus den Sechzigerjahren stammen. Nun sagte die Kirche: Es sei »moralisch akzeptabel«, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen.
Das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus, bei einer Ansprache im März

Das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus, bei einer Ansprache im März

Foto: Evandro Inetti/ dpa

»Es ist moralisch akzeptabel, Covid-19-Impfstoffe zu erhalten, bei deren Entwicklung oder Herstellung Zelllinien von abgetriebenen Föten verwendet wurden«, das teilte der Vatikan am Montag mit. Und warf damit einige Fragen auf: Warum und für welche Impfungen werden solche Zelllinien eingesetzt? Hat die Kirche ihre Meinung wegen der Corona-Pandemie geändert? Ein kurzer Überblick. 

Zelllinien von abgetriebenen Föten – wie bitte, was?

Es gibt tatsächlich mehrere Zelllinien, die von abgetriebenen Föten stammen und seit Jahrzehnten in der Forschung eingesetzt werden. Die Zelllinie WI-38 etwa stammt von einem Fötus, der im Jahr 1962 in Schweden abgetrieben wurde. Die Zelllinie MRC-5 ebenfalls von einem in den Sechzigerjahren abgetriebenen Fötus. Die Schwangerschaftsabbrüche dienten nicht zum Zweck der Forschung, sondern hatten persönliche Gründe. Die Abbrüche waren legal.

Die Zelllinien werden seit Jahrzehnten in Laboren eingesetzt, unter anderem um darin Viren zu züchten und zu erforschen – denn dazu benötigt man Wirtszellen. Viren können sich ohne Zellen, die sie befallen, nicht vermehren. Besonders für Impfstoffe, die inaktivierte Viren enthalten, benötigt man Zellen, in denen man die Erreger in großem Maßstab erzeugen kann.

Als Zelllinien bezeichnet man Zellen einer bestimmten Gewebeart, die im Labor über lange Zeiträume erhalten und gezüchtet werden können. Sie gehen oft auf eine einzelne Zelle zurück. WI-38 und MRC-5 sind sogenannte Fibroblasten, also Zellen des Bindegewebes. Die Zellen können sich im Labor zwar nicht unendlich teilen und vermehren, aber sie altern erst nach 40 bis 60 Zellteilungen, dieser Wert ist nach dem Entwickler der WI-38-Zelllinien, Leonard Hayflick, als Hayflick-Grenze benannt. Dies heißt aber auch, dass aus wenigen Zellen, sehr, sehr, sehr viele werden können – und man eben bis heute und noch länger mit diesen Zelllinien arbeiten kann.

Vor dem Einsatz der menschlichen Zellen hatten Forscher Zellen von Affen verwendet. Doch in diesen steckten oft andere Viren, was ein Problem für die Impfstoffsicherheit darstellte. Man kann auch nicht irgendwelche Zellen nehmen, denn nicht in allen lassen sich Viren gut vermehren.  

Der Polioimpfstoff, der 1963 auf den Markt kam, war der erste Impfstoff, der mithilfe der Zelllinie WI-38 produziert wurde. Unter anderem nutzen auch in den Sechzigerjahren zugelassene Impfstoffe gegen Masern, Mumps und Röteln diese Zelllinie. Vor wenigen Jahren schätzten  zwei Forscher – einer davon Leonard Hayflick selbst – dass die Impfungen, bei deren Entwicklung oder Produktion WI-38 zum Einsatz kam, seitdem etwa 4,5 Milliarden Krankheiten verhindert und 10,3 Millionen Leben gerettet haben.

Und was sagt die katholische Kirche dazu?

Die katholische Kirche hat eine klare Haltung zu Schwangerschaftsabbrüchen, weshalb jene Impfstoffe ein moralisches Problem darstellen, deren Produktion oder Entwicklung eine Verbindung dazu haben. Können Gläubige sich also impfen lassen, obwohl sie Abtreibungen ablehnen?

Bereits im Jahr 2005  veröffentlichte die Päpstliche Akademie für das Leben moralische Überlegungen zu diesen Impfstoffen. Damals ging es in erster Linie um Impfstoffe gegen Röteln. Die Kirche betonte darin, dass sie es für sehr wichtig hält, Impfstoffe ohne den Einsatz dieser Zelllinien zu entwickeln. Gebe es aber keine Alternative, sei es rechtmäßig, sich mit diesen Impfstoffen zu schützen. Röteln sind vor allem in der Schwangerschaft gefährlich, steckt sich eine Schwangere an, kann dies zu Fehlbildungen oder einer Fehlgeburt führen.

Die Kirche hat ihre Haltung zu den Impfstoffen angesichts der Corona-Pandemie nicht geändert, sondern baut auf diesen früheren Aussagen auf, wenn sie jetzt schreibt : Wenn keine anderen Impfungen verfügbar seien, sei es moralisch akzeptabel, Covid-19-Impfstoffe zu erhalten, bei deren Herstellung oder Entwicklung Zellen von abgetriebenen Föten verwendet wurden. Dies bedeute aber nicht, dass man die Verwendung der Zelllinien moralisch gutheiße. 

In welchen Covid-19-Impfstoffen kommen die Zelllinien zum Einsatz?

Laut einem Bericht in »Science«  werden bei mindestens fünf der Covid-19-Impfstoffe entsprechende Zellen verwendet. Darunter ist das Präparat von AstraZeneca und der Oxford University, für das bereits erste Daten aus einer Phase-III-Studie vorliegen.

In vier Fällen produzierten die Zellen Adenoviren, die dann bei der Impfung als Vektoren für Coronavirus-Proteine dienen. Im fünften Fall produzierten die Zellen Teile des Spike-Proteins von Sars-CoV-2. Die Zellen dienen dabei nur als eine Art Fabrik, im Impfstoff selbst sind sie nicht mehr enthalten. Die Viren oder Proteine werden gereinigt, ehe sie in den Impfstoff kommen.

Ob bei der Entwicklung des Impfstoffs von Biontech solche Zelllinien verwendet wurden, beantwortete das Unternehmen auf Nachfrage des SPIEGEL nicht. Man könne »in der Kürze der Zeit kein Statement übermitteln«. Katholische Bischöfe in den USA, die vor Kurzem eine Stellungnahme  zum Thema veröffentlichten, schreiben darin, sowohl Biontech als auch Moderna hätten diese Zelllinien nicht in der Entwicklung und Produktion ihrer Impfstoffe eingesetzt, aber für einen bestimmten Test hätten sie HEK293-Zellen verwendet. Deren Ursprung ist ebenfalls mit einem Schwangerschaftsabbruch verbunden, der in den Siebzigerjahren stattfand. Die Bischöfe schreiben, obwohl die beiden Impfstoffe nicht völlig frei seien von jeglicher Verbindung zu den »moralisch verwerflichen Zelllinien«, sei die Verbindung jedoch sehr weit entfernt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.