Washingtons mysteriöser Scharfschütze 8 Kugeln, 6 Tote

Das Muster der unheimlichen Serie von Morden im Großraum Washington könnte einem Hollywood-Drehbuch entstammen: Ein Scharfschütze führt ein Imperium vor. Die besten Ermittler, Kriminalexperten, ein Heer von Polizisten sind machtlos. Der Unbekannte schießt offenbar wahllos Menschen ab wie einst Bill Cody Büffel. Doch es ist Realität.

Von Alexander Schwabe




Ein Heer von Ermittlern versucht den oder die Scharfschützen zu fassen
AP

Ein Heer von Ermittlern versucht den oder die Scharfschützen zu fassen

Washington - Acht Mal hat der Mörder bereits zugeschlagen. Sechs Menschen wurden aus dem Hinterhalt erschossen, möglicherweise aus einem Auto heraus: der 55-jährige James Martin am vergangenen Mittwoch auf dem Parkplatz eines Supermarktes in Silver Spring, dann am Donnerstag vier Menschen in gut zwei Stunden, alle im Bezirk Montgomery vor den Toren Washingtons: der 39-jährige James Buchanan beim Rasenmähen vor einem Autohaus, der 54-jährige Taxifahrer Prenkumar Walekar beim Tanken, die 34-jährige Sarah Ramos nahe einer Postfiliale und die 25-jährige Laurie Ann Lewis-Rivera beim Autowaschen an einer Tankstelle.

Am Donnerstagabend folgte bereits die Fortsetzung: Ein 72-Jähriger wurde beim Überqueren einer Straße in Washington aus dem Hinterhalt erschossen. Am Freitag wurde eine Frau in Fredericksburg im benachbarten US-Staat Virginia, rund 50 Meilen südlich von Washington, beim Beladen ihres Autos vor einem Geschäft von einer Kugel in den Rücken getroffen. Sie überlebte.

Tatort Montgomery County: Sarah Ramos wurde nahe einer Postfiliale erschossen
REUTERS

Tatort Montgomery County: Sarah Ramos wurde nahe einer Postfiliale erschossen

Der Schütze brauchte jeweils nur einen Schuss, um seine Opfer hinzurichten oder lebensgefährlich zu verletzen. Jüngstes Opfer: Ein 13-jähriger Schüler, den der Scharfschütze am Eingang der Benjamin Tasker Mittelschule im Bezirk Prince Georges eiskalt abknallte, als er von seiner Tante am Montag zur Schule gebracht wurde. Im Wegfahren gegen acht Uhr in der Früh hörte sie noch die Schüsse, kehrte sogleich um, fand ihren Neffen daliegen und brachte ihn sofort in ein Krankenhaus, von wo er dann per Hubschrauber in eine Washingtoner Klinik verlegt wurde.

Der Junge wurde durch den Schuss in die Brust so schwer getroffen, dass noch unklar ist, ob er überleben wird. Das Projektil vom Kaliber 223 zersplitterte, als es in seinen Körper eingedrungen war. Der Junge wurde daher an Milz, Niere, Magen, Pankreas und Lunge verletzt.

Alle verfügbaren Beamten der lokalen, regionalen und der Bundespolizei suchen fieberhaft nach dem Mörder. Seit dem Schuss auf den Schüler haben sie die Verfolgung des Täters über ihre professionelle Aufgabe hinaus zu ihrem persönlichen Kampf erklärt. Charles Moose, Polizeichef in Montgomery County, sagte unter Tränen: "Alle Opfer waren unschuldig und wehrlos, doch nun gehen die Täter zu weit, denn unsere Kinder haben das nicht verdient." Und Ermittler Mike Bouchard deutete an, was mit dem Verbrecher geschehen wird, sollte er gefasst werden: "Wir haben die Handschuhe ausgezogen."

Bluttat an einer Tankstelle: Taxifahrer Prenkumar Walekar wurde beim Tanken tödlich getroffen
REUTERS

Bluttat an einer Tankstelle: Taxifahrer Prenkumar Walekar wurde beim Tanken tödlich getroffen

Die Fahnder konzentrieren sich derzeit auf die Suche nach einem weißen Minilaster, den mehrere Zeugen nahe der Tatorte gesehen haben wollen. Zwei Personen sollen sich darin befunden haben. Profiler sind dabei, sich ein Bild von dem Täter oder den Tätern zu verschaffen. Ein Kriminalexperte beschreibt die Aufgabe so: "Man muss klären, welche Entscheidungen der Täter während des Verbrechensablauf getroffen hat, ohne mit ihm zu sprechen." Wie ein Puzzle versuchen Spezialisten Hunderte von Hinweise zusammenzusetzen, um zum Täter zu kommen. 15 Ermittler sind nur damit beschäftigt, Telefonanrufe entgegenzunehmen.

Nicht nur die Polizei ist im Ausnahmezustand, auch das öffentliche Leben hat sich seit Beginn der Mordserie einschneidend verändert. Öfter als sonst rasen Polizeiwagen mit lautem Sirenengeheul durch den Washingtoner Pendlerverkehr, um Hinweisen nach dem Verbrecher nachzujagen - bisher ohne Erfolg. Lehrer kleben die Fenster ihrer Klassenzimmer mit Papier zu, damit ein Schütze kein Ziel finden kann. Viele Eltern schicken ihre Kinder schon gar nicht mehr zur Schule, obwohl die Behörden den Schulbetrieb aufrecht erhalten wollen.

Eltern wurde geraten, Kinder nur noch in Begleitung Erwachsener ins Freie zu lassen. Rund 120 Polizei- und Feuerwehrhilfskräfte bewachen Schulen im gesamten Distrikt. Vielen Bürgern ist dies nicht sicher genug. Sie trauen sich selbst nicht mehr auf die Straße, seit das Einkaufen, das Tanken, das Sitzen auf einer Bank zum Lotteriespiel geworden ist.



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