Elterncouch Ins Bett gemacht, und nun?

Von Theodor Ziemßen
Der Morgen danach

Der Morgen danach

Foto: Corbis

Was tun, wenn das Kind ins Bett pinkelt? Manche Eltern schimpfen, andere trösten, die meisten schämen sich. Nicht nötig. Das größte Problem mit dem Bettnässen ist, dass wir es stigmatisieren.

Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch  im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

Ich wache auf, weil Benjamin neben unserem Bett steht. Ganz still, ein kleiner schwarzer Schatten.

"Was ist denn los, Hase?", frage ich.

"Ich habe in die Hose gemacht", sagt er.

Jetzt ist auch meine Frau wach. "Oje, du Armer", befinden wir. Dann läuft alles ab, als hätten wie es vorher Tausende Male geprobt: Meine Frau geht in Benjamins Zimmer, nimmt die Laken ab, stellt die Matratze zum Trocknen an die Heizung. Ich schnappe mir unseren Sohn und ziehe ihm die nassen Sachen aus. Er ist ganz kalt.

"Brrrrr", sage ich, "krabbel schnell unter die Decke, ich rubbel dich warm." Dann liegen wir gemeinsam im Bett und ich drücke den bibbernden Körper fest an meinen, bis wir einschlafen.

Was da passiert ist, habe ich erst am nächsten Morgen so richtig kapiert.

"Sag mal", frage ich Benjamin, "warst du eigentlich so kalt, weil du dich nicht zu uns rüber getraut hast? Hast du Angst gehabt, dass wir böse sind, weil du ins Bett gemacht hast?"

Benjamin macht eine lange Pause. "Ja", sagt er dann ganz leise und ich spüre, wie schwer ihm das fällt.

"Das musst du nicht. Es ist total okay, wenn so was passiert. Du übst ja noch. Und das Bett trocknet." Dann sage ich ihm noch, dass wir ihn immer lieb haben. Er weiß das und das ist mir wichtig. Er weiß aber auch, dass dieses Versprechen nicht bedeutet, dass wir nicht trotzdem manchmal sauer, genervt, streng oder sogar ungerecht sind. Aber ins Bett machen ist schon eine fiese Sache. Da kann man jeden Zuspruch gebrauchen.

Ich erinnere mich noch, wie ich mich als Kind gefühlt habe, wenn ich ins Bett gemacht habe. Vollkommen hilflos - und zugleich, als hätte ich ein Verbrechen begangen. Ich erinnere mich daran, wie um mich herum der Urin langsam kalt wurde, ich mehr und mehr gefroren habe - und mir dabei die schlimmsten Wutausbrüche meiner Eltern, die gemeinsten Strafen für mein Vergehen ausmalte. Als würde ich mich selbst bestrafen wollen.

Eingenässt nach Filmriss

Und ja, ich erinnere mich auch noch daran, wie ich vor ein paar Jahren mal nach einer alkoholschwangeren Nacht am nächsten Morgen aufgewacht bin: Aus irgendeinem bekloppten Grund wollte ich mich trotz Schädel an meinen Schreibtisch setzen. Ging nicht - weil der Stuhl nass war. Was passiert war? Keine Ahnung. Filmriss. Aber es scheint, als hätte ich nachts noch etwas aufschreiben wollen und mich dabei eingepinkelt. Die betrunkenen Notizen habe ich nie gefunden, aber die nasse Hose neben meinem Bett.

Warum ich das erzähle? Weil ich es nur fair finde, auch die Hosen runterzulassen, wenn ich mich über die nächtlichen Pinkel-Erlebnisse meines Sohnes ausbreite. (Bei dieser Gelegenheit auch Entschuldigung an das Etablissement, dem ich einmal nach allzu beherztem Tequila-Genuss ins Waschbecken uriniert habe.)

Ich beschließe jedenfalls, dass Benjamin auf keinen Fall Angst haben soll, dass wir deswegen böse sind. Und es stört mich wirklich nicht. Ein bisschen freue ich mich sogar, das wir beweisen können, dass wir auch in blöden Situationen für ihn da sind.

Machen wir es doch falsch?

Einige Wochen später scheint unsere "Gar nicht schlimm"-Taktik zurückzuschlagen. Benjamin macht drei oder vier Nächte hintereinander ins Bett und ich merke, wie ich mich frage, ob wir vielleicht doch strenger hätten reagieren oder das Einpinkeln in irgendeiner Form stigmatisieren müssen, damit er nicht einfach aus Faulheit sein Bett zum Nachttopf macht.

Morgens im Bad spreche ich darüber mit meiner Frau. Manche Kinder würden von ihren Eltern nachts abgeduscht, wenn sie ins Bett pinkeln, sagt sie. Hauptsächlich wegen des Geruchs - aber das sei gewiss auch abschreckend für ein Kind. Wir überlegen, wie ätzend es sein muss, mitten in der Nacht unter die Dusche geschleift zu werden und entscheiden uns dagegen. Wir sind ja eine Familie und kein Bootcamp. Aber was dann?

Immerhin: Mit unserer Hilflosigkeit in dieser Sache sind wir nicht allein. Ins Bett zu machen ist in unserer Gesellschaft blödsinnig stigmatisiert. Eltern schweigen über das Thema, weil sich die Vorstellung hartnäckig hält, Bettnässen wäre auf psychische Probleme zurückzuführen oder sei schlicht ein Erziehungsfehler. Benjamin ist erst dreieinhalb Jahre alt, damit hat er zumindest laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch die Lizenz zum ins Bett pinkeln. Für die Sonderorganisation der Vereinten Nationen gilt die sogenannte Enuresis erst ab dem 6. Lebensjahr als Erkrankung.

Doch auch schon vorher gilt: Je älter die Kleinen werden, desto peinlicher ist das Bettnässen - den Kindern und den Eltern.

Psychische Ursachen? Psychische Folgen!

Diesen falschen Schamgefühlen versucht die Initiative Trockene Nacht e.V.  entgegenzuwirken. In einer Studie, an der rund 13.000 Schulanfänger teilnahmen , fanden sie heraus, dass etwa 17 Prozent der Jungen und 10 Prozent der Mädchen nachts ins Bett pinkeln. In einem Informationsblatt zur Studie beruhigt der Verein außerdem, Bettnässen sei kein Stigma, sondern eine Erkrankung, die man je nach Ursache (etwa falsches Trinken oder eine nicht altersgerecht entwickelte Blase) unterschiedlich therapieren könne.

Wichtig sei allerdings, dass man sich Hilfe suche und darüber spreche. Denn viel häufiger als psychische Ursachen, habe das Bettnässen psychische Folgen. Etwa wenn Kinder sich nicht trauen, bei Freunden zu übernachten oder mit auf Klassenfahrt zu fahren.

Benjamin macht übrigens nur noch ganz selten ins Bett. Die Lösung war wie so häufig total naheliegend: Er geht einfach jedes Mal vor dem Schlafengehen aufs Klo.

Zum Autor
Foto: Illustration: Michael Meißner

Theodor Ziemßen,
Vater von Benjamin, 6, und Willem, 2

Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben .

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