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Fotostrecke: Die Spur des Hagelsturms

Foto: Stephan Ley

Nach dem Extremwetter Wenn es plötzlich Eis-Eier hagelt

Der Sturm wütete nur eine Viertelstunde, doch die faustgroßen Hagelkörner zerstörten fast alles. Besuch in einer Gemeinde im Rhein-Sieg-Kreis, über die ein Unwetter hereinbrach.

Hartmut Theuner schaute gerade bei seinem Sohn nach dem Rechten, als der Sturm losbrach. "Ich hab mich aufs Fahrrad geschwungen, weil ich dachte: Da komm ich noch durch. Dann fing der Hagel an. Das war wirklich schmerzhaft." Ein Hagelkorn durchschlug die Außenhülle seines Fahrradhelms.

Die Eisbrocken, die am Sonntagabend, kurz nach 18 Uhr den östlichen Teil des Rhein-Sieg-Kreises trafen, waren "so groß wie Taubeneier" oder sogar "so groß wie Tennisbälle" - je nachdem, wen man fragt. Dokumentiert wurden Brocken mit sieben Zentimeter Durchmesser, in einzelnen Fällen sollen sie neun Zentimeter dick gewesen sein.

Der Sturm zog mit enormer Geschwindigkeit eine rund 100 Kilometer lange Schneise der Verwüstung über Bonn bis ins Siegerland. Hobbyfilmer und Smartphonebesitzer dokumentierten auf YouTube das Zentrum des schweren Sturms.

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Was auch immer darunter lag, geriet in einen kurzen, heftigen Wetter-Albtraum. Der Hagel durchschlug Glas und Kunststoffe, hämmerte tiefe Dellen ins Autoblech, zerschmetterte Scheiben und Dachpfannen. Im rheinischen Holenfeld fand Fensterbauer Stephan Ley sein Dach an sechs Stellen von faustgroßen Löchern perforiert.

Dabei dauerte der Spuk nur 15 Minuten. Nach dem Sturm nahm Hartmut Theuner sein Fahrrad und fuhr weiter. Blätter und abgerissene kleine Äste bedeckten nun die Fahrbahn, auf der das Wasser stand, weil die Kanalisation von Laub und Eis verstopft war. Zu Hause erwarteten ihn durchlöcherte Rollos vor den Fenstern, das gläserne Gewächshaus war zerschmettert, der für die Urlaubsfahrt fertig gepackte Wohnwagen zerbeult, seine Scheiben durchlöchert.

"Ein wirtschaftlicher Totalschaden", meint Theuner. "So nennt man das", erklärt der Siegburger Versicherungsfachmann Burkhard Schäfer, "wenn an einem Auto mit einem bestimmten Wert ein Schaden entsteht, der über dessen Wert liegt."

Am Montag dürfte es mindestens eine vierstellige Zahl von Wagen erwischt haben.

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Schäden an Autos und Häusern sorgen so für die großen Nummern in der Schadensbilanz. Doch hinter den Millionensummen, die nach jedem Extremwetter als Schadensschätzung aufgerufen werden, stecken vielfältige, vermeintliche Bagatellschäden. Zehntausende Bürger wurden durch die stürmische Viertelstunde am Sonntagabend geschädigt. Manche verloren nur ihre Gartenpflanzen, bei anderen gehen die Schäden in die Zehntausende.

Dazu kommt das Gewerbe: Besonders schlimm erwischte es den Pflanzen-Großversand Ahrens und Sieberz, der Sturm zerstörte sämtliche Gewächshäuser. Alle nach Westen weisenden Glasflächen sind zerstört. Die Rahmen der mächtigen Hallen stehen wie Gerippe. "Was da noch an Pflanzen drin ist, können wir auch vergessen", sagt Marktleiter Marc Menden. "Es wäre viel zu gefährlich, zum Gießen da hinein zu gehen."

Maisfelder am Boden

Das wird teuer. Viel schwerer abzuschätzen sind andere Schäden. Wie bemisst man den Wert von 50 nebeneinanderstehenden Bäumen, die vom Sturm regelrecht rasiert wurden? Was heißt es, dass fast überall im Kreis die Maisfelder flach am Boden liegen? Was bedeutet das, wenn so gut wie jedes Rollo, das während des Sturms geschlossen war und nach Westen zeigte, durchlöchert ist?

"Das schlimmste", sagt einer, der am Montagmorgen den Kanal vor seinem Haus vom abgerissenen Laub befreit, "sind die vielen kleinen Schäden. Die ersetzt doch keiner! Töpfe, Pflanzen, Vasen, Gartenmöbel, Putzschäden. Wenn das unter der Selbstbeteiligung der Hagelversicherung bleibt, bleibt man drauf hocken."

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Fensterbauer Stephan Ley, der auch Rollos verbaut, dürfte dagegen in den nächsten Tagen eine Auftragsschwemme erleben. Es sind goldene Tage für Glaser, Dachdecker, Kfz-Gutachter und Fensterbauer. Auch Ley glaubt, dass es für viele Betroffene ein böses Erwachen geben dürfte. Nicht wegen hoher, sondern zu niedriger Preise: "Rollos kosten heute nichts mehr. Wer da nur ein, zwei Fenster zu reparieren hat, dürfte oft genug unter 500 Euro dabei sein." Das aber liegt tatsächlich unter der Selbstbeteiligungsgrenze vieler Versicherungspolicen.

Um zu geringe Schäden muss sich Dieter F. Lange keine Sorgen machen. Er betreibt in einem spektakulären, aus Backsteinen gebauten Wasserwerk-Gebäude aus dem Jahr 1886 eine Kunstgalerie. Zwar ist die Kunst verschont geblieben, doch nach dem Sturm strecken sich beindicke Äste durch ein Fenster in den Ausstellungsraum.

"Ich habe hinten rausgeschaut", erzählt Lange, "weil ich Angst um die Kirsche hatte."

Die, sagt er, lag quer im Wind, blieb am Ende aber stehen. Und dann fiel stattdessen die Buche: 120 Jahre alt, rund 1,20 Meter Stammdurchmesser. Ein riesiger, wunderschöner Baum, die Zerlegung und Entsorgung wird mehrere Tausend Euro kosten. Doch Langes Frau ist aus anderen Gründen den Tränen nah. "Was haben wir darunter gefeiert! Was für eine Tragödie!"

Und korrigiert sich fast sofort: Niemand sei zu Schaden gekommen, das sei ja die Hauptsache. Ein paar Grad mehr nach links, und der Baum hätte das Haus eingedrückt.

So sind die größten Schäden, die der Sturm hinterlässt, dann am Ende wohl emotional. Wer ihn erlebt hat, ist erschrocken.

Was die Medien über den rheinischen Hagelsturm berichten, ist hingegen Routine - Bäume, Bahntrassen, Keller. Feuerwehr und THW. So ist das halt: Irgendwo im Land stürmt es immer, auch heute Abend. Zum Schock wird der Sturm erst dann, wenn er vor der eigenen Haustür wütet.

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